Briefe an Freunde, Tutujas (Norbert Schott)

Mücken und anderes gefräßiges, summendes Getier (15. Juni 2012)

Wir sind im Wald angekommen, in unserem alten Holzhaus, welches jahrelang nur als Sommersitz gedient hat, nun aber für hoffentlich ein ganzes Jahr unser Wohnort sein soll.

Es ist warm, tierisch warm. Mein Telefon sagt mir, dass es in Deutschland unter 20 Grad sind. Wir haben hier diese Woche 34 Grad erleben dürfen. Auch nachts sind es selten unter 20 Grad. Sibirischer Sommer - ausgleichende Gerechtigkeit für den Winter.

Wobei, angenehm sind 34 Grad in sibirischen Wäldern nicht wirklich. Ganz im Gegenteil - ich bin der Meinung, dass man bei der traditionellen Verbannung nach Sibirien nicht die Kälte als Strafe ansah, sondern die Mücken! Wenn es in Deutschland unter 20 Mücken im Radius von einigen Metern gibt, so sind es im sibirischen Wald nicht nur 34 (siehe oben), sondern eher 340. Es summt immer und überall. Man muss schon im Fluss tauchen, um mal kurz Ruhe zu haben.

Man hat also die exzellente Auswahl, bei 34 Grad in langärmliger Kleidung zu schwitzen oder sich den freien Oberkörper vollkommen zerstechen zu lassen. Und es greifen nicht nur Mücken an, sondern auch Kriebelmücken (machen Löcher in die Haut, spucken Antigerinnungsmittel rein und trinken dann in Ruhe), Bremsen (machen riesige Flatschen und schwirren ewig um den Kopf rum), Wespen, Hornissen sowie ab und zu auch wildgewordene Bienen vom Nachbarn (attackieren zum Glück eher langhaarige Frauen).

Nachts finden sie irgendwie winzige Lücken, um ins Haus zu kriechen. Die Auswege sind ein abschaltbares Gehör (Summen lässt sich bei mir aber nicht ausblenden), ein Mückennetz (fällt mir ständig ins Gesicht) oder ein wundersamer kleiner Stecker, den man mit "Fumitox" genannten Plättchen gefüllt, in die Steckdose steckt. Plötzlich fallen die Mücken von den Wänden. Nach einer schlaflosen Nacht und einer rotgefleckten Wand haben wir uns - trotz des nicht gerade natürlich klingenden Namens - für Fumitox entschieden.

Warum will man dennoch in der Taiga leben? (3. Juli 2012)

nach dem ersten Eindruck der Mücken und Bremsen möchte ich nun auch erläutern, warum wir dennoch freiwillig hier sind.

Im Moment sitze ich auf dem Holzfußboden in einem unserer zwei Räume. Vor dem Haus zirpen die Graßhüpfer. Irgendwo heult ein Hund. Manchmal singen liebeslustige. Tagsüber hört man den Kuckuck. Nur am Wochenende sucht uns die Zivilisation heim - die Städter singen wahlweise Karaoke oder mähen mit unglaublicher Geduld riesige Rasenflächen mit Hilfe von viel zu kleinen Rasentrimmern. Beides kann sich über Stunden hinziehen.

Im Gegensatz zur Stadt - dies durften wir bei einem kleinen Ausflug diese Woche erleben - können wir die Hitze hier im Dorf kompensieren. Unser an sich kleiner Fluss ist stellenweise so tief, dass ich nicht stehen kann. Zu Fuß sind es etwa 10 Minuten zum steinigen Ufer und 20 Minuten zum Sandstrand. Dort kann man dann Arthur auch gleich noch eine Murmelbahn im Sand bauen. (Interessanterweise gibt es im Russischen kein Wort für Murmelbahn - vielleicht hat Deutschland auch die bekannteren Ingenieure.)

Für Arthur ist es grundsätzlich ideal hier. Jederzeit kann er raus vor die Tür oder auch wieder rein ins Haus. Er braucht dafür keine Mama, die ihn anzieht, und keinen Papa, der im Fahrstuhl den Knopf drückt. Niemand muss aufpassen, dass auf dem Parkplatz keine Autos rumfahren. Es gibt zwar Autos, aber zwischen Grundstück und Straße ist ein Zaun, der zunächst einmal Kühe aussperren soll und somit aber praktischer Weise auch Kinder einsperrt.

Zum Waschen gibt es den Fluss und die Wassertonne. Zweimal die Woche heizen wir die Banja an und waschen uns in dieser russischen Variante der Sauna. Danach freut man sich sogar über das kalte Wasser aus der Pumpe.

Im Garten sind im Moment die Erdbeeren sowie die "blauen Heckenkirschen" (in deutschen Baumärkten auch vollkommen falsch "sibirische Blaubeere" bezeichnet) reif. Hunger? Raus in den Garten, pflücken, essen. Rund um die Uhr, wann immer man will. Die Nachbarn verkaufen frisch gemolkene Milch sowie frisch geschleuderten Honig. Zwei Häuser weiter gibt es Eier von offensichtlich wirklich glücklichen Hühnern.

Demnächst kommen dann die eigenen Tomaten, der Salat, die Kohlrabi (extra für mich), die Auberginen, die Kartoffeln - alles ist da, alles wächst wie verrückt. Und wir mittendrin.

Tagesablauf im Dorf (10. Juli 2012)

Wie läuft so ein Tag mit zwei kleinen Kindern im russischen Dorf ab?

Erster Tagesordnungspunkt ist irgendwann zwischen 1 und 5 Uhr, dass sich Jan zur Raubtierfütterung meldet. Der Rest der Familie begehrt erst gegen 9 Uhr zu Essen. Für mich gibt es - soweit bin ich der Zivilisation noch nicht entflohen - Nutellabrote, der Rest der Familie isst "Kascha" (Brei) - aus Haferflocken, gemahlenem Mais, Roggenflocken, Weizenflocken, Buchweizenflocken oder Gries. Milch kaufen wir beim Nachbarn, frisch von der Kuh.

Nach dem Frühstück gehen wir spazieren - durch das doch recht ausgedehnte Dorf, zum Kräutersammeln in den Wald, zum Baden an den Fluss. Wahlweise bleibt auch einer von uns am Haus und widmet sich dem Unkraut im Garten, dem Kartoffeln-Hacken, dem Beeren-Sammeln oder ähnlichen Tätigkeiten. Interessant ist, dass Mücken und Fliegen zwischen spazierenden und arbeitenden Menschen unterscheiden können - der arbeitende Mensch hat beide Hände in Verwendung und kann sich nicht wehren. Er ist also das bessere Opfer.

