Briefe an Freunde, Moskau (Norbert Schott)

Strand! (2. September 2002)

Hätte irgendwer geahnt, dass Riga einen Strand mit den wohl gastfreundlichsten Osteuropäern überhaupt zu bieten hat?!

Den Großteil meines Gepäcks ließ ich im Rigaer Bahnhof, dann versuchte ich mit Hilfe des Internets ein Hostel zu finden. Es blieb beim Versuch, die Adressen waren nicht zu finden oder die Hostels schon lange verschwunden. Ich kaufte also einen kleinen aktuellen englischen Reiseführer und versuchte mein Glück mit dem Hostel, welches darin stand. Aber auch das war in Wirklichkeit ein Studentenwohnheim, welches nur gelegentlich Zimmer vermietet - auf jeden fall nicht im Moment.

Immerhin gab man mir einen Tipp, wo ein billiges Hotel wäre. Auf der Fahrt bemerkte ich im Reiseführer jedoch, dass bei Riga auch ein Strand ist. Auch eine Idee. Also bin ich spontan mit dem nächsten Vorortzug zum Strand gefahren. Und nachdem ich den ersten Sand unter den Füßen hatte, hatte ich auch keine Lust mehr zur Hotelsuche. Zum glück hatte ich im kleineren Teil meines Gepäcks alle warmen Russland-Pullover. Aber man mag es kaum glauben: auch mit vier Pullovern kann man frieren!!! Aber ab und zu Spazieren hilft.

Um Acht weckten mich jedenfalls zwei Letten und luden mich zum Frühschoppen ein. Also saß ich plötzlich mit eisgekühlten Drinks im Sand von Jurmala, vorn Meer, hinten die Bar der Letten ... prima Leben, wenn da nicht jemand in Moskau warten würde, wenn da nicht ein gekauftes Zugticket wäre. Verrückt wie die Letten waren, fingen sie an, wie wild zu telefonieren. Ticket umtauschen? Kein Problem! Moskau? Auch kein Problem, wir finden eine Telefonnummer der Uni raus! Nach zehn Minuten Diskussion gab ich auf, nannte die Nummer freiwillig.

In Moskau klappte alles prima. Ein Freund hatte die Nachricht von meiner späteren Ankunft tatsächlich bekommen und stand pünktlich am Bahnhof. Ich wohne in der frisch sanierten zwölften Etage des Wohnheimes.

Wir sind im Moment zwei Dauerstudenten aus Dresden, dazu vorübergehend noch zwei sächsische Sprachschüler, vier Augsburger Praktikanten und mein Vorgänger.

Drei Tage Moskau! (4. September 2002)

Moskau ist schon eine witzige Stadt!

Da wären zum Beispiel die Fahrstühle im Wohnheim. Einer ist defekt, zwei fahren auf die geraden Etagen, drei auf die ungeraden. Die mit den ungeraden haben aber kein Licht, man ruckelt also durch's Dunkle. Aber sie funktionieren ansonsten etwas zuverlässiger. (Ich fahre also meist in den 13. und laufe dann wieder runter.) Man darf aber keinesfalls vom 16. mit zehn Leuten auf einmal in den 1. durchfahren - da bekommt der Lift zuviel Schwung und hält nicht mehr genau vor der Tür. Unsere Augsburger steckten dann gestern zwei Stunden fest - zur Freude der Soldaten am Eingang.

Aber die 16. ist schon genial, man kann auf das Dach klettern und so weit schauen, wie der Smog erlaubt! (Hier sind gerade Waldbrände - irgendwo habe ich von doppelten Grenzwerten gelesen.) Gerade nachts ist das richtig spannend.

Witzig ist auch die Küche. bei uns im 12. wird gebaut, im 11. sieht es echt cool aus. Vier versiffte Herde, zwei Waschbecken, ein Tisch. In diversen Ecken stinkt es ganz komisch. Aber wenn die Vietnamesen kommen, dann riecht es innerhalb von zehn Minuten derartig lecker, dass man dort gerne kocht.

Die Russischlehrerin bemüht sich redlich mit uns, es wird auch langsam. Aber im Grunde ist es sehr mühsam. Und die Moskau können sich in ihrem Sprechtempo auch in keiner Weise einem Ausländer anpassen, ich verstehe das einfach nicht.

Ab und zu stellt man uns ein paar Russische Studenten ab, die einige Wörter Deutsch oder Englisch können. Die kommen dann etwas genervt an: "Hallo, wie geht's - was wollt Ihr gern sehen." Dann zeigen sie einem beispielsweise den Markt, und sind froh, wenn sich die depperten Deutschen endlich für ihre Tomaten entschieden haben.

Studieren werde ich wohl erst im Oktober, ist wahrscheinlich auch besser so. Im Moment würde ich kein Wort verstehen.

Fahrstuhlgeschichten II (9. September 2002)

Neue Fahrstuhlgeschichten aus Moskau ...

... inzwischen hat sich an der Fahrstuhlsituation im Wohnheim einiges geändert. Nummer eins geht noch immer nicht. Er steht mit offener Tür im sechzehnten. Bei Nummer zwei geht im ersten oftmals die Tür immer wieder auf, der Fahrstuhl fährt nicht los. Trick: Etagentaste so lange drücken, bis die Tür eine Sekunde zu ist. Bei Nummer drei wiederum bleibt die Tür oft ganz offen. Hier hilft dezentes Springen (im zwölften) beziehungsweise Tür Rütteln (im ersten). Außerdem vergisst der Fahrstuhl oft irgendwo unterwegs sein Ziel - er hält an und die Tür geht auf. Abhilfe: Taste neu drücken. Nummer vier hat seit wenigen Stunden wieder Licht. Schade, es war eigentlich auch kein Problem - etwa bei der zehnten hat es kurz gequietscht und man wusste, wo man war. Nummer fünf und sechs laufen nur sporadisch, letztmalig wurde Nummer sechs am Tag vor meiner Ankunft oben gesehen. Aber wie schon erwähnt, diese letzten drei Fahrstühle halten bei uns im zwölften sowieso nicht - man nimmt sie also nur wenn eins bis drei alle streiken.

Am Freitag haben heute neue Soldaten am Eingang bekommen. Plötzlich müssen wir wieder unsere Ausweise vorzeigen - das nervt. Eigentlich waren wir schon die "nemze" und kamen ohne weiteres durch. Interessant: hier wird man nicht rausgeschmissen sondern reingeholt. Punkt um eins kommen die Soldaten raus und sagen allen, die vorm haus stehen - meist zehn bis zwanzig Nachteulen -, dass nun Sperrstunde ist! Wenn man nicht hört, kommt die Kommandantin mit einer Trillerpfeife. Dann hören Alle.

Der Russischunterricht macht Fortschritte, mehr und mehr kann man sich wenigstens grundlegend artikulieren. Es reicht für Smalltalk vor dem Wohnheim, im Notfall gibt es noch einige Russen, die Englisch können. Scheinbar sind die Sprachlehrer hier ganz brauchbar - die Studenten können wesentlich besser Fremdsprachen, als andere Russen. Man hat uns gestern auch mal ein Deutschbuch gezeigt. Heftig!!! "Nennen sie Nachteile der Fortschreitenden Technologisierung!" Im Originaltext laberten sie dann irgendwas "Schattenseiten des technischen Entwicklungsprozesses im 20. Jahrhundert".

Apropos Technik. Wir haben hier ganz fantastische Nachttischlampen. Man fasst sie an - und schwupps, gehen sie an oder aus. Egal, wo man sie anfasst! Wir haben Studien betrieben: berührt man sie nur mit einem Metallgegenstand, passiert nix. Fasst man sie langsam an, ebenso nicht. Nimmt man sie in die Hand, kann man sie mit der anderen Hand anfassen und nix passiert. Stellt man sie aber auf sein Bein und fasst an, geschieht etwas. Richtig lustig wird es, wenn man die Lampe in der einen Hand hat: Fasst man mit der anderen jemanden an, geht die Lampe an / aus. In unserem Wissenstrieb haben wir die Lampe sogar aufgeschraubt: aber da ist nur ein kleines schwarzes Kästchen drin - wie diese Wundertechnik funktioniert, wissen wir also noch immer nicht.

Ach so, weil Anfragen kamen: Es ist tatsächlich etwas arg neblig hier. Zeitweise konnte man noch ganze 200 Meter sehen. Steht der wind günstig, kann man sogar rund einen Kilometer weit sehen. (Heute sogar noch weiter.) In den schlechten Zeiten ist es selbst in den Häusern neblig, das Atmen fällt schwer. Alles riecht verqualmt. Wirkliche Besserung ist nicht in Sicht, erst der Schnee im Winter wird die Torfbrände - teilweise 100 Kilometer entfernt - so richtig löschen.

Die erste Wohnheimsparty haben wir auch überstanden. Wir haben gesiegt ... als letztes waren die Deutschen übrig, trotz Wodka! Gegen halb sieben haben wir den Raum verlassen und das Radio (Disko über UKW) ausgemacht. Eine Tür war nicht mehr zu schließen, die hat die Nacht nicht überlebt.

Wir gehen jetzt an die Lomonossow-Universität. Dort hat man einen prima Blick über die Stadt - ein schöner Platz zum Vokabeln pauken!

Sonnenschein und weite Sicht (12. September 2002)

Hier in Moskau scheint die Sonne und man kann kilometerweit blicken! Die deutschen Medien erzählen Euch das Schwarze vom Himmel! Kann sein, dass es hier keine Gasmasken gibt ... wahrscheinlich aber, weil noch nie welche im Angebot waren! Bislang hat ein Einziger von uns zehn Deutschen zwei Japaner mit Gasmasken entdecken können! Alles halb so wild!

Jedenfalls ist es gestern etwas kälter geworden ... statt mit T-Shirt rennen jetzt alle mit Herbstjacken durch die Gegend. Nach ein wenig Regen ist nun wie gesagt Sonnenschein, prima Fotowetter.

Als besonderes Extra hatten wir gestern Regen im Wohnheim. Früh um neun klopfte ein aufgebrachter Vietnamese bei uns. Deren Russisch-Betonung passt zwar kaum zu unserem Hörverständnis, aber er konnte uns schnell klarmachen, dass es inzwischen auf mehreren Etagen in den Toiletten regnet. Ist schon schick, gleich auf dem Klo duschen zu können! Keine Ahnung, was da war. Nach zehn Minuten hörte es auf - wir durften Wasser schöpfen und uns anschauen, wie an mehreren Stellen in der WG die Tapete nach und nach durchweichte.