Mittagessen - was man halt so isst. Salat aus dem Garten, Kartoffeln aus dem städtischen Vorratskeller, Fleisch aus dem Tiefkühlfach. Wegen einem Jahr schaffen wir uns natürlich keine eigene Kuh oder Hühner an, wie sie die wenigen verbliebenen echten Einwohner im Dorf noch haben.

Arthur schläft dann eine Runde, oder auch nicht. Wir nutzen die Zeit zu diversen Arbeiten am Haus, zum Wäschewaschen (mit der Hand) oder ähnlichem.

Abends geht es noch einmal spazieren oder noch einmal zur Gartenarbeit. Oder wir heizen die Banja an . Wasser von der Pumpe zum Wasserbehälter am Ofen tragen, Asche aus dem Ofen wegbringen, anheizen, kaltes Wasser zum Abkühlen bereitstellen.

Abendbrot, Banja, vielleicht noch eine "Sendung mit der Maus" aus der Konserve für Arthur - und dann geht Xenia mit den Kindern schlafen. Ich bringe noch den Haushalt in Ordnung - Geschirr spülen (den Geschirrspüler vermisse ich wirklich), Biomüll zum Komposthaufen bringen, Herd putzen und Wasser für den nächsten Tag von der Pumpe holen und im Haus bereitstellen.

Wenn das Internet tagsüber stabil genug war, dann kann ich nun noch etwas in meiner digitalen Tageszeitung blättern, die mein mobiles Endgerät heruntergeladen hat. Online gehen wir über eine Antenne, die an einem hohen Stab über dem Dach hängt - Internet wie in den 90er Jahren. Für ein Megabyte warten wir manchmal einige Minuten. Manchmal kann man aber auch Skypen, für wenige Minuten und natürlich ohne Video.

Am Wochenende läuft es etwas anders ab. Dann sind auch meine Schwiegereltern da und es gibt deutlich mehr zu tun. Die letzten Wochen haben wir ein neues Nebengebäude zum Kochen und Essen im Sommer gebaut ("Sommerküche"). Letztes Wochenende musste die Banja aufgerichtet werden, die der Sumpfboden jedes Frühjahr nach der Schneeschmelze in irgendeine Richtung in die Tiefe ziehen will. Eine simple Dusche haben wir ebenso aufgebaut.

Einige Stunden pro Woche arbeite ich auch noch - weswegen wir vor allem die oben erwähnte Antenne benötigen. Man soll sich ja nicht zu sehr an die Freiheiten des Dorflebens gewöhnen.

Tiere im Dorf und im Wald (31. Juli 2012)

Gleich vorweg: die Wälder rund um unsere Datscha brennen nicht. Bis Tomsk sind es von hier über 300 Kilometer nach Norden. Der Wind weht den Qualm der dortigen Brände nach Westen, Richtung Nowosibirsk. Dort waren wir letzte Woche für einige Tage - und es war wirklich unangenehm. Etwa 500 Meter Sicht und die ganze Zeit ein unterschwelliger Duft wie am Lagerfeuer. Dazu noch stabil über 30 Grad, auch nachts nicht viel angenehmer.

Was für eine Freude war es, in das Dorf zurückzukehren, wo es nachts immerhin unter 20 Grad sind und eine kühle Brise durch das Haus weht.

Hier im Dorf ist alles beim Alten. Wobei, wie ganz früher ist es natürlich auch hier nicht mehr.

Aktuell sind noch reichlich 20 Höfe minimal bewirtschaftet - meist mit Federvieh und Kühen. Letzteres bedeutet Milch und Mist, Hühner und Gänse liefern frische Eier - alles Ware, die auch an die Sommergäste im Dorf verkauft werden kann. Das Fleisch der Tiere wird hingegen für den Eigenbedarf verwendet. Schweine hält niemand mehr - allein das Fleisch lohnt nicht die Mühe, und Leder gewinnt niemand mehr manuell.

Pferde waren auch vor 20 Jahren schon selten, zuletzt gab es ein oder zwei Höfe mit Zugpferden. Jetzt verläuft sich nur ab und zu noch ein einzelnes Pferd ins Dorf - aus Herden, die eigentlich 10 Kilometer vor dem Dorf am großen Fluss grasen. Schafe haben in unserem Dorf nie eine Bedeutung gespielt, vermutlich passt die Vegetation einfach nicht.

Honig wurde ganz früher in dieser Gegend aus wilden Bienennestern geholt, damals noch in Konkurrenz mit Bären. Heute hat beispielsweise unser Nachbar etwa 25 Bienenstöcke - ein finanziell recht erfolgreiches Hobby. Immerhin konnte er vom Erlös eine Eigentumswohnung in der nächsten Stadt sowie ein Auto kaufen.

Von den Bären merkt man heute kaum noch etwas, auch wenn sie sich in den Wäldern herumtreiben. Ebenso Elche verirren sich nur alle paar Jahrzehnte mal ins Dorf. Auch von Wölfen geht im Gegensatz zur Zeit vor 100 Jahren kaum noch eine Gefahr aus - sehr selten kehrt eine Kuh abends nicht aus dem Wald zurück. Anderes Großwild gibt es kaum - Vielfraße leben nördlicher, Hirsche und Rehe eher in den Bergen tiefer im Wald. Meine Recherchen zu Wildschweinen laufen noch.

An Kleintier findet man eine große Vielfalt: Streifenhörnchen, Eichhörnchen, Hasen oder auch Biber, die in den Bächen des Waldes ihre eindrucksvollen Dämme bauen.

In der Luft tummeln sich recht eindrucksvolle Falken, aber auch schillernde Eisvögel - die es laut Wikipedia in Sibirien gar nicht geben soll. Besondern beeindruckt haben mich die Eulen, die in lauen Herbstnächten in wenigen Metern Höhe über Menschen ihre Runden drehen können. Fledermäuse haben wir natürlich auch zu bieten, in einigen Jahren sogar in unserem Dachstuhl.

Im Holzschuppen hat dieses Jahr hingegen die Katze des Nachbarn ihre drei Jungen versteckt. Zum Glück sind sie schlau genug, sich ständig schnell zu verstecken, wenn man sich ihnen nähert - das wird ihnen wohl das Leben retten. Und Arthur freut sich auch, wenn er sie aus einigen Metern Entfernung beobachten kann.

Kleine Welt an große Welt (25. Oktober 2012)

Erster Schnee im Oktober 2012

Unsere Welt ist nun recht übersichtlich geworden. Am Sonntag ist das letzte Mal die Fähre über den Fluss gefahren. Wir sind nun bis Ende Dezember ohne Straßenanschluss. Also die Straße gibt es noch - 10 Kilometer bis zum Fluss können wir fahren.

Dort kann man im Moment auch noch mit abenteuerlichen Holzkähnen übersetzen - aber darauf sollte man maximal für dringend benötigte Produkte wie Nuss-Nougatcreme zurückgreifen. Ansonsten lebt man von den Vorräten. 20 Kilogramm Mehl für Brot, 15 Dosen Fleisch, ein volles Gefrierfach, drei Säcke Kartoffeln, endlos Nudeln, Reis und sonstige kochbare Dinge.

Am Montag gab es natürlich prompt einen richtig ordentlichen Sturm. Gewächshäuser flogen durch die Luft, bei uns hat es mehrere große Metallbleche durch den Garten gewirbelt. Nach etwa einer Stunde ist der erste Baum auf die Überlandleitung gefallen, die das Dorf mit Strom versorgt.

Unsere Bedenken, dass wir nun das Benzin für den sicherheitshalber vorhandenen Generator bis Ende Dezember strecken müssen und am Ende Familienstreit ausbricht, ob Licht, Trickfilme, E-Mails oder Mobiltelefon Aufladen wichtiger sind, erwiesen sich als unbegründet. Bereits Dienstagmittag war das Licht wieder da. Den umgekippten Strommast im Dorf haben die Einwohner selbst wieder hingestellt, für die abgerissenen Kabel im Wald wurde Ersatz mit den erwähnten Nuss-Nougat-Creme-Lieferbooten über den Fluss gebracht. Die Logistik auf dieser Seite des Flusses haben ebenso die Dorfbewohner übernommen.

Die Zahl dieser ist jetzt natürlich recht überschaubar. Rund um uns sind fünf Häuser ständig bewohnt - damit gehören wir zu einer der lebhaften Ecken. Durch unsere Anwesenheit wird das Durchschnittsalter der Nachbarschaft deutlich reduziert - alle anderen sind durchweg Rentner, bis ins hohe Alter von 84 Jahren.

Heute morgen hatten wir auch den ersten Schnee - reichlich spät für dieses Jahr. Bislang war es immer klar und kalt oder bewölkt und warm. Nun werden die Tage aber so kurz, dass Wolken und Kälte sich nicht mehr ausschließen. Ab November wird der Schnee dann sicher auch ständig liegenbleiben. Wenn der Winter genauso winterlich wird, wie der Sommer sommerlich war - dann steht uns eine wirklich spannende zweite Hälfte unseres "Jahres im sibirischen Dorf" bevor.

Russland spendiert mir eine beleuchtete Skiloipe (7. November 2012)

Wir haben 20 Zentimeter Neuschnee und knapp unter 0 Grad. Den letzten Gästen für diesen Herbst haben wir am Montag am Fluss zum Abschied gewunken, während sie ein geschäftstüchtiger Bootsbesitzer durch die Eisschollen schipperte.

Nun kehrt engültig Ruhe im Dorf ein. Während es die letzten Wochen noch Tagesbesucher gab, ist es nun richtig ruhig. Bis 12 Uhr war eine Motorradspur im Schnee zu sehen, bis zum Abend sind vielleicht vier Fahrzeuge im Dorf hin- und hergefahren.

Es war nicht immer so ruhig hier. Früher gab es im Tal des Flüsschens Tutujas fünf Siedlungen: Ust-Mrass nahe der Mündung des Tutujas in dem Tom - ein Dorf der traditionellen Ureinwohner, der Schoren. Tutujas 8 Kilometer nördlich - das größte Dorf im Tal, wo auch wir im Moment leben. Und drei Arbeitslager - Plotina ("Staudamm") bei Kilometer 4, Aksas bei Kilometer 20, Verchni Tutujas ("Oberes Tutujas") bei Kilometer 36.

Obwohl sich Moskau noch immer bemüht, die Straflager notfalls mit Nachwuchsmusikern zu füllen, wurden das letzte Lager im Tal hier bereits 1974 geschlossen. Der Grund ist einfach - die Lagerarbeiter hatten vor allem Bäume für Bauholz zu fällen, und die Bäume waren alle. Die Aufgabe der letzten Lagerarbeiter war es, das eigene Domizil zu demontieren, um es anderswo wieder aufzubauen. Deswegen sieht man heute kaum noch Spuren der Lager.

In Aksas und Plotina sind im Sommer noch einige Häuser als Datschen in Benutzung, das Stromnetz wurde aber schon vor Jahren gekappt. Verchni Tutujas wird nur noch als Ortsbestimmung genutzt, aber für die Fahrt dahin muss man mehrere Stunden mit geländefähigen Fahrzeugen einplanen. Nur Ust-Mrass und Tutujas sind noch ganzjährig bewohnt.

In Tutujas brummte einst das Leben.

Die Schule hatte 500 Schüler, es gab Zweigstellen mit weiteren Grundschulklassen in Ust-Mrass und Aksas. Die Schule wurde 1984 geschlossen, die letzten Kinder mussten auf die andere Seite des großen Flusses in die Schule, mit Internat. Das allerletzte Schulkind wurde vor sechs Jahren an Wintersamstagen noch mit dem Pferdeschlitten dort abgeholt. Inzwischen gibt es hier Kinder nur noch in den Sommerferien - und nun für ein Jahr unsere zwei Nachwuchswintersportler.

Das Dorf hatte drei Läden, wovon einer im Sommer noch als Kiosk Schokolade, Bier und Wodka anbietet. Es gab ein Kulturhaus mit Park - heute zeugen davon einige Pappeln, die unentschlossen in der Landschaft herumstehen. Es gab ein zweietagiges Kontor der Forstverwaltung, wo zeitweise bis zu zehn Buchhalter saßen - spurlos abgetragen. Es gab einen Hof mit über 20 Arbeits- und Reitpferden. Die Ärzte des Dorfes arbeiteten in einem Krankenhaus mit mehreren stationären Betten. Berufstätige konnten in einer Mensa essen. Alles spurlos verschwunden.