Die WG ist inzwischen etwas wohnlicher geworden. In unserem Schrank gibt es jetzt auch mehr als ein Einlagebrett - vorgestern haben wir uns eine Säge ausgeliehen und die Reste der Partyraum-Tür aus der sechsten Etage (siehe letzte Mail) zu praktischen Einlagebrettern verarbeitet. Todschick, richtig Russisch!

Zur Fahrstuhlsituation: Im Moment gehen alle drei Fahrstühle, die auf unserer Etage halten! Bei Nummer eins geht zwar die Tür immer erst nach 20 Sekunden zu, in Nummer zwei hat das Tastenfeld ein paar Macken (4, 8 und 12 leuchten bei den ersten drei Versuchen stets gleichzeitig auf, 16 geht gar nicht) und Nummer drei ist endlos träge - aber man soll sich ja nicht grundlos ärgern. Die Fahrstühle auf die anderen Etagen mussten wir dadurch kaum nutzen - deshalb keine Neuigkeiten von dieser Front.

Im Übrigen gibt es noch einen ganz speziellen Fahrstuhl! Um eins wird bekanntlich das Wohnheim mit dicken fetten Schlössern verriegelt, dann ist kein reinkommen mehr. Offiziell! In der Dritten wohnen clevere Russen, denen kann man ein Steinchen ans Fenster werfen - und für rund zwei Euro wird man mit Klettergurt und Seilwinde in den Dritten hochgezogen. Vergangenen Monat ist wohl jemand abgestürzt, meinte irgendwer. Ein wenig Kitzel bleibt bei diesem Weg also!

Richtig nervig ist das Einkaufen hier. Es gibt diverse Läden mit Theken – die Verkäuferinnen sind grundsätzlich erst einmal entsetzt, dass tatsächlich ein Kunde vor ihnen steht. Nach einem genervten "слушаю" – ich höre! – darf man dann vortragen: einen Joghurt bitte – schwupps steht der teuerste da. Die alternativen: Markt oder der Ramstor. Das ist das Russische Kaufland. Man bekommt theoretisch alles, wenn den Wunschartikel in Russland überhaupt gibt. Beispielsweise gibt es nirgends Karteikarten oder Stöpsel oder Abdichtband für Fenster. Alles andere findet man im Ramstor – mit viel Gedult. Denn das Shampoo steht neben dem Wein und nicht neben der Seife. Rasierklingen sind bei den Kondomen und weit entfernt vom Aftershave – das ist wiederum wo anders als der Rasierschaum. Wasser und Saft gehören auch nicht zusammen. Aber der Wodka steht schon am Eingang.

Das es keine Stöpsel gibt, muss etwas mit der Einstellung zur Energie zu tun haben. Egal, wann man die leckere Küche im Elften betritt, es ist dort immer warm. Kein wunder, rechts neben dem Eingang läuft 24 Stunden am Tag das heiße Wasser, hinten links am Fenster sind prinzipiell die Hälfte der Herdplatten an. die andere Hälfte ist kaputt.

Bei der Abgabe unserer Wäsche in der Wäscherei am Freitag hat man uns so richtig abgezockt. Ein T-Shirt kostete zwei Euro, eine Hose drei Euro – wir haben das aber zu spät bemerkt. Wir waren noch mal protestieren - Antwort: "Beschweren sie sich doch bei Putin!" Egal, jedenfalls wollten Siegfried und ich gestern nach x Tagen Verspätung endlich die letzten Teile abholen - plötzlich fehlten welche. Wir sollten aus einem Stapel Hemden die passenden heraussuchen - schier unmöglich. Und ein Hemd fehlte in jedem fall, wir sollen doch noch mal wiederkommen. Nach ewigem Diskutieren und hin und her und Chef anrufen und warten und trallala – insgesamt zwei Stunden - sind wir mächtig stolz raus! Wir haben 181,20 Rubel erhandelt (für Russland rekordverdächtig), außerdem wird das letzte Hemd nun mit dem Taxi vorbeigebracht!

Zu guter letzt noch zum Studium – man ist ja nicht nur zum Spaß hier: der Russischkurs schlaucht, aber so langsam kommen wir in Fahrt. (Wir haben ja auch 181,20 Rubel erhandelt.) Seit Dienstag kenne ich auch meinen Fachbetreuer. Ich wurde in die Güterverkehrslogistik eingeteilt. Davon habe fast gar keine Ahnung, aber es klang spannend. Und warum soll ich mir noch mal das anhören, was ich schon aus Dresden kenne. Mal sehen, wie es wird, der Prof klang nett und seine Vorlesung ist sicher dennoch tröge ... *g*

Nachdenkliche Fahrstühle (15. September 2002)

Gleich zu Beginn die aktuelle Lage bei den Fahrstühlen. Nummer eins funktioniert, nur die Tür braucht immer ein wenig, bis sie sich schließt. Unsere Russischen Freunde meinten: "Der Fahrstuhl denkt noch ein wenig nach." Nummer zwei ist seit zwei Tagen auf "Etage –-", wo auch immer das ist. Nummer drei und vier laufen. Fünf und sechs habe ich länger nicht in Bewegung gesehen, kann aber Zufall sein.

Inzwischen haben wir festgestellt, dass es mehrere Vorteile hat, nicht im Zweiten (ehemalige Ausländeretage) zu leben. Erstens trifft man dort weniger Russen. (Man muss auch nicht die Etage wechseln, weil die Küche gerade saniert wird.) Zweitens wird diese Etage schon um Elf abgeschlossen. Und drittens spürt man unten deutlicher die Entsorgungsprobleme im Wohnheim: Abends fliegt der Müll am Fenster vorbei - kein Russe nutzt während einer Party den Mülleimer. Und auch der Müllschlucker entpuppt sich im Umkreis von zehn Metern als stinkendes Fallrohr - bis zu uns nach oben gelangt der Gestank des Sammelraums glücklicherweise nicht. (Dieser Sammelraum muss übrigens täglich von den armen Wachsoldaten mit Schaufeln geleert werden - beim Bau des Hauses kam scheinbar keiner auf die Idee, dass es praktischer wäre, gleich einen Container in die Kammer zu stellen.)

Seit Freitag wird in unserer Küche wieder gebaut, scheinbar hat man auf einmal festgestellt, dass ja schon ab morgen die Küchen über und unter uns im Bauplan stehen! So saßen auf einmal nachts um Elf Fliesenleger hier rum. Es wird also richtig schick hier!

Gestern Abend hat man mir einen Park um die Ecke gezeigt - es gibt sie wirklich, die schönen Ecken in Moskau. Das allgemeine Stadtbild ist leider ziemlich grau - auch wenn täglich alte Frauen das Laub auf dem Dreck zusammenkehren und verbrennen. Es fehlt einfach grün.

Und alles wirkt ein wenig heruntergekommen. Vor dem Haus rumpelt eine Straßenbahn entlang. Diese fährt zur Metro - man könnte sich also theoretisch 15 Minuten Fußweg sparen. In der Praxis läuft man aber doch. Denn erstens weiß man nie, wann eine Bahn kommt - außer der ersten Bahn um Fünf ist hier alles Zufall. Und zweitens kriecht die Bahn derartig über die maroden Schienen, dass man kaum noch schneller ist. Aus der Sicht des Verkehrsingenieurs ist es ein Wunder, dass es technisch überhaupt noch möglich ist, Bahnen auf diese verbogenen Stahlträger zu setzen.

Das ganze Gegenteil ist übrigens noch immer die Metro. Unglaublich schick, sauber und zuverlässig. In den Hauptzeiten vergehen zwischen zwei Zügen ganze 30 Sekunden, selbst kurz vor Mitternacht wartet man maximal drei Minuten. Wie das logistisch organisiert ist, ist ein anderes Rätsel für den kleinen Verkehrsingenieur ...

Unglaublich sind natürlich die Preise. Während Lebensmittel kaum billiger als bei uns sind, kostet eine Fahrt mit der Straßenbahn, dem Bus oder dem Trolleybus 13 Cent, mit der Metro 17 Cent. In den Bahnen fahren keine Schaffner mit, also fahren alle schwarz. Kommt ein Kontrolleur, ärgert sich dennoch keiner - die strafe ist 33 Cent. (Im Oktober werden die Preise um ein Drittel angehoben.)

Am Freitag haben wir den Moskauer Raubkopierermarkt aufgesucht. Wer sich nun einen verruchten Park mit obskuren Gestalten vorstellt, irrt. Es handelt sich um ein riesiges Haus - etwa zwei Karstadt-Etagen. Dort gibt es fein sortiert alles nur irgendwie Erdenkliche: Software, DVDs, Videos, ... - was nicht rumliegt, kann auf Anfrage besorgt werden. der Clou ist die Musikauswahl. Man muss sich auch nicht mehr für die CD "Clandestino" von "Manu Chao" entscheiden, sondern man nimmt gleich die MP3-Sammlung mit allen Alben von "Manu Chao" und "Mano Negra" auf einer CD. Klasse Qualität, inklusive Texte und Cover auf der CD. Der Spaß kostet weniger als drei Euro. Nach zehn CDs mussten wir uns mit Scheuklappen aus dem Gebäude zwingen! (Und ich habe praktischer Weise auch einen MP3-Player mit.)

Gestern tagsüber hat uns Rolf ein Kloster in der näheren Umgebung gezeigt - war sehr beeindruckend. Die Deutschen haben die ganze Anlage beim Rückzug 1941 verwüstet - bis heute ist vieles nicht wieder saniert. Nach ein wenig Umherschauen sind wir in den nahe gelegenen Park und haben ein Lagerfeuer gemacht. ... heute ist wieder richtig mächtig Smog hier ... wir haben unser Feuer aber garantiert ausgemacht!

Ach ja, noch was Neues: Wenn man am Stecker vom Kühlschrank wackelt, leuchten die schon eingehend beschriebenen Nachttischlampen kurz auf. ?!?!

Fahrstühle, Küchen, Ausweise ... (19. September 2002)

Ich war gerade beim Arzt. Denn wenn man an der Uni schwimmen gehen möchte, braucht man ein Attest. Das stellt einem der Doktor für 120 Rubel (4 Euro) aus. Man rennt da hin, bekommt einen Schein, rennt damit zum Buchhalter, zahlt das Geld, geht zurück zum Arzt. Dann beginnt die Untersuchung. Zuerst wird der Rücken zehn Sekunden betrachtet. An den Händen wird irgendwas kontrolliert, vielleicht ob man dreckige Fingernägel hat? Die Haare werden auf Läuse geprüft und zu guter letzt wirft der Arzt noch einen Blick auf die Füße. Lustig, wirklich. Das Ausfüllen des Formulars am Ende dauert länger, als der Rest.