Aber Russland hat das Dorf nicht aufgegeben. Der Fortschritt hat das Dorf erreicht! Seit 2010 gibt es Straßenbeleuchtung! Während die Beleuchtung der Novosibirsker Skiloipen seit Jahren defekt sind, konnte ich heute im Laternenschein den Schnee genießen. Jemand anderes war übrigens nicht zu erblicken. Wer auch?!

Gastarbeiter in der Taiga (2. Dezember 2012)

Selbst in unserem kleinen aussterbenden sibirischen Dorf gibt es Gastarbeiter - usbekische. Sie kümmern sich, wie überall in der Welt, um Dinge, für die Einheimische lieber Geld geben, als sie selbst zu machen. In Sibirien ist das beispielsweise Schnee schippen. Also räumt Daston, einer der beiden Usbeken, jeden Tag den frischen Schnee in der Einfahrt eines Russen weg - obwohl der Hausherr gar nicht da ist. Vier Wochen lang Schnee schippen - für niemanden.

Diese Woche hat Daston aber an jenem Haus Schnee geschippt, wo er selbst zur Miete wohnt. Nicht, weil er endlich mal irgendwo Schnee räumen wollte, wo es Sinn macht - sondern weil ihm offensichtlich kalt war. Nach einer Nacht mit -32 Grad schaufelte Daston sein Haus bis knapp über die Fensterbretter mit Schnee zu - Wärmedämmung. Klingt abstrus, ist es aber nicht - ich habe dies schon vor drei Wochen gemacht. Gerade bei Häusern, die zum Schutz vor dem Sumpfboden auf Stelzen stehen, ist dies die einfachste Variante zum Abdichten des Fußbodens. Alternativ kann man auch mit Erde die Lücke zwischen Boden und Hauswand verschließen - aber dann muss man im Frühjahr wieder zur Schaufel greifen, denn die Erde taut nicht von allein weg.

Inzwischen haben wir auch wieder einen Anschluss an die Außenwelt. Die Straße zum Fluss wird ab und zu von einem Raupenfahrzeug des ehemaligen Sägewerks geräumt - mit schiefem Dach und schief lächelndem Fahrer. Zugegeben sind wir die einzigen, die sich mit einem gewöhnlichen Pkw aus dem Dorf herauswagen - alle anderen haben geländefähige Kleinbusse sowjetischer Produktion. Wo diese noch durchkommen, muss ich schon zu Schaufel greifen und das Auto freischaufeln - ohne usbekische Helfer keine erstrebenswerte Erfahrung.

Der Fluss ist noch an vielen Stellen offen, aber hier und da gibt es auch Bereiche, wo nur noch am Ufer ein dünner Streifen von 2 Meter Wasser zu sehen ist. Und da es kein deutsches Warnschild gibt, "Betreten der Eisfläche verboten", hat irgendwer ein Brett über die letzte Lücke gelegt und nun wird der Fluss schon seit zwei Wochen zu Fuß, mit Schneemobilen oder Quads überquert.

Unter den ersten Fremden des Winters waren wiederum zwei Gastarbeiter - mit breitem aserbaidschanischem Akzent fragten sie mich, wo man im Dorf selbstgebrannten Wodka bekäme - sie wären extra deswegen gekommen. Ich war ganz erstaunt, dass es so etwas hier gibt. Offensichtlich bin ich deutscher Gastarbeiter viel zu naiv. Xenia wusste sofort, zu welchem Haus ich die zwei hätte schicken müssen.

Prost! Auf den Winter!

Zwölf Tonnen Eisen auf 50 Zentimeter Eis (17. Dezember 2012)

Zwei der drei Traktoren im Fluss

Gestern nachmittag wollte ich zu Fuß den Fluss, welcher uns von der Außenwelt trennt, überqueren. Dabei wollte ich einige Meter sparen und habe den schmaleren Trampelpfad genutzt - nach mehreren Nächten mit minus 40 Grad sollte das Eis nun wirklich tragen. Sollte. In der Mitte des Flusses war alles prima, aber im Uferbereich stand ich plötzlich knietief im Wasser. Aber erstaunlicher Weise friert man auch in durchgeweichten Filzstiefeln nicht so schnell. Für den Rückweg habe ich dann gelernt und den breiteren Trampelpfad genutzt.

Heute sollte eine Straße über diesen Fluss eröffnet werden. Das Eis ist an jener Stelle 50 Zentimeter dick und nur die Zufahrt zur Überquerung muss noch vom Schnee befreit werden. Für solche Zwecke hat die sowjetische Schwerindustrie einst Geräte wie den "Kirowez" erfunden - ein zwölf Tonnen schwerer allradgetriebener Traktor. Zwölf Tonnen und 50 Zentimeter - auch das hat in der Flussmitte funktioniert, aber nicht im Uferbereich. Nun steckte ein Kirowez reichlich einen Meter tief im Eis fest.

Ich kenne mich mit sibirischen Flüssen nicht wirklich aus - aber ich hätte vermutet, dass wenige Meter neben einem eingebrochenen Traktor auch ein zweiter einbrechen könnte. Aber gut, man kann es ja versuchen. Es standen nun also zwei Kirowez auf dem Grund des Flusses.

Spätestens jetzt sollte auch ein Traktorfahrer andere Lösungen in Betracht ziehen. Auch ein russischer Traktorfahrer. Und die Lösung sollte nicht sein: "Wenn wir schon zwei Kirowez versenkt haben, probieren wir es mit einem anderen Modell aus." Sollte. Aber im Fluss haben auch drei Traktoren Platz.

Ein vierter Traktor hatte sich schon auf seinen Einsatz als Tauchgerät vorbereitet, bis offensichtlich irgendwer Handlung und mögliche Folgen abwägte - das Gefährt wurde vom Eis geschickt. Vielleicht auch nur, weil das Modell deutlich zu leicht war. Um einzubrechen. Aber auch um mehrere Zwölftonner aus dieser Tiefe herauszuziehen.

Inzwischen ist eine ganze Hilfsmannschaft angerückt. Die drei Traktoren werden über Kanister mit Benzin versorgt, damit sie im Eiswasser vor sich hinblubbern können und wenigstens die Motoren nicht einfrieren.

Mit Einbruch der Dunkelheit war der erste Traktor wieder an Land - nun hatte man auf einer nahegelegenen Insel eine Arbeitsfläche gerodet und von dort aus mit einem Bagger nachgeholfen. Die zwei anderen Traktoren stehen leider quer zur Insel und weiter vom Ufer entfernt. Es wird deutlich schwieriger, sie zu retten. Aber auch sie müssen so schnell wie möglich raus. Je länger sie stehen, desto tiefer frieren sie ein. Schon nach wenigen Stunden war die Eisdecke rund um sie fest geschlossen - immerhin sind auch tagsüber minus 30 Grad. Und wenn man sie im Fluss belässt, wird sie im Frühjahr das aufbrechende Eis zerquetschen und eventuelle Reste etliche Kilometer weiter in den Tiefen des Flusses versenken.

Wir bleiben also weiterhin ohne Straßenanschluss und müssen zu Fuß über den Fluss. Auf dem breiten Trampelpfad!

Presse und Wirklichkeit (24. Dezember 2012)

Wir haben weiße Weihnachten. Aber es ist zugegeben etwas frisch. Seit zwei Wochen sind es nachts um die -40 Grad, tagsüber etwa -30 Grad. Rekord waren -45 Grad am Dienstagmorgen. Klingt natürlich spektakulär, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis die gewöhnlichen Horrorgeschichten in der Presse auftauchen.

spiegel.de: Bis zu minus 57 Grad - Russen erleben heftigsten Winter seit 50 Jahren

Beginnen wir mit der Überschrift: "Russen erleben heftigsten Winter seit 50 Jahren". Da hat der Redakteur wohl die Originalnachricht der Agentur (dpa) nicht richtig gelesen, denn dort heißt es korrekt: "In Russland herrschen derzeit die heftigsten Dezemberfröste seit 50 Jahren." Mit anderen Worten: Der Dezember war etwa so kalt, wie es normalerweise erst im Januar wird. Das ergibt aber noch keinen Rekordwinter.

"Am schlimmsten ist es in der riesigen Teilrepublik Sacha in Sibirien. Dort sinken die Temperaturen in diesen Tagen auf bis zu minus 57 Grad." Ein Blick in das Lexikon hätte geholfen - in Sacha liegt der Kältepol der Erde, dort wurden schon -71 Grad gemessen. Im Januar sind beispielsweise in Oimjakon -50 der Durchschnitt. Einzelne Tage mit -57 entsprechen also in etwa dem Sack Reis, der in China umgefallen ist.

"In Moskau warnen Ärzte vor Gesundheitsproblemen: Kinder unter drei Jahren sollten bei Temperaturen ab minus 20 Grad nicht mehr aus dem Haus." Indirekte Zitate ohne Namen machen sich immer gut, weil nicht nachprüfbar. Alla Gennadjewnja Popowa, Kinderärztin in der 1. Polyklinik Novosibirsk, rät auch bei -30 Grad selbst mit Neugeborenen spazieren zu gehen - mit entsprechender Kleidung natürlich. Man kann doch nicht monatelang nur im Haus sitzen?! Selbst mit Erkältung wurde uns zu kurzen Spaziergängen geraten.

"Wer schnell in den Supermarkt springt, lässt den Motor wie selbstverständlich laufen - der Wagen würde sonst nicht wieder anspringen." Vollkommener Blödsinn - wenn ein Auto erst einmal warmgelaufen ist, springt es noch ein bis drei Stunden später wieder an. Erst dann muss man kreativ werden. Da uns eine Feuerstelle in der Garage als zu komplex erscheint, stellen wir beispielsweise für eine Stunde einen Heizlüfter unter das Auto. Bei -40 Grad lässt sich so selbst ein französischer Wagen wieder starten.

"Jeden Tag sterben Dutzende Menschen an Kohlenmonoxidvergiftungen oder bei Gasexplosionen, weil sie sich an maroden Öfen oder offenen Feuern wärmen wollen." Wie schafft man es, sich an einem offenen Feuer zu vergiften? Oder machen dpa-Redakteure offene Feuer in geschlossenen Räumen? Und wegen eines maroden Ofens erfriert man, aber man holt sich wohl kaum eine Kohlenmonoxidvergiftung. Der Grund ist ein anderer: in den traditionellen Holzhäusern mit ihren riesigen Ziegelöfen wird ein oder zweimal am Tag kräftig geheizt und danach der Schornstein mit einer Klappe verschlossen - damit es nicht die ganze warme Luft aus dem Haus nach oben herauszieht. Natürlich sollte man die Klappe erst schließen, wenn kaum noch Glut im Ofen ist. Sollte.

"Wegen des schweren Frosts planen zahlreiche Russen zu Neujahr die Flucht ins warme Ausland." Der Frost begann vor knapp zwei Wochen - so schnell wird auch im sehr spontanen Russland kein Urlaub angesetzt. Und dass warme Ziele eine nette Idee über die Neujahrsferien sind, hat sich hier schon länger rumgesprochen.

"Mit flaschenweise Wodka wärmen sich nicht nur Obdachlose auf." Das stimmt sogar. Letzte Woche ist auf der Überlandstraße zwischen Novosibirsk und Omsk ein Zirkustransporter ausgebrannt. Die Tiere - zwei Elefanten - konnten gerettet werden. Damit sie nicht erfrieren, hat ihr Tierpfleger sie zunächst die Straße entlanggetrieben. (Man stelle sich bitte das Bild vor - zwei Elefanten rennen bei tiefem Frost eine verschneite Bundesstraße entlang, dahinter ein Typ im Trainingsanzug.) Da auch der Zirkusdirektor keinen Elefantentransporter herzaubern konnte, behalf man sich mit zwei Kästen Wodka vermischt mit Wasser, um den Blutkreislauf der Tiere in Gang zu halten, bis Hilfe eintraf. Die Tiere konnten die Nacht dann im nächsten Städtchen in einer Garage verbringen.

Nicht gerettet wurde übrigens einer der drei Traktoren im Fluss bei uns. Er ist nun komplett eingefroren.

P.S.: Unsere drei Traktoren im lokalen Fernsehen:



Hochwasserschutzmaßnahmen des Katastrophenschutzministeriums (23. Februar 2013)

wir befinden uns im Hochwassergebiet, teilte uns der russische Staat mit - in Form der Dorfvorsteherin, die uns ein Merkblatt vorbeibrachte. Wichtigste Vorsichtsmaßnahme, fett gedruckt - Abschluss einer Versicherung auf den Besitz, die Gebäude und Haustiere. Wir wollten die Mäuse und wilden Katzen im Gebälk nicht versichern, andere Haustiere haben wir noch nicht bemerkt.