Jetzt haben wir mal wieder eine Bescheinigung mehr. Das ist inzwischen die achte. Als erstes bekamen wir eine Eintrittskarte für das Wohnheim (ohne Foto, zwei Stempel) – diese wird immer verlangt, selbst wenn einen die Soldaten schon tausendmal gesehen haben. Hat man sie nicht dabei, ist es aber auch kein Problem. Dann erhielten wir eine Monatskarte für die Busse (kein Foto, kein Stempel, aber ein sinnloser Magnetstreifen). Als drittes bekamen wir eine Bestätigung, dass unser Pass im Auslandsamt bearbeitet wird (zwei Stempel, ein Foto). Nummer vier war die vorrübergehende Eintrittskarte für den Campus (ein Stempel, ein Foto) – auch dort wird kontrolliert. Dann bekamen wir unseren pass wieder – mit einer riesigen bestätigung (zwei tolle Stempel). Der nächste Schein war der endgültige StudentenAusweis (ein Foto, drei Stempel) – er ersetzt immerhin Nummer vier. Die siebente Geschichte ist wiederum der langfristige Ausweis für das Wohnheim (ein Foto, drei Stempel) – quasi der Nachfolger für Nummer eins. Uns erwartet noch eine Monatskarte für die Metro, ein Biboausweis und ein Sportausweis. Und für Vieles wird es wieder eine vorläufige Variante geben, denn leider fehlt noch ein ganz besonders wichtiger Stempel. Wir haben inzwischen neun Passbilder abgegeben ...

Im Wohnheim hat man sich auch wieder was Tolles einfallen lassen. Unsere geliebte dreckige Küche im Elften wird jetzt auf einmal saniert, ebenso die im dreizehnten. Dummerweise sind die Küchen auf den anderen Etagen aber noch gar nicht fertig. Nur noch im siebten standen vorgestern vier herde, davon funktionierte immerhin einer. Den hat aber im letzten halben jahr keiner mehr ausgeschaltet, dementsprechend sind die kochplatten schon so gewölbt, dass man ewig warten muss, bis sich was tut. Folglich besorgen sich alle studenten eigene kochplatten – das wiederum verträgt das stromnetz nicht … ! Könnte man ja meinen, die bauarbeiter versuchen wenigstens, die fast fertigen Küchen schneller zu übergeben. Aber was jetzt drei tage irgendwie ging, wird wohl auch fünf Wochen funktionieren.

Auch bei den Fahrstühlen bleibt die Situation gespannt. Wir haben inzwischen auch den Monteur gesichtet – er ist im Moment scheinbar rund um die Uhr im Einsatz. Denn die Lage ändert sich nahezu stündlich. Wir hatten schon den Fall, dass nur noch ein einziger Lift funktionierte ... das bedeutet dann ewig anstellen oder 240 Stufen laufen. Bleibt einem das erspart, muss man sich momentan wieder auf Dunkelfahrten einstellen - Studenten haben die Leuchtstoffröhren geklaut, sie passen wohl in den Schreibtischlampen.

Heute abend verschwinden wir nach St. Petersburg. Wir werden dort bis Sonntag bleiben – vielleicht ist es dort auch ein wenig wärmer. Denn hier ist es mit zehn (tags) bis null Grad (nachts) doch recht kühl geworden. Außerdem regnet oder nieselt es fast ununterbrochen. Und wenn dann wieder einmal der Wind ungünstig steht, kommt noch der Smog dazu ... alles etwas widrig.

Aber dennoch: es geht uns gut und mit der nötigen Portion Humor kann man die zeit hier einfach nur geniessen! Jedenfalls will ich keineswegs zurück ...

Norbert in Haft (23. September 2002)

Was man nicht alles bei einem Russlandaufenthalt erlebt! Ich saß für zwei Stunden lachend im Knast! Eher innerlich lachend, denn Lachen war dort verboten, schließlich hat Hitler 1945 den Krieg verloren. O-Ton der Milizen: "Hitler kaputt". Welch geistes Kind die Herren waren, braucht man wohl nicht weiter erläutern.

Nach etwas erfolgloser Suche nach vernünftiger Musik waren wir Freitagabend in einer richtig schlechten Russischen Disco gelandet. Aber irgendwie passte das auch. Der Eintritt war teuer, und der Russische Pop ist eigentlich jenseits der Schmerzgrenze. Aber wir sind in Russland, da ist schlechter Geschmack Prinzip. Notfalls muss man mit Wodka nachhelfen. Während ich mich vergnügte und Siggi draussen spazieren ging, schauten Jens und Florian doch etwas zu tief ins Glas.

Der Nachhauseweg wurde dann zum Problem. Florians Schwanken war weniger problematisch - aber plötzlich rannte Jens aus der Straßenbahn und füllte den nahen Papierkorb. Dummerweise begegnete er auf dem Fußweg einem Mann ... Kurz und gut, er hat ihn vollgekotzt - mehr als peinlich. Der Mann ging schimpfend weg, hörte dann aber, wie ich schnell mit Siggi (deutsch) die Aufgabenverteilung besprach - und kam zurück.

Logisch, für den Mist hatte Jens zu zahlen - und zwar meiner Meinung nach eine ordentlich Summe für die Reinigung der Klamotten. Das sah der Mann anders, er wollte eine horrende Summe Schadensersatz. Ich weigerte mich. Also ab zur Miliz (freiwillig).

Nach Erklärung des Sachverhaltes wurden wir zwangsweise durchsucht ... Und plötzlich saß Jens in der Zelle. Mich wollte man rauswerfen. Dass Jens jedoch kein Wort deutsch könne und ich auch noch nüchtern wäre, überzeugte die Dummbatzen!

Irgendwann merkten die Polizisten und der Mann, dass wir das eher spannend als beängstigend fanden. Aktion eins: Norbert wird ebenfalls gewaltsam in die Zelle verfrachtet - ohne Ergebnisse. Aktion zwei: man steckt einen Penner dazu - wir begrüßen ihn. Aktion drei: man ersetzt den Penner durch stinkende Säufer - wiederum ohne Ergebnis. Tja, und irgendwann akzeptierte der gute Mann die 200 Rubel und wir durften gehen. Ganz plötzlich - wir waren gerade am Einschlafen.

Es war jedenfalls der lustigste Gefängnisaufenthalt, den man sich vorstellen kann, ehrlich! (Zumindest, wenn man die taktischen Gespräche der Polizisten versteht.) Wir haben herzlich gelacht, als wir wieder raus waren!

Aber auch danach hatten wir noch viel Spaß in Petersburg. Wir sind mit ein paar Russen, die wir über ein Mädel aus dem Zug kennengelernt hatten, fünf Stunden im Auto durch die Stadt gerast. Eigentlich hatten wir ein Ziel. Aber erst war eine Baustelle im Weg. Auch die Wege in der benachbarten Grünanlage führten nicht zum Ziel. Und selbst querfeldein - vorbei an Parkbänken und Teichen - kamen wir nicht durch. Später fanden wir die Umleitung, verfuhren uns aber wieder. Naja, und irgendwann kamen wir an, aber die Feier dort war vorbei. Spannend ist es dennoch mit 70 bis 90 über achtspurige (etwa, keiner kennt die Bedeutung der weißen Linien) Stadtstraßen zu flitzen. Langsame Autos überholt man übrigens rechts. Und ein Stau kann auch auf der Gegenfahrbahn umgangen werden - bis sich irgendwann alle frontal gegenüberstehen.

Witzig war die Kommunikation zwischen den zwei Autofahrern. In Russland sind die ersten fünf Sekunden eines Handytelefonates kostenlos. Die Konsequenz ist ganz einfach: "Wo bist du?" ... Auflegen ... "Am Stadion" ... Auflegen ... "Ok ich komme hin" ... Auflegen ...

Wir haben übrigens eine einzige Ausnahme vom irren Straßenverkehr gesehen: in Petersburg war ein Marathon - mitten über den Newski-Prospekt! Da rannten also wirklich ein paar Verrückte auf dem Mittelstreifen einer (etwa) sechspurigen Straße! Und keiner hat sie umgefahren! Im Gegenteil, die Läufer konnten am Ende einfach so unbedacht rüberflitzen!

Kurz und gut: Petersburg war richtig mächtig lustig! Die Stadt putzt sich gerade raus, nächstes Jahr feiert man den 300 Geburtstag. Es werden alle Parkanlagen in Schuss gebracht - richtig angenehm für Russland. Und die Ermitage ist wirklich Wahnsinn!

Neues in Moskau?! Naja, meine Zauberlampe geht nicht mehr aus - wenn ich sie anfasse springt sie nicht auf Null sondern auf halb Leuchten. Ich muss jetzt den Stecker kurz ziehen. (Vielleicht sollte ich mal die Kühlschranktür aufmachen?) Die Fahrstühle gehen gerade alle (!!!), nur Nummer eins und fünf knallen auf einigen Etagen verdächtig gegen die Tür.

Traditionen und Universitätsgeburtstag (30. September 2002)

Die Woche war ziemlich anstrengend. Der Freundeskreis wird immer größer, es gibt kaum noch einen Abend, an dem man nicht irgendwo eingeladen ist. Einladungen von männlichen Wohnheimbewohnern muss man sowieso konsequent aus dem Weg gehen - die Jungs wollen einen prinzipiell mit Wodka ("old Russian tradition") abfüllen. Aber wer kann und will schon den Einladungen der hübschen Russischen Mädels aus dem Weg gehen, zumal diese keinen Wodka mögen?! Jens und Florian sind längst verkuppelt - sie mussten sich natürlich auch wirklich beeilen, denn heute ist für sie Abreisetag.