Ansonsten solle man alle wichtigen Gegenstände auf den Dachboden bringen, Fenster und Türen sichern, Baumaterial im Hof befestigen und Schwimmhilfen ("wenn nicht vorhanden: Balken und Bretter") vorbereiten. Für Tiere sollte gemeinsam mit den Nachbarn eine Anhöhe ausgewählt werden, wo man das Hausvieh zusammentreiben könne. Als Notunterkünfte sind drei Schulen und ein Club in der Kreisstadt vorbereitet, man solle bitte alle wichtigen Dokumente für eine mögliche Evakuierung bereitlegen.

Über eine Evakuierung wird man auf einer Radiofrequenz informiert, die kein zeitgemäßes Radio empfangen kann (69,38 MHz im OIRT-Band). Ferner würden Fahrzeuge des Kastastrophenschutzes mit Lautsprecher Informationen verbreiten - jedoch hat unser Dorf im Frühjahr gar keinen Straßenanschluss.

Sollte man vom Wasser überrascht werden, wird einem empfohlen, auf Dächer oder Bäume zu klettern und sich mit Fahnen (tagsüber) und Taschenlampen (nachts) sowie Schreien bemerkbar machen. Eine selbstständige Evakuierung wird nur in Notfällen empfohlen, man solle aber bitte unterwegs schwimmende Leute mitnehmen.

Gänzlich unbegründet ist die Warnung natürlich nicht - der Winter hat ordentlich Schnee gebracht. Nach dem letzten Schneefall am Mittwoch haben wir im Garten 1,10 Meter Schnee gemessen. Im Moment sind es zehn Zentimerter weniger, da der Schnee fortwährend unter seiner eigenen Last zusammensackt. Jeden Schneefall einzeln gemessen wären wir bei über zwei Metern.

Dennoch stand unser Haus bislang nie unter Wasser, selbst in den Jahren, als das Eis auf dem Fluss Dämme bildete, die aus Hubschraubern gesprengt werden mussten.

Interessant war noch zu erfahren, wie viele Bewohner de facto im Dorf überwintern. Während offiziell nur 23 Einwohner mit Hauptwohnsitz gemeldet sind, sind in Wirklichkeit 53 Häuser bewohnt, von 97 Personen. Sogar ein Kind wurde im Winter geboren, aber in einem anderen Teil des Dorfes - ohne Hochwassergefahr.

Winter (3. März 2013)

In den 1920er Jahren wurde der Februar in Sibirien noch so wahrgenommen: "Wehe aber, wenn uns ein 'Buran' (sibirischer Schneesturm) überraschen würde! Er risse die Schneedecke trotz ihrer Härte auf, und die beissenden Schneenadeln würden uns die Haut zerfetzen, wo sie ihnen ausgesetzt wäre. Dann würden es die Wölfe wagen, den Kampf mit uns aufzunehmen, und eine stille Tragöde des sibirischen Winters spielte sich ab. Hie und da sehen wir solche Spuren, wenn ein Schlitten am Wegrande einsam daliegt und ein paar Pferde- und Menschenknochen von der unbezähmbaren Gier einer hungrigen Wolfsmeute zeugen. Wie mancher Bauer, der weit in die Stadt auf den Markt gefahren ist, kehr so nie mehr nach Haus zurück!" (aus "Sibiriens Wälder raunen", Ernst Jucker, Bern 1951)

Wir waren dieser Tage weit in die Stadt zu Metro Cash&Carry gefahren, um Vorräte für das kommende Frühjahr ohne Straßenanschluss zu kaufen, trotz Schneesturm. Hungrige Wolfsmeuten gibt es heute kaum noch. Vielleicht wären sie zur Abschreckung gut, damit junge Leute bei Fahrten durch den nächtlichen verschneiten Winterwald wenigstens eine Schaufel mitnehmen würden. Damit sie nicht auf die zufällig um 23:00 vorbeikommende Familienkutsche (mit Schaufel) angewiesen wären, die sie aus dem Seitengraben herausziehen muss.

Aber auch ohne Wölfe sind die Schneestürme eindrucksvoll. Während der wenigen Stunden, die wir in der Stadt waren, hatte es alle Wege im Grundstück verweht. Mit den Einkäufen in der Hand versuchten wir also, die alten festgetrampelten Pfade zu erahnen - und versanken mehrfach im tiefen Schnee. Davon war am nächsten Morgen wiederum nichts mehr zu erahnen - alles neu zugeweht.

Selbst die Straße ins Dorf wird regelmäßig unpassierbar - selbst für geländefähige Lkws. Glücklicherweise hat der Bürgermeister der Nachbarstadt seit einigen Jahren seine Ferienresidenz auf halber Strecke ins Dorf. Seitdem wird dieser Teil der Straße - zufällig jener, der anfällig für Schneewehen ist - immer sehr zügig geräumt.

Legt sich der Wind dann, so zeigt sich der sibirische Winter von seiner schönsten Seite. Statt der Pferde- und Menschenknochen vor 100 Jahren erfreuen wir uns heute an den Spuren des Windes auf den Feldern - endlose Flächen voller bizarrer Schneeformen. Alles glitzert in der Sonne, die nun schon wieder deutlich länger und kräftiger scheint. Die Kinder erfreuen sich an den meterhohen Schneehaufen, welche die Schneepflüge hinterlassen - selbst der Schnee von der Straße ist so sauber und weiß, dass man auf diesen Haufen wunderbar spielen kann.

Im Wald haben wir inzwischen ein ganzes System vom Skiloipen angelegt, inklusive einer kleinen Fläche für Picknicks mit den Kindern. Zum nächsten Hang für Abfahrtsski sind es auch nur 25 Minuten mit dem Auto - einer darf Skifahren, der andere kann mit dem Nachwuchs rodeln gehen.

Langsam beginnen die Frühjahrsvorbereitungen - zunächst sind alle Dächer vom Schnee zu befreien, bevor er feucht und schwer wird. Versäumt man dies, brechen die Dächer innerhalb weniger Jahren ein - die letzten Wochen hat es drei verlassene Gebäude im Dorf getroffen. Die Kohlevorräte sollte man jetzt aufstocken - so lange das Eis noch die Straße über den Fluss trägt. Während die Fähre nur 3 Tonnen transportieren kann, kann man sich im Winter locker 10 Tonnen liefern lassen. Holz haben wir uns selber geholt - mit Abschleppseil am Auto haben wir jene Bäume mitgenommen, die vom Energieversorger unterhalb des Stromkabels zum Dorf gefällt wurden.

Des Nachbars Kuh bekommt in den nächsten Wochen ihr Kalb, Ende März gibt es wieder frische Milch. Etwa zur gleichen Zeit wird die Eisstraße über den Fluss gesprengt. Einige Wochen erreicht man uns dann noch zu Fuß. Nach einer kurzen Pause während des Eisgangs fahren dann die ersten Holzbote über den gewaltig angewachsenen Fluss. Die Fähre wird erst mit Ende des Hochwassers wieder in Betrieb gehen - frühestens Mitte Mai, manche Jahre aber auch erst Ende Juni.

Und dann werde ich auch schon wieder zurück in die Zivilisation müssen. Aber zunächst dürfen wir erst einmal noch den Frühling genießen.

Frühjahr im Dorf (6. April 2013)

Das Frühjahr war für mich in Sibirien all die Jahre ein Graus. Matsch, Dreck, Grau. Der Schnee schmilzt und der Schmutz mehrerer Monate kommt zum Vorschein. Zugleich ist es noch so kalt, dass die Bäume kahl bleiben. Selbst Schneeglöckchen und Krokusse wird man nicht finden - zu hoch liegen die Schneereste in den Grünflächen, die das Wörtchen grün auch in keiner Weise verdienen.

In unserem abgelegenen Dorf zeigt sich der sibirische Frühling von einer wesentlich schöneren Seite. Dank der prächtig scheinenden Sonne sehen wir und die Kinder aus wie nach einem Urlaub in der Südsee. So braune Gesichter assoziiert man jedenfalls nicht mit 75 cm Schnee in Sibirien. Der Schnee taut, aber gemächlich - vom Höchstwert 110 Zentimeter (zwischen 15. Februar und 7. März dreimal erreicht) ist noch immer weit über die Hälfte da. Kein Wunder, zählt man die einzelnen Schneefälle (ohne Zusammensacken, Wegfrieren und Antauen) zusammen, kommt man auf 330 Zentimeter Schnee zwischen November und April.

Die Tagestempaturen orientieren sich am aktuellen deutschen Wetter - zwischen minus 2 und plus 10 Grad. Nachts kann es vereinzelt noch unter minus 10 Grad sein.

Selbst die Straße über den Fluss wäre noch befahrbar - wenn man sie nicht gesprengt hätte. Für diesen staatlich verordneten Vandalismus gibt es zwei Gründe. Zum einen sollen die russischen Autofahrer - welche sich bekanntlich nicht durch Vorsicht auszeichnen - von waghalsigen Überfahrten abgehalten werden. Da allein das Sprengen nicht reicht - schließlich kann man die 72 Krater auch umfahren -, muss jedoch zusätzlich noch ein Schneewall am Ufer errichtet werden. Zum anderen würde die festgefahrene und zusätzlich verstärkte Überfahrt einen Damm bilden, an dem in wenigen Wochen das Eis nicht ungestört abfließen würde - ganze Dörfer könnten so überschwemmt werden.

Seit der Sprengung erreicht man uns nur noch zu Fuß. Der Fußweg führt 3 Meter neben den Kratern entlang - so tragfähig ist das Eis an dieser Stelle noch immer. Jedoch ist die Straße im Dorf nur noch mit geländegängigen Fahrzeugen passierbar. Durchschnittlich zwei Autos fahren am Tag noch vorbei - meist Lada Niva oder UAZ der Dorfbewohner, um Gäste vom Fluss abzuholen. Oder um, wie morgen unser Nachbar, zum Zahnarzt zu fahren (beziehungsweise ab dem Fluss zu laufen).

Wir haben genug Vorräte bis Mai, wenn das Eis weg ist und die ersten Motorboote wieder übersetzen - und ersparen uns bis dahin Ausflüge in die Stadt.

So merken wir vom üblichen sibirischen Frühjahrsdreck überhaupt nichts - selbst die Straße ist noch immer weiß, alleinfalls einige besonders tiefe Pfützen im Schnee sind bräunlich. Die Bäume wirken in dieser weißen Pracht auch nicht grau, sondern ihre jungen Triebe schimmern rötlich. Unser Bach im Dorf bricht langsam auf - das Moos darin ist bereits grün.

Wenn ich diese Eindrücke mit dem aktuellen Wetterbericht aus Deutschland vergleiche, so revidiere ich alle meine früheren Ansichten zum sibirischen Frühling: Nein, man muss sich doch keine Dienstreise im April organisieren!

Hallig in Sibirien (9. Mai 2013)

Wie so häufig in Sibirien ist der Winter direkt in den Sommer übergegangen. Bei meiner letzten Mail vor reichlich einem Monat lag noch deutlich über einen halben Meter Schnee, heute hatten wir (plus) 27 Grad (im Schatten).

Rückblickend auf den Winter bin ich sehr erstaunt, wie sehr sich Russland doch um so abgelegene Orte wie unser Dorf bemüht - dies entspricht so gar nicht dem Ruf des Landes, welches die Provinz und einfachen Leute vergessen würde. Offiziell - also als Hauptwohnsitz gemeldet - gibt es im Dorf noch 23 bewohnte Häuser. Faktisch sind es auch im Winter etwa doppelt so viele. In den anderen Siedlung entlang unseres Flüsschens sind weitere fünf Häuser ganzjährig genutzt. Was für ein Aufwand wird für diese paar Leute - fast durchgehend Rentner - betrieben!

Als Ende Oktober die Überlandleitung ins Dorf durch umgestürzte Bäume zerstört wurde, hatten wir innerhalb von 24 Stunden wieder Strom - obwohl es über den großen Fluss keine Fähre mehr und noch keine Eisüberfahrt gab. Aber extra für solche Fälle gibt es Vereinbarungen mit Boots- und Autobesitzern auf diesem Ufer.

Damit die rund 100 Seelen ab Dezember wieder Anschluss an die Außenwelt haben wird Straße über das Eis errichtet - künstlich verdickt, periodisch geprüft und ständig bewacht. Auch die Straße durch den Wald und alle Gassen im Dorf wurden mindestens alle zwei Wochen mit schwerer Technik geräumt - obwohl es durchaus auch vorkommen konnte, dass die Straße mehrere Tage aufgrund von Neuschnee oder Schneewehen nicht passierbar war.

Damit die Siedlung direkt am Fluss aufgrund der unnatürlichen Barriere im April nicht überschwemmt wird, rückt im März extra ein Sprengkommando mit 170 Kilogramm Sprengstoff an und beseitigt die Straße wieder.