Letzte Woche war auch noch 106-jähriges Jubiläum der Universität. Selbst die unwichtigste Zahl wird hier gefeiert - Ballettveranstaltung, Erstsemester-Begrüßung und Kulturabend für Dozenten und andere wichtige Menschen. Letzterer war wirklich orginell. Zuerst sprachen fünf dicke Männer. In Deutschland würde man sie "Vertreter der Industrie" nennen, hier deute ich es eher als die "alten Seilschaften". Ein Vertreter vom Ministerium, der Chef der Moskauer Metro, der Oberste der Moskauer Eisenbahndirektion, der Rektor und noch ein Bahnhofschef erläuterten nacheinander die hohe Bedeutung, den Weltruf und die einzigartige Ausbildungsqualität der Hochschule. Dann verteilte der Vertreter des Ministeriums Orden an Dozenten - den dicksten bekam der Rektor. Dann verteilte der Rektor Orden an die anwesenden Gäste - den schönsten erhielt der Vertreter des Ministeriums. Mit Bruderkuss. Es folgten neun Opernlieder, Klatschen, Bravo, Blümchen. Das Ende war der Kirche gewidmet. Auch der Patriarch (!!!) der Russisch orthodoxen Kirche war anwesend und wusste vom Weltruf der Uni zu berichten. Freundlicher weise hatte er seinen Chor mitgebracht - ein wirklich tolles Ensemble, was man sonst nur im Ausland zu hören bekommt.

Unsere Küche ist immer noch nicht fertig. Nachdem der eigentliche Termin trotz Nachschichten nicht eingehalten werden konnte, kam die Arbeit zum Erliegen. In der letzten Woche wurde nur ein Arbeiter gesichtet. Er hat die Klinke angebracht - irgendwann abends am Wochenende. Die Deckenverkleidung fehlt noch immer. Fürs Erste kümmert man sich nun um bislang unsanierten Küchen. Im ganzen Haus gibt es noch eine Küche, die aber keiner nutzen darf.

Dafür gingen heute fünf von sechs Fahrstühlen! Einer hängt unten fest und ignoriert alle Wünsche. Und meine Lampe geht überhaupt nicht mehr aus. Ich muss den Stecker nun immer aus der Steckdose ziehen.

Ich habe wieder einmal einen neuen Ausweis bekommen - eine schicke Magnetkarte (mit Foto natürlich). Wunder, wunder ... sie gilt am Eingang der Metro sowie an den Pförtnerhäuschen der Uni.

Von Samstag auf Sonntag war ich mit zwei Dresdner Freunden in Wladimir, einer alten Russischen Stadt. Vom früheren Charme war nicht allzuviel übrig. Aber dennoch war die Herbststimmung in den Parks und auf der Zugfahrt - übrigens ein Euro für 200 kilometer im Vorortzug - sehr schön. Soetwas fehlt in Moskau total. Das Hotel in Wladimir hatte einen sehr schönen Aushang, ich hänge den Text mal am Ende an.

Nächste Woche beginnt das Studium. Ich werde mir mal alle Vorlesungen des einen Jahrganges anhören und mal schauen, ob es interessant ist. Wenn nicht, probiere ich einen anderen Jahrgang oder wechsel doch noch das Fach. [der hoteltext, die umlaute und sz waren richtig geschrieben]

Werte Gäste!
Beachten Sie bitte die Brandschutzregeln:
Benutzen Sie in Ihrem Hotelzimmer kei-
ne Elektrogeräte wie Kaffeekocher, Plät-
teisen, Tauchsieder.
Verlassen Sie das Zimmer, vergessen
Sie nicht, Fernseher, Radiogerät, Konditio-
när und Beleuchtungskörper auszuschal-
ten.
Wir machen Sie darauf aufmerksam,
dass es äußerst gefährlich ist, Lampenschir-
me und Tischlampen mit brennbarem Ma-
tarial zu verdecken.
Wir hoffen, dass Sie im Bett nicht rau-
chen und keine noch glühenden Zigaretten
liegenlassen. Das ist sehr gafährlich!
Im Lift ist es nicht gestattet zu rauchen
oder eine noch brennende Zigarette mit-
zunehmen.
Werfen Sie keine Zigaretten in den Pa-
pierkorb, sondern nur in den Aschenbecher.
Es ist unzulässig ins Hotelzimmer leicht
brennbare Materialen mitzubringen und
dort aufzubewahren.
Wir wünschen Ihnen angenehme Erho-
lung!
Die Hotelverwaltung.

Kalt (9. Oktober 2002)

Es wird Winter. Draußen schneit es, seit zwei Wochen ist das Thermometer nicht mehr über fünf Grad geklettert. Noch bleibt der Schnee nicht liegen, aber das ist wohl nur noch eine Frage der Zeit. Ich habe jedenfalls vorgesorgt und mir einen dicken, langen Mantel gekauft. Sieht fast ein wenig zu edel aus, hält aber schön warm.

Jens und Florian - die zwei Sprachschüler - haben den Absprung endlich geschafft. Beim ersten Versuch haben sie ihr Flugzeug verpasst. Die grüne Lampe an der Flugtafel blinkte noch munter, also wollten sie noch ein wenig Zeit mit ihren Freundinnen verbringen. Dummerweise wird 40 Minuten vor Abflug der Computer am Check-in runtergefahren - Jens und Florian waren drei Minuten zu spät. Und ein russischer Computer lässt sich scheinbar auch nicht mehr hochfahren. Jetzt sind sie mit vier Tagen Verspätung mit dem Zug zurückgefahren!

Die Hoffnung, dass ich ihr Zimmer bekomme, wurde von Auslandsamt gleich begraben - es ist noch ein Kölner eingetroffen, der hier ebenfalls ein Praktikum machen wird. Die letzte Chance auf ein Einzelzimmer besteht darin, dass die Augsburger Mädels die Nase voll haben von Moskau und wahrscheinlich abreisen werden ...

Am Wochenende war ich mit Siggi in Kasan - 700 Kilometer östlich. Wie immer haben uns irgendwelche Russinnen aufgegabelt und ihre Stadt gezeigt. Man schafft es wirklich nirgends, ein Wochenende ohne neue Freunde zu verbringen! Ist schon ein irres Land. Die stadt war besser intakt, als Moskau. Man merkt, dass Öl in der Nähe ist.

Es gibt übrigens neue Erkenntnisse zu den Fahrstühlen: eine Freundin aus dem Wohnheim erzählte mir letztens, dass der Fahrstuhl nicht losfährt, wenn sie alleine drin steht. Sie wiegt unter 50 Kilo und das findet der Computer zu wenig! Der gleiche Computer mag auch die Zahl elf nicht - obwohl die rechten Fahrstühle nur auf ungeraden Etagen halten, gibt es dort stets eine zehnte Etage - kurz vor der 13.

Vergangene Woche haben meine "Vorlesungen" begonnen. Mit klassischen Vorlesungen hat das allerdings nix zu tun - vorn tippelt der Dozent hin und her, betet Sätze runter und die Studenten müssen brav mitpinseln. Die einzige Interaktion ist, wenn er jemanden ermahnt, der nicht mitschreibt! Dennoch wird fleißig Musik gehört, Handys klingeln, Briefe wandern hin und her. Schule total.

Derzeit fällt aber sowieso fast alles aus, weil die Studenten des zweiten und vierten Jahrganges eine Volkszählung machen müssen. Jeder hat bis Ende Oktober 400 bis 700 Wohnungen abzuklappern und zu fragen, wieviele Leute da wohnen. In der ganzen Stadt hängen Plakate, die diese fragliche Aktion preisen.

Angesichts der vielen Freizeit habe ich mich vergangene Woche mal beim Spiegel (Zeitschrift, Montags, Deutschland) vorgestellt. War mächtig interessant, auch wenn meine Sprachkenntnisse im Moment noch nicht für ein Praktikum reichen. Ich soll mich im Dezember nochmal melden.

Das lustige war aber der Anfahrtsweg. Man geht ja eigentlich davon aus, dass die 3. Хохошествого-Gasse ebenso wie die 1. Und die 2. Gasse von der Хохошествого-straße abgehen. Dem ist aber nicht so. Im Stadtplan ist sowieso nur die Straße eingezeichnet und im Grunde gehören auch alle Häuser im Umkreis von einem Kilometer irgendwie zu dieser Straße. Fragt man Fußgänger, bekommt man (a) gar keine oder (b) die falsche Antwort. Hat man denn endlich herausbekommen, das die 3. Gasse auf einem kurzen Abschnitt ganze hundert Meter entfernt parallel zur Straße läuft, darf man sich mit der Hausnummer beschäftigen. Die 3b ist rechts von der 3a, die 3c noch eins weiter ... Nur die 3d, die ist links von 3b! Alles in allem kostete mich diese suche zwei Stunden!

Grüße vom Schwarzen Meer (15. Oktober 2002)

"Fürchtest du dich nicht alleine?" "Nein! Wieso, gibt es einen Grund dafür?" "Nein, nichts kann passieren."

Der wohl häufigste Dialog in den letzten Tagen, auf meiner Kurzreise durch den Kaukasus. Gefährlich kam es mir wirklich fast nie vor - mal von diesem schnuckeligen Internetcafe hier in Sotchi abgesehen. Es ist eine enge, muffige Bude voller Rechner, aus allen Ecken ballert und knallt es. Die zocken wie die Wilden, echt erstaunlich, wie schnell die in Counterstrike agieren können! Auf 30 Quadratmetern stehen 24 Rechner, dazwischen noch zwei Gänge. Wer sich ein Bild machen will: http://www.ultima.sochi.ru - links gibt es die rubriken Игрушки (vierter Punkt) und Рэйтинг игри (fünfter Punkt).

Jedenfalls hat mich spontan die Reiselust gepackt und ich bin in den Süden gefahren. Im Zug (30 Stunden) tauchte übrigens die einzige wirklich besorgte Frau auf, eine Extrem-Christin. Sie schrieb mir dann auf einen Zettel: "Sie werden dich töten, du bist Zielscheibe. Steige bitte vorher aus!" Dreimal Durchatmen und Kopfschütteln!

Astrachan war der Startpunkt der Tour - dort mündet die Wolga in das Kaspische Meer. Eine nette Stadt, viele alte Häuser, viel Grün. In einer Moschee gabelte mich der obligatorische Einheimische auf und zeigte mir Alles.

Mitten in der Platten Steppe lag dann Elista, die Hauptstadt der Republik Kalmükien. Die Hälfte der Bewohner sind Mongolen, neben Lenin stehen also Budda-Statuen und asiatische Bögen. Am Budda gabelte mich der obligatorische Einheimische auf und zeigte mir Alles. (Er musste mir unbedingt noch Reiseproviant schenken. Vorher hatte er mir beim Tee erklärt, dass er sich Zucker nicht leisten kann - 50 Cent das Kilo.)

Spontan bin ich dann noch nach Mineralnije Wodi - dort wo immer die flugzeuge hin entführt werden. Um fünf stand ich plötzlich auf einem verlassenen Busbahnhof. Bis zum Tagesanbruch habe ich mich dann doch lieber in ein Buffet verzogen. Ein hässlicher Nebel hätte den ausflug fast sinnlos gemacht, aber plötzlich lichtete es sich und man konnte sogar den höchsten Berg Europas sehen. Der Elbrus liegt diesseits der kaukasischen Wasserscheide und toppt den Mont Blanc flott mit 5500 Metern!

Letzter Ausflugspunkt war dann Sotchi ... Hier kann man noch im T-Shirt an der Promenade langspazieren. Viele Parks, alles chic ... Man mag garnicht glauben, dass man in Russland ist. Heute war es leider nicht mehr sonnig, aber noch immer warm. Also bin ich wandern gegangen, auf den lokalen Berg. Dort gabelten mich die obligatorischen Einheimischen auf und zeigten mir gleich noch ein paar andere Sehenswürdigkeiten. (Ganz einheimisch waren sie nicht, ich habe jetzt eine Einladung nach Uljanowsk.)

Nun gut, noch eine neue Rubrik: Russische Lieblingswörter! Die Sprache ist wirklich der Hit. Man kann einfach aus jedem Wortstamm jede Wortart bilden. Also gibt es beispielsweise "du fehlerst" ("ты ошибаешься"). Noch besser sind aber die -nik's und -naja's, beispielsweise der "подсвечник" ("unter-kerzen-erich", kerzenständer).

Soviel aus dem warmen Süden. In wenigen Minuten geht es zum Zug (32 Stunden) ... Zurück ins kalte Moskau.

Fünf Rubel (22. Oktober 2002)

Der Höhepunkt der Woche war ein Punk-konzert, zu dem mich die Freunde aus dem Wohnheim am Freitag eingeladen hatten. Schon auf der Fahrt nach Sotchi hatte ich eine CD mit Titeln der Bands bekommen, am Freitag gab es den Spaß dann live. Krönung war eine Band, welche deutsche Texte singt, ohne sie wirklich zu verstehen. Auszug: "Ich gehe in die Kneipe, das macht mir immer Spaß. Dort sitzen wir zusammen, und jeder hebt das Glas. Ich spüre mich am Gipfel, das macht mir immer Mut. Erzähl mir die Geschichte, und es wird alles gut! ..."

Das zweite Erlebnis der Woche war eher unfreiwillig. Ich habe einen meiner unzähligen Ausweise (Eingang Metro und Uni) verloren und musste gestern einen neuen beantragen. Ich bin also ins Auslandsamt und habe Bescheid gesagt. Man schickte mich in Büro II, dort musste ich einen Brief (a) schreiben, dass ich einen neuen Ausweis brauche. Darauf hin bekam ich eine Bescheinigung (b), dass ich fünf Rubel (16 Cent) an die Uni zahlen muss. Diese musste ich in Büro III abgeben, dort bekam ich ein neues Formular (c). Mit dem durfte ich in Büro IV marschieren, wo ich nach 30 Minuten Wartezeit meine fünf Rubel loswurde und dafür wiederum einen Zettel (d) bekam. Diesen konnte ich nun in Büro II abgeben, woraufhin ich ein weiteres Formular (e) bekam. Das kann ich nun in der Metrostation abgeben, wo ich für weitere 95 Rubel (drei Euro) eine Bestätigung (f) bekomme, mit der ich mir in drei Wochen meinen Ausweis abholen werden kann.

Noch kurz zu den Fahrstühlen: Nummer zwei klemmt bei uns im zwölften. Eine Woche lang hing jetzt die Tür schief drin, weil Leute stecken geblieben waren und mit einer Brechstange befreit wurde. (Die hatten glück, eine halbe Etage tiefer und es wäre kein Ausgang in der nähe gewesen!) Jetzt ist die Tür gerade, aber nix geht. Nummer eins vergisst ständig die Ziel-Etage. Nummer drei und sechs schweigen. Mit Nummer fünf kann man von oben nur noch in die zweite Etage fahren, weil jemand die Einser-Taste beschädigt hat. Und in der Vier brennt kein Licht.

Wort der Woche: "Градусник" ("Grad-er") - das Thermometer.

Ikea, Pausen, Löhne, Piercing, Synchronisationen (28. Oktober 2002)

"Есть идея, есть Икея!" - gibt es eine Idee, gibt es einen Ikea! So der Slogan der zwei Moskauer Möbelhausfilialen. Da unserem Wohnheimzimmer irgendwie die Gemütlichkeit fehlte, sind wir gestern kurzerhand an den Stadtrand gefahren und haben Regale eingekauft. So sehr mir Russland gefällt - zauberhaft endlich mal wieder in die westliche Konsumwelt eintauchen zu können: Freundliche Verkäufer sowie geordnetes und vollständig vorrätiges Sortiment! Für zwei Stunden kommt man sich vor, wie im Dresdner Elbepark. Den Unterschied merkt man allenfalls beim Anblick des Kassenzettels: Fragt man sich in Deutschland, was Stan war (Regal oder Kerzenständer), rätselt man hier über стэн.

Zwei Stunden später dann der krasse Gegensatz: Siegfried geht in das Internetcafe und möchte surfen. Dazu benötigt man einen kleinen Zettel, auf welchen ein gültiges Passwort steht, erhältlich an der Theke. Hinter dieser stehen drei Leute, aber sie unterhalten sich - denn gerade ist 15 Minuten "technologische Pause", wie ein Schild erklärt. Für das Herausgeben des Zettelchens benötigten die Mitarbeiter ganze zwei Handgriffe - doch war es ihnen schier unmöglich, ihrem Kunden vor Ablauf der Pause den Gefallen zu tun. (Im gleichen Café kann man seine Cola über den PC bestellen, mit dem Wort Service ist man also eigentlich wirklich vertraut!)

Das Phänomen der "technologischen Pausen" gibt es übrigens überall - an der Metrokasse, bei der Frau an der wage (!) am Gemüsestand im Supermarkt oder auch auf dem Bahnhof. Wohlgemerkt sind die täglich bis zu vier "technologische Pausen" kein Ersatz für die Mittagspause - diese gibt es unabhängig davon auch noch!

Alles relativiert sich natürlich, wenn man die Löhne der Mitarbeiter hört. Ein Euro entspricht rund 31 Rubel. Eine Hilfskraft bei MC Donalds verdient pro Stunde 25 Rubel! Durchschnittlicher Monatsverdienst für einfache Angestellte liegt bei 2000 bis 3000 Rubel. Rentner bekommen eine monatliche Rente von 1200 Rubel. Und jeder Student - so auch wir - bekommt ein Stipendium zwischen 200 und 300 Rubel - falls man nicht dummerweise durch eine Prüfung gerauscht ist.

Dennoch kostet ein Joghurt zwölf Rubel, der Liter Milch ebenso. Ein Brot gibt es in Moskau ab 10 Rubel. Unter 500 Rubel ist keine Wohnung zu bekommen, in Metronähe bezahlt man das dreifache. Auch wenn die einzelne Straßenbahnfahrt mit sieben Rubel billig erscheint, die Jahreskarten für Bus und Bahn oder Metro kosten jeweils 3000 Rubel!

Umso erstaunlicher ist es, wie sich die Leute dennoch präsentieren. Wirklich jeder ist (selbst für westliche Verhältnisse) schick angezogen, keiner wirkt verwahrlost! Die Armut ist allenfalls an den verwahrlosten Häusern zu sehen, niemals an den Menschen!

Neben Ikea war unser Wochenende - ausnahmsweise mal komplett in Moskau - vor allem durch das Nachtleben in allen nur denkbaren Facetten gekennzeichnet.

Wir im Club Freitag waren wir kurz in der Wohnheimsbar Billiard spielen, dann wurden wir von Freunden auf eine Zimmerparty von wildfremden Leuten eingeladen. Sieben Flaschen waren für rund 15 Leute bereitgestellt. Sofort wurden wir zur schon wohlbekannten "old Russian tradition" - eine Phrase, die wohl jeder trinkfeste Russe kennt - eingeladen. Glücklicher Weise waren die Herren so dicht, dass nach der dritten Runde keiner mehr bemerkte, dass wir immer nur anstiessen und nie tranken. Auf drei mal vier Metern spielten sich gleichzeitig Liebesdramen, Sauforgien, Disco mit grauslichem russischen Pop, Anmachen und politische Diskussionen ab. Der ehemalige russische Tschetschenien-Soldat tanzte am Ende mit einem Kaukasier, der fünf Minuten vorher noch seine Gaspistole am offenen Fenster demonstriert hatte ...

Samstag bewunderte ich dann bei unseren Punks die Kunst des Piercings: man nimmt hier einfach eine heiße Nadel, sticht sich diese (in diesem Fall) durch die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger, wischt das Blut mit viel viel Watte ab, lässt die Nadel 15 Minuten in der Hand stecken und rammt dann einen Ring durch das Loch. Falls es groß genug ist - wenn nicht muss man halt aufgeben und es in zwei Tagen mit einer größeren Nadel nochmal probieren. Alles natürlich ohne Narkose, der Kerl war nichtmal betrunken! Und in dem Raum wurde mir von den Bewohnern übrigens verboten, mit Socken herumzulaufen, weil der Fußboden zu dreckig ist.

Jedenfalls haben wir später Filme angeschaut - im Gegensatz zur Kinoversion grauslich syncronisiert. Ein Mann spricht alle Stimmen, meist ohne jede Betonung. Das würde ja noch gehen - wäre er wenigstens zeitlich halbwegs synchron. Aber nein, immer wieder gerate ich in die Versuchung, dass Englische im Hintergrund verstehen zu wollen, weil das russische Geplapper einen halben Satz hinterherhängt!

Am Sonntag waren wir dann ganz normal beim Abschlussabend einer Theater-Universität, was dort in den einzelnen kurzen Nummern an Tanz, Schauspiel und Artistik geboten wurde, ist einfach unbeschreiblich und schlicht und ergreifend bewundernswert!

Drei Abende, jeder eine Geschichte für sich - das ist Moskau!

P.S.: Wieder einmal ein Lieblingswort: Friseursalon heisst Parikmacherskaja (парикмахерская) und kein Russe versteht, warum ich darüber lächel.

Minus zehn Grad und Schnee (13. November 2002)

"Wie jetzt - die Ärzte wissen nicht, welches Gas im Musicaltheater benutzt wurde? Natürlich wissen sie es!" Während deutsche Medien tagelang nur dieses eine Thema kannten - warum nennt der Kreml nicht das verwendete Gas -, haben wir nicht einen Russen getroffen, der sich dieser Problematik bewusst war! Selbst unsere Lehrerinnen und eine unserer politisch interessierten Freundinnen waren diesbezüglich ahnungslos. Medienfreiheit in Russland?