2013:



2012:



Dafür überschwemmte es unser Dorf - im Unterlauf staute sich an einer Sandbank das Eis aus dem Oberlauf. Über drei Kilometer standen die Eisschollen und das Wasser suchte sich Umwege über unsere Gärten. Bei uns im Grundstück stand es knietief. Die Kühe eines Nachbarn mussten wir um Mitternacht überzeugen, durch tiefen Restschnee auf die Veranda des Hauses umzuziehen. Seit 1964 gab es kein ähnliches Hochwasser mehr.

Die ersten 20 Stunden begnügte sich die extra für solche Fälle eingerichtete Hotline mit Anrufen bei Verantwortlichen, Besprechungen, Abklärungen und ständigen Rückrufen bei den Dorfbewohnern, ob es denn wirklich so schlimm wäre. Aber dann wurden mehrere Hubschraubereinsätze geflogen und der Fluss wurde mit gewaltigen Sprengladungen vom Eis befreit - so stark, dass uns Jan im zwei Kilometer entfernten Haus umgekippt ist und ich mir den Tee über die Beine geschüttet habe.





Natürlich rühmte man sich sofort auf allen Kanälen mit seinen Heldentaten - die ersten Presseberichte über die erfolgreiche Rettung des kleinen Dorfes liefen über den Ticker, da war der Hubschrauber gerade zum ersten Flug gestartet. Das Wasser lief noch einen halben Tag durch die Gärten, aber in den PR-Meldungen war schon alles in trockenen Tüchern.

Nichts desto trotz: Wenn man das alles überschlägt, dann erkennt man einen Aufwand, den selbst Deutschland allenfalls auf den Halligen für seine Bewohner betreibt. Allein die Hubschraubereinsätze haben ein Vielfaches dessen gekostet, was dieses Dorf über Jahre an Steuern bringt - wobei ausser der Mehrwertsteuer bei den seltenen Einkäufen in der Stadt vermutlich sowieso niemand irgendwelche Steuern zahlt.

Nun bemüht sich die Dorfvorsteherin übrigens sogar um eine Neubesetzung der alten Krankenstation. Unter anderem wegen unserer Kinder. Den Rentnern zuliebe, die sich seit Jahren eine Krankenschwester wünschen, haben wir nicht extra darauf hingewiesen, dass unser Aufenthalt hier bald zuende geht.

Aussteigen aus dem Aussteigen (2. Oktober 2013)

nach nun fast eineinhalb Jahren sind wir endgültig wieder in der Stadt gelandet. Während ich schon seit Juli nur noch am Wochenende im Dorf war, sind Xenia, Jan und Arthur Ende August zurückgekehrt. Um direkt noch zwei Wochen nach Europa zu reisen. Aber seit einer reichlichen Wochen sind wir nun wieder ganz gewöhnliche Stadtbewohner und Arthur hatte heute den lang ersehnten ersten Tag im Kindergarten.

Natürlich werden wir das Dorf vermissen. Selbst wenn wir irgendwann einmal wieder zurückkehren würden - das Dorf wäre nicht mehr so, wie wir es jetzt erleben durften.

Unser Nachbar Michail Michailowitsch Jastrebzew - einst Geschäftsführer im Sägewerk des Arbeitslagers - ist 81 und hofft, dass er noch sein 60. Jahr im Dorf erleben wird. Das wäre in zwei Jahren. Noch steht er auf den Weiden und macht Heu mit der Sense. Kann riesige Holzschlitten mit einfachsten Mitteln bauen. Kümmert sich um seine 25 Bienenstöcke. Seine Frau Olga Semjonowna Jastrebzewa - früher Lehrerin in der Dorfschule und zwei Jahre älter - pflegt und melkt die Kühe. Erst seit letztem Sommer hilft den beiden ihr Sohn, der extra aufs Dorf zurückgekehrt ist.

Nicht jeder Hof hat einen Nachfolger. Bei Ilja Iwanowitsch Archipow - einst Wächter in einer der Strafkolonien - konnten wir jetzt noch jede Woche Quark und Sahne kaufen. Arthur und Jan haben seinen kleinen Kätzchen beim Wachsen zugeschaut. Aber wenn seine Kinder oder Enkel zu Besuch kommen, bringen sie lieber ein iPad mit, als dem alten Archipow bei den Enten, Hühnern, Kaninchen, Kühen oder zehn Bienenstöcken zu helfen. So humpelte der Traktor - nur unwesentlich jünger als sein Besitzer - mit plattem Reifen durchs Dorf und das Haus verfällt mehr und mehr. Im Juni ist eines Nachts der Ziegelofen zusammengebrochen - im August hat ihn Ilja Iwanowitsch selbst wieder zusammengesetzt.

Im Frühjahr stand Ilja Iwanowitsch vor seinem Tor und zählte die Kühe, die durchs Dorf trottenten - ganze 20 Tiere sind es noch. Einst hatte das Dorf 300 Höfe. Nun gibt es noch sieben ausgewachsene Kühe, dazu gehört jeweils ein Jungtier aus dem Vorjahr und das Kälbchen vom Frühjahr. Im Herbst wird die Kuh oder das Jungtier geschlachtet, denn über den Winter möchte man möglichst wenig Heu verbrauchen und möglichst viel Fleisch essen - dank der Temperaturen braucht man zur Lagerung auch keinen Kühlschrank.

Immerhin gibt es einige wenige Neuankömmlinge, die genau diesen Pragmatismus suchen: Einen Tagesablauf, der sich nicht nach Börsenkursen oder anderen Errungenschaften der Zivilisation richtet, sondern an der Kuh, die gemolken werden will: Früh nach Sonnenaufgang und abends, wenn die Wiederkäuer vom Dorfspaziergang zurückkehren und energisch vor ihrem Tor um Einlass bitten - jedes der 20 Rindviecher weiss, wo sein Ruf erhört wird.

Belohnung für die anstrengende Zeit im Frühjahr (Vorbereitung der riesigen Beete für Kartoffeln und anderes Gemüse, Pflege der Kälber, Ausmisten der Ställe), Sommer (Heuernte in Mückenschwärmen) und Herbst (Kartoffelernte, Holz hacken, Fleischgewinnung) ist der lethargische Winter im sibirischen Dorf - die Tage sind kurz und außer Heizen und Schneeschippen gibt es nicht viel zu tun. Nur die verrückten jungen Leute aus der Stadt sind ständig im Wald Ski gefahren.

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