Christian, Siegfried und Norbert ... Weiteres Nachbohren führte irgendwann selbst bei diesen schon hoch einzustufenden Leuten zum Achselzucken: "Ach eigentlich interessiert es mich auch garnicht so, was die Politiker machen. Die werden es schon richten."

Und so kann Putin walten und schalten, wie es ihm beliebt. Das Volk mag seinen festen Willen, seine starke Hand. Und dass er gleich noch ein paar Relikte aus alten Zeiten reaktiviert - und sei es das wiedererrichten abgebauter Denkmäler alter KGB-Größen - wird stillschweigend geduldet, wenn nicht gar gutgeheißen.

Auch der 7. November, der Tag der großen sozialistischen Oktoberrevolution, ist beispielsweise weiterhin ein Feiertag. Wenn auch mit einem schicken neuen Namen: "Tag der Eintracht und Versöhnung". Von den alten Militärparaden sind jedoch allenfalls die Alten übriggeblieben - ein Häuflein verrückter Rentner, die ihre Sowjetfahnen vor den bunten Prada-Werbetafeln im Stadtzentrum schwenken.

Modernes Russland? Auf der Straßenbahnlinie vor dem Wohnheim fahren vier Bahnen. Bei Stau kommt es vor, dass sie sich plötzlich alle an einer Stelle sammeln. Deutsche Bahnfahrer würden spontan an der Endstation so lange warten, dass sich wieder regelmässige Abstände zwischen den Bahnen ergeben. In Moskau dagegen werden den restlichen Tag jeweils vier Bahnen hintereinander kommen und dann eine Stunde lang keine einzige. Es ist halt kein Chef greifbar, den man um Erlaubnis bitten könnte, etwas zu warten. Wie früher halt!

... mit dem kleinen gruener Kaktus ... Zehn Jahre nach der Perestroika bewegt sich Mütterchen Russland also weiterhin irgendwo zwischen Chaos, Totalitarismus, Imperialismus und Sozialismus. Jedem Volk das Seine, Russen hängen halt noch immer Bilder von Putin in ihre büros.

Dennoch verblasst der alte Stolz immer mehr. Vergangene Woche waren wir auf der ehemaligen ständigen Ausstellung der sozialistischen Sowjetrepubliken in Moskau, kurz ВДНХ. Früher zeigte das Land hier stolz seine Errungenschaften in Technik und Wissenschaft. Doch wo einst russische Radiotechnik präsentiert wurde, kann man heute billige, asiatische Elektronik einkaufen. Im Kunstsalon nebenan werden kitschige Aquarelle und Bierkrüge verhökert. Im Zentralpavillon gibt es Bonsaibäumchen aus Kunststoff und Mini-Springbrunnen.

Auch anderswo das gleiche Bild. Am Wochenende war ich in Uljanowsk - der Geburtsstadt Lenins. Selbst im dortigen Lenin-Gedenk-Zentrum (!!) gibt es nun billige Gold-Imitate für die Gattin käuflich zu erwerben.

Eine vollkommen andere Geschichte, aber dennoch erwähnenswert: eines muss ich diesem Volk zugute halten: jeder kennt Dresden, jeder weiss, dass in der Gemäldegalerie die Sixtinische Madonna hängt - das habe ich bei keinem anderen Volk Europas bisher erlebt.

... beim internationalen Kulturabend Und noch etwas wunderbares an diesem Volk. [Auf vielfachen Wunsch nehme ich mir dieses Themas nun einmal an.] Es ist das Volk mit den wahrscheinlich meisten hübschen Töchtern! Es ist einfach unglaublich: man geht ins Theater und kommt schon vor der Vorführung aus dem Staunen nicht mehr heraus - allein wenn man sich das Publikum anschaut. Und wenn man in eine Disco geht wird es noch viel schlimmer. Als Hersteller brauchfreier T-Shirts muss man hier reich werden - so viele schöne Bäuche habe ich noch nirgends gesehen.

Wo das Geheimnis nun genau liegt, weiß ich nicht. Die Schminke ist es nicht, die ist eher zu übertrieben. Am netten Lächeln - welches man in dieser Form in Deutschland nicht findet?! Oder einfach nur, weil in jedem Haus am Ausgang ein Spiegel hängt, in dem sich die Mädels extra nochmal hübsch machen können? Oder einfach weil die Studentinnen - die wir nun meistens bewundern dürfen - mit ihren nur 18 bis 19 jahren noch recht jung sind?!

Witzig ist jedenfalls so ein typischer Flirt in der Uni oder dem Wohnheim. Ein wenig wie früher in der Schule. Man sieht sich und unterhält sich. Dann lädt man sich zum Spazierengehen ein. Dann geht man mal aufs Dach oder in die Bar. Dort darf man dann langsam etwas näher rücken - wohlgemerkt wird die Initiative stets dem Jungen überlassen! Die russische Frau will erobert werden.

Der krasse Gegensatz dazu sind die Clubs und Discos. Ehe man sich dort versieht, wird man schon angelächelt, angetanzt, angemacht. Auf der Bühne ziehen sich auch schnell mal irgendwelche leute bei Gesellschaftsspielchen halb aus.

Noch ein paar nette Wörter der Woche, alles russischer Wortschatz: Schlagbaum, Wunderkind, Landschaft, Zifferblatt, Kurort, Burgermister. Wohlgemerkt kennt kein Russe die Worte Baum, Wunder, Land, Blatt, Ort oder Burger!

Russische Mentalitäten (26. November 2002)

Was gibt es Neues?! Nachdem es vergangene Woche mit fünf Grad richtig warm war, ist nun der Winter wieder eingezogen. Minus sieben - am ersten Tag frieren einem die Ohren ab, am zweiten wird man hart und sagt sich: es wird ja noch schlimmer, also hab dich nicht so!

Und im Winter ist es nicht nur kalt, sondern auch früher dunkel. Das bedeutet Spaß im Wohnheim. Die Küchen sind noch immer geschlossen. Die Sanierung ist ja de facto schon seit zwei Monaten abgeschlossen, dennoch bleibt uns der Zutritt in die nun edlen Räume verwehrt. Denn - so die offizielle Begründung - man hat noch keine Waschbecken besorgen können! Also werden es von Tag zu Tag mehr private Kochplatten in den Zimmern. Die Folge: 19 Uhr will alle Welt kochen, also fliegt die Sicherung. Wir zünden die kerzen an, auf dem Gang (anderer Stromkreis, also Licht!) machen es sich die vietnamesischen Familien aus der Nachbarschaft gemütlich. Eine halbe Stunde später gibt es dann nochmals kurz Strom, woraufhin alle von neuem kochen wollen - bis die Sicherung wieder fliegt. So geht das bei halb neun, dann gibt wahrscheinlich die Hälfte der Bewohner entnervt auf und verschwindet hungrig im Bett.

Lisa und Olga im Nachtleben Auch sonst bereitet uns das Wohnheim weiter Spaß. Noch immer gehen die Fahrstühle ständig kaputt, ich habe im Geiste inzwischen die Halbwertszeit ermittelt: einen Tag. Das bedeutet: Wenn unsere sechs Fahrstühle am Montag repariert werden, gehen am Dienstag noch drei. Problematisch wird es am Wochenende, denn der Monteur kommt nie Samstags oder Sonntags. Wenn sich täglich die Zahl der Fahrstühle halbiert - ich gehe mal von einer typischen Zerfallskurve aus - bedeutet das, dass Montag morgens noch 0,75 Fahrstühle funktionieren. Die Theorie hat sich in den letzten drei Wochen bestätigt, 0,75 bedeutete beispielsweise vorgestern: ein Fahrstuhl funktionierte noch, aber er vergaß ab und zu sein Ziel und blieb stehen.

Ansonsten fängt man pünktlich zum Beginn der Frostperiode mit dem Streichen an. Das scheint unlogisch, passt aber zu der Tatsache, dass man die zu streichenden Stellen auch nicht reinigt. Die Farbe landet also direkt auf dem Dreck und friert an, statt zu trocknen. Das sichert aber immerhin Arbeitsplätze, der Malermeister kann sich sicher sein, auch im nächsten Jahr noch gebraucht zu werden.

Was mir in den letzten Wochen auch noch auffiel, ist die russische Kunst der Absperrung. Da erfindet also ein Architekt einen wunderschönen Konzertsaal oder eine gläserne Bank mit vielen Türen. Und was machen die Deppen: schließen Alles ab und kleben auf die schicken Glastüren hässliche Pfeile, die zum letzten verbliebenen Eingang weisen. Vor diesem werden dann noch ein paar hässliche Geländer aufgestellt, die den Umweg möglichst nochmals vergrößern.

Perfektioniert wird dies an Baustellen: Wir standen letztens vor einem Kino, dessen Vordereingang gebaut wurde. Ausweichvariante war der Eingang an der rechten flanke des Hauses. Diesem konnte man sich auf direktem Wege zwar bis auf fünf Meter nähern, dann stand aber eine Absperrung im Weg - die Baustelle reichte genau bis zum Durchgang. Bauarbeiter achteten penibel darauf, dass man sich auch ja nicht durchmogelte. Also: einmal links um das ganze Kino drum herum, an bestimmt fünf geschlossenen Türen vorbei, um wieder an der gleichen Absperrung zu stehen - nur auf der richtigen Seite.

Steht in Deutschland ein Zaun vor dem Kino, jagt man die Betreiber zum Teufel - hier zuckt man mit den schultern und läuft. Und dementsprechend ist auch das Verhalten von Verkäufern! Ich frage im Laden nach: "Kann man diese schicke Russland-Fahne dort kaufen?" Antwort: "Nein, diese Fahne kann man nicht kaufen." Dass es im gleichen Geschäft andere Fahnen gibt, wird einem nicht verraten. Umsatzsteigerung durch freundliche Auskünfte?

Und so geht es überall. Nehmen wir einen Bahnhof, heute Abend werde ich Tickets nach Petersburg kaufen. Also werde ich mich rund 40 Minuten anstellen und fragen, ob es in Zug x noch freie Plätze in Kategorie a gibt. Die Antwort wird "nein" sein. Keine Auskunft zu Zug y, keine Auskunft zur Kategorie b. Stück für stück habe ich selbst nachzufragen, mehr als fünf Fragen sind die Damen aber selten gewillt, zu beantworten. Dann muss man sich woanders neu anstellen.

Der krasse Gegensatz dann das Leben im Zug. Ob im lauschigen 4er-Abteil oder im wilden 52-Betten-Wagen (ohne Türen), alle werden zur großen Familie, sobald der Zug anruckt. Als erstes wird die Jogginghose angezogen, es folgen die Pantoffeln. Dann wird die Lebensgeschichte erfragt: Name, wohin, warum, Beruf, Freundin? Als junger alleinreisender Student männlichen Geschlechts weckt man meist auch noch die Mutterinstinkte der anwesenden Frauen - bei allen drei Zugfahrten meiner letzten Reise wurde ich mit Essen ohne Ende abgefüllt. Ei, Huhn, Tee, Brot, Wurst, Orangen, ... Widerspruch zwecklos.

Zum Glück sitzt man länger im Zug, als man am Bahnhofsschalter steht. Und das macht das Land so lebenswert!

Ein bunter Haufen Neuigkeiten (6. Dezember 2002)

Ein Deutscher läuft in Moskau die Straße entlang und fällt plötzlich in ein tiefes Loch. Als endlich Hilfe eintrifft beschwert er sich: "Warum haben sie denn kein Schild vor der gefährlichen Stelle aufgestellt." Daraufhin antwortet man ihm: "Als sie hier in Russland angekommen sind, haben sie da nicht das große Schild gesehen: Russische Föderation?!"

Vergangene Woche waren wir beim KWN - einem Wettkampf zwischen studentischen Comedy-Gruppen. Derartige Mannschaften - "Kommandos" - gibt es an jeder Fakultät. Dementsprechend gibt es kleine Wettbewerbe zwischen einzelnen Fakultäten, den großen "Konkurs" der Universität - da waren wir -, Stadtmeisterschaften und landesweite Entscheidungen. Neben einem ziemlich professionellen Kurzprogramm müssen diverse spontane Übungen geboten werden, beispielsweise muss ein fünfminütiger Film synchronisiert werden. Eine Jury vergibt Punkte, der ganze Saal ist voll von den Fans der Kommandos, am ende fließen auf der Bühne bei den Siegern sogar Tränen.

Die Gags sind professionell gemacht, flott mit schnell geschnittener Musik untermalt. Da werden Deutsche und Rammstein veralbert, aber genauso die heimische Pop-Szene. Ein Sommerhit hieß beispielsweise "Putin". Ein Mädel springt also auf der KWN-Bühne rum und singt den Text: "Ich will einen Mann wie Putin, der so schlau ist, so klug, so weise, so intelligent, ..." Die Musik stoppt spontan, ein Student kommt mit verächtlichem Blick auf die Bühne und sagt im Putin-Tonfall: "Ludmilla, du hast mich doch schon! Hör auf zu singen und koche mir lieber was zu Essen!" (Ludmilla Putin = Ehefrau von Wladimir P.)

Direkt nach dem KWN-Abend sind wir dann zum zweiten mal nach Petersburg gefahren - um die Stadt bei wunderbarem blauen Himmel, Sonnenschein und minus 17 Grad zu genießen! Mag grauenvoll klingen - aber nach drei Wochen Matschwetter um die null Grad war das echt ein Genuss!

Es gab viel zu sehen, das zu 90 Prozent fertige Bernsteinzimmer im Katherinenpalast, die fast zugefrorene Newa oder die vielen goldenen Kirchkuppeln im ständig tiefstehenden Sonnenschein - Petersburg liegt ja auf die gleichen Höhe wie Grönlands Südspitze. Sowohl architektonisch als auch zwischenmenschlich ist Petersburg wesentlich westlicher als Moskau - manchmal sehr angenehm. In jedem Laden kann man beispielsweise ein paar worte Englisch sprechen - in Moskau ein Glücksfall.

Aber dennoch, schnell wird man wieder von der russischen Realität eingeholt. Wir wollten in der Ermitage eine Führung machen. Dafür gibt es ein spezielles Exkursionsbüro. Dort fragt man nach und bekommt daraufhin einen kleinen Zettel. Mit diesem rennt man zur Kasse Nummer fünf, dort zahlt man 100 Rubel (drei Euro) pro Nase und bekommt für Jeden einen neuen Zettel. Diese zeigt man wiederum im Exkursionsbüro. Dort werden nun die Namen der Interessenten auf einer Liste vermerkt. Die Zettel werden um einige Notizen ergänzt. Nun muss man sich zum Eingang bewegen. Dort werden die Namen auf eine weitere Liste eingetragen, der Zettel wird eingerissen. Nach 30 Minuten darf man wieder erscheinen, dann steht die Führerin bereit. (Was wir dann für zusammen sechs Euro geboten bekamen war übrigens absoluter Wahnsinn. In zwei Stunden zeigte uns die Führerin mit unheimlicher Fachkenntnis immerhin 65 der über 400 Zimmer der zweitgrössten Kunstsammlung der Welt.)

Zum ersten Mal gab es übrigens Probleme mit der russischen Mentalität. Ich möchte ja bekanntlich bis zum Sommer verlängern - bei meinen Vorgängern war das nie ein Problem. Ich soll nun plötzlich 800 Euro zahlen, zuzüglich Wohnheim. Es folgten Diskussionen und Mails ans Dresdner Auslandsamt - mehr oder weniger argumentierte ich so: Ich habe auch nie etwas gesagt, dass ich kein Einzelzimmer bekommen habe, dass die Küche ewig nicht ging oder dass der Sprachunterricht zeitweise mies ist. Plötzlich tauchten in Dresden und Moskau Märchen über mich auf, keiner redete mehr mit mir und so weiter und so fort. Also habe ich nachgefragt, was los ist. Fazit: Norbert Schott schreibt nur Schlechtes über Moskau in der Dresdner Studentenzeitung.

Ich hatte dort zum Beispiel berichtet, dass man in vier Wochen acht Ausweise bekommt - das hat die russische Seele tief verletzt. Ich habe ersteinmal angefangen, Ironie und satirischen Schreibstil zu erklären - und nun muss ich hoffen, dass man mir es glaubt. Soviel zu interkulturellen Kommunikationsschwierigkeiten!

Was nun wird, bleibt weiter etwas in der Schwebe. Ich weiß nur eines - ich will hierbleiben! Erst recht, nachdem vergangene Woche die Waschbecken eingetroffen sind und wir nun endlich wieder eine Küche haben! (Ich mache übrigens Fotos vom Verfall der blitzeblanken weissen Kücheneinrichtung. Die Herde sind schon nach sechs Tagen braun.)

P.S.: Worte der Woche: rentirowatch - mieten. Gastrolliwatch - eine Gastrolle geben.

Ein paar Anekdoten über uns selbst (6. Dezember 2002)

- Alles fing an mit einem Stöpsel. Fragt man Russen nach diesem Gegenstand, bekommt man meist zu hören: "Ja, ich habe sowas mal gehört - aber noch nie benutzt." Wasser ist billig, also läuft es beim Abwaschen durch. Das widerstrebte uns, also ging das Basteln los. In der Wanne dient uns nun ein alter Waschmitteltubenverschluss mit Klebeband als Stöpsel, im Waschbecken nutzen wir eine Filmdose mit Pflaster.

- Unsere Schränke hatten keine Regalbretter. Zum Glück ging eines nachts die Tür vom Partyraum im sechsten Stock in die Brüche, zeitgleich fand sich eine Säge in den Küchen-Baustellen - fortan hatten wir Regalbretter.

- Nur halt keine Küche. Ab und zu wünscht man sich aber wenigstens ein gekochtes Ei. Dafür braucht man kochendes Wasser - das liefert der Wasserkocher im Zimmer. Leider schaltet sich das Gerät nach zehn Sekunden Brodeln ab - es sei denn, man legt wie Siegfried kurzerhand einen Tetrapack Apfelsaft auf den Schalter. Funktioniert tadellos!

- Blumenuntersetzer lassen sich prima aus mit dem Feuerzeug erhitzten Colaflaschen basteln.

- Einen Deckenstrahler hat Siegfried aus unserer ungenutzten Nachttischlampe - ja, solch eine wundersame fass-mich-an-und-ich-leuchte-Lampe - gebaut. Einfach den Schirm umdrehen, ein paar Halterungen anbringen und dann ab auf das Regal - fertig.

- Die Fenster haben wir in einem Raum mit deutschem Abdichtband frostsicher gemacht. Leider ist dies nun alle. Also hat Christian für das zweite Zimmer in der Uni Schaumstoffstreifen bekommen, die er nun kurzerhand mit Malerkrepp vor die Ritzen kleben soll.

- Die Kröhnung sind unsere Betten. Diese hängen so durch, dass man für einen erhöhten Kopf kein Kopfkissen braucht. Nach ewigen Experimenten mit Stricken und Streben habe ich mir nun irgendwo Obstkisten geholt, diese auseinandergenommen, jeweils zwei Bretter mit Klebeband zu einer langen Leiste verbunden und mir so einen Lattenrost gebaut. Ein Traum für süße Träume.

- Als Letztes habe ich nun noch festgestellt, dass wir wahrscheinlich auch noch etwas zum Haareschneiden erfinden müssen. Die liebe, nette und sehr billige Friseurtante hier versteht einfach nicht, dass lange haare keinen Scheitel haben müssen - dementsprechend zerhackt sehen meine Haare seit zehn Minuten aus.

P.S.: Noch zwei Wörter zum Abschluss. Klebeband: скотч ("skotch"). Eine Kopie machen: делать ксерокс ("djelat' kseroks").

Weihnachten in der Heimat, Schnee (18. Dezember 2002)

In Moskau liegen 10 Zentimeter Schnee, seit drei Wochen steigt das Thermometer nur noch selten über minus 15 Grad. Wir drei Ausländer haben inzwischen alle unsere Erkältung abbekommen - mich hat es diese Woche als letzten erwischt.

Von Weihnachten merkt man hier natürlich recht wenig - ein paar Weihnachtsbäume stehen hier und da herum, mehr nicht. Adventssonntage oder Nikolaus kennt man gar nicht. Wie Olia erzählt, schenken sich wohl die Jugendlichen ab und zu am 25. Dezember etwas. Von den Eltern bekommt man zum neuen Jahr ein Geschenk - aber lange nicht so zeremoniell, wie bei uns am 24. Dezember. Das christliche Fest Weihnachten wird natürlich nach dem alten russischen Kalender gefeiert - also mit 14 Tagen Verspätung am 7. Januar. Einen Feiertag gibt es deswegen dennoch nicht. Im Gegenteil, wenn ihr daheim bei Kerzenschein familiäre Tage begeht, wird hier fleißig geübt. An Olias Hochschule werden vom 25. bis 31. Dezember Prüfungen geschrieben, an unserer direkt danach.

Mag man das alles als unromantisch empfinden - für mich ist es das erste Weihnachten seit langem, auf welches ich mich richtig freue. Kein Geschäft schreibt einem vor, dass man nun in Weihnachtsstimmung sein muss. Auch das Fernsehen lässt einen in Ruhe. Ich wünsche mir ganz allein ein paar ruhige Tage - und das ist echt ein Genuss.

Für meine Verlängerung gibt es bislang weder eine Zu- noch eine Absage. Die russische Seele will scheinbar weiter gehätschelt werden und lässt mich ein wenig zappeln. Lichtblicke sind erkennbar - ich schmiede inzwischen tausende Ausweichvarianten, falls es mit einem planmässigen Studium nicht klappt.

Christian, Olga, Norbert Vergangene Woche war ich zwei tage in Smolensk - eine sehr schöne Stadt im Westen. Eine alte Stadtmauer, weniger Neubauten, als in anderen Städten. Leider war es viel zu kalt, um Viel von der Stadt aufzunehmen. So habe ich mich dann doch ins Kino oder in Restaurants verzogen. Man merkt die Entfernung von Moskau - Essengehen kostet nur einen Bruchteil! Ich war in einem wirklich noblen Restaurant und habe für weniger als vier Euro Tee, Salat und Hauptspeise bekommen. In der Pizzeria kosteten Cola, Pizza und Salat zusammen zwei Euro. Dafür war die Pizza labrig - typisch neurussisch zubereitet, dass heisst in der Mikrowelle! Man hat hier einen Faible dafür, es gibt wirklich alles für dieses Meisterstück der Kücheneinrichtung.

Das Ergebnis ist dann ein toller Bericht im Lonely Planet über "places to eat" in Smolensk: "At the time of writing 'stary rytsar' was trying to be a slick cellar bar with expensive food and darkdining grotto that smelled like a swimming pool. 'nautilus' is just as dark with four or five wooden booths and food that tastes like your little brother concocted it. Like most Russian restaurants, the menu has a page of strangely named salads: signoir pomidor turned out to be a chopped-up unripened tomato with some grated processed cheese and lots of mayonaise on top. The borsch had a sea of salt in it, and the escalop was a chunk of rubbery beef topped with melted cheese, relish and ketchup, and soggy fries on the side. It serves also spaghetti (at your own risk) and fish, though that might not be a pleasant experience given the critters are floating around in aquariums on each table. 'ladya' looked to be the best bet. The athmosphere was ships ahoy! 'stary gorod' is a maze of a smoky dining rooms. It serves chesseburgers, omlettes, schnitzel, myaso po franzusky (beef topped with cheese, mayonaise, tomato, ketchup and relish) as well as myaso po smolensky (dito without the cheese and tomato). 'kafe zarya' is fine for snacks but the restaurant did not look like it has had a costumer since communism collapsed. In summer, there's one of those omnipresent plastic chair and marlboro umbrella cafes next to ..."

Immerhin eine leckere Fast-Food-Variante gibt es in Moskau: Backkartoffeln an jeder Ecke - gesund und lecker. Leider ist es inzwischen so kalt, dass man sich beim Essen die Hände abfriert. Deswegen lande ich doch öfter und öfter bei einem schnöden Hot-Dog.

Winter in Moskau (18. Januar 2003)

Rund vier sind seit dem letzten Brief vergangen, vier sehr sehr turbulente Wochen.

Zuerst war mein Geburtstag. Aus unerfindlichen Gründen waren die Bürokraten im Wohnheim einmal gänzlich unbürokratisch, gaben mir den Schlüssel für den Partyraum, genehmigten in dieser Nacht das kostenlose Übernachten für Freunde (sonst vier Euro pro Nase) und ließen sogar (für drei Stück Kuchen) um zwei Uhr nachts - also 60 Minuten nach der Sperrstunde - noch den verspäteten Besuch aus Deutschland ins Wohnheim. Die Nacht war endlos, irgendwann breitete sich die Stimmung dann auf die ganze Etage aus - in drei Zimmern, auf dem Gang und vor den Fahrstühlen wurde gefeiert, gesungen und getrunken. Zwischendurch gab es noch eine Mehlschlacht - dementsprechend weiß sind alle Menschen auf meinen Fotos. Das ganze war dann nur dumm, als wir am nächsten morgen aufräumen mussten ...

Das deutsche Weihnachten war etwas geruhsamer. Mit meiner Mutter haben wir ein wenig gekocht, später haben wir uns zu den Studenten aus Bochum gesellt, die gerade im Wohnheim weilten. Den Russen war das natürlich alles etwas schleierhaft - am 24. ist hier Prüfungsvorbereitung, sonst nix. Allenfalls am 25. schenken sich Freunde gelegentlich etwas, aber wahrscheinlich auch mehr, weil es das Fernsehen so will.

Richtig los geht es dann am 31. - Neujahr! Da isst man in der Familie, da gibt es ein paar Geschenke, da wird viel getrunken und gefeiert. Ich habe erst bei Olia mitgegessen, zum Feiern in diesem Hause fehlte aber die Zeit. Denn ich wollte ja mit Anja sowie Thea - den Lieben aus Dresden - und natürlich auch mit Olia auf den Roten Platz. Es ist einfach ergreifend, bei minus 30 Grad ein Feuerwerk über dem Kreml zu sehen und zwischen den aus Sicherheitsgründen aufgereihten Soldaten zur Musik zu tanzen! Dazu der Schnee und die langsam einfrierenden Getränke ... (ja, auch Wodka-Cola kann frieren!)

Die christlichen Russen feiern dann in der Nacht vom 6. zum 7. ihr Weihnachten - wohlgemerkt nicht, weil wir da die Drei Heiligen Könige haben, sondern weil das nach dem alten Kalender die Nacht nach dem 24. ist. Wir haben uns das Ganze in einer Moskauer Kirche angeschaut - viel Weihrauch, viel Gesang, viel Nachdenklichkeit. Geschenke gibt es hier allenfalls für Gott.

Und weil es sich so gut feiert, darf man in der Nacht vom 13. auf den 14. auch nochmal zu Tische bitten - das ist dann logischer weise das alte Neujahr. Wieder in Familie, wieder mit Speis und Trank!

Mit Anja, Thea, Siegfried und Christian ging es dann kurz nach Silvester auch noch auf Olias Datscha - eine stunde im Vorortzug von Moskau entfernt. Ofen anheizen, Gitarre auspacken, Essen kochen und gemütlich Spaß haben - und das Alles mitten in der Natur, mitten im hohen Schnee. Zur vorgerückter Stunde wartete dann auch noch die Banja (Sauna) auf uns - inklusive Abkühlen im Schnee.

Gereist bin ich natürlich auch wieder, diesmal war ich zusammen mit Olia in Pskow und Nowgorod - zwei uralten Städten im Norden Russlands. Wieder einmal konnte man sich erholen vom Dreck Moskaus, vom Verkehr, vom Stress der zigmillionen Menschen. Stattdessen gab es wiederum viel Schnee; ein Kloster mit Felsenkirchen; einen Alten der mit uns spontan mitten durch den tiefsten Schnee stapfte, um sein Dorf zu präsentieren; viele Kirchen und Museen; und überhaupt eine schöne Zeit mit Olia. Das einzige Problem war natürlich die Kälte ...

... Dieses mal haben die deutschen Medien also wirklich nicht übertrieben. In Pskow waren es nachts minus 35 Grad, tagsüber minus 27. Wir saßen eineinhalb Stunden im ungeheizten Bus - danach habe ich meine Füße und Beine nicht mehr gespürt. Mein Gesicht wurde nach einigen Tagen ganz rauh, an mehreren Stellen (Knie, Gelenke) ist die Haut beim kleinsten Stoss aufgerissen. Selbst im Hotel - dem besten in Pskow - wurden die Zimmer nicht mehr wärmer als 15 Grad. Da kuschelt man sich ins Bett, schaltet den Fernseher an und denkt über die tausenden Leute nahe Petersburg nach, bei denen die Heizung total ausgefallen war.

Aber das Wetter hat auch schöne Seiten. Diese Woche waren wir beispielsweise im Gorki-Park von Moskau - ja, der von den Skorpions "... down to Gorki-Park ..."! Dort hat man alle Wege in Eisflächen verwandelt und im Schein der Laternen kann man nun endlos Schlittschuh laufen! Außerdem verwandelt der Schnee selbst das dreckigste Moskau für einige Tage in eine weiße Märchenlandschaft - das merkt man jetzt, wo es wieder warm, also ein Grad, geworden ist!

Der Schnee ist ausserdem ein lustiger Arbeitsbeschaffer in Moskau. Was es da alles für Aufgaben gibt! Männer mit Schaufeln schieben den Schnee von den Fußwegen auf die Straßen, Männer auf Kehrmaschinen - klassische Schneeschieber sind bei den unebenen Straßen nicht einsetzbar - kehren alles wieder zurück. Entlang der Straßenbahntrassen werden Frauen aufgestellt, die die ganze Zeit den Schnee aus den Weichen kratzen, den die Autos da reindrücken. Und nach ein, zwei Tagen kommen dann große Bagger und Laster, die den ganzen Schnee verladen und zu den Schneemelzungsanlagen (!!!) fahren.

Eine Prüfung stand in den letzten Tagen bei mir auch noch an, "Eisenbahnstationen und -knoten". Mühevoll hatte ich mich durch 100 Seiten im Fachbuch gequält, wusste nahezu alles über Bahnhofsarten in Russland. Und wofür?! Zwei Fragen zum Thema und eine halbe Stunde Smalltalk über Straßenbahnen in Dresden und Berlin. Das anstrengendere war dann wohl das Organisieren des Stempels für die Bestätigung des "ausgezeichneten" Prüfungsergebnisses. Da muss also erst der kleine Professor (Zimmer I) unterschreiben, damit der große (Zimmer II) weiß, dass das, was er unterschreibt, auch stimmt. Die Unterschrift des Großen berechtigt wiederum die Frau mit dem Stempel (Zimmer III) zum Stempeln, was aber wiederum nachträglich registriert (Zimmer IV) werden muss: Wer hat wann einen Stempel auf welchem Blatt von welchem Institut bekommen und wer hatte vorher alles unterschrieben. Das kann man nun wahrscheinlich noch jahrelang in den scheinbar endlosen Archiven der Uni nachschlagen.

Und nebenbei findet man dann bestimmt auch noch einen witzigen Briefwechsel. Da ich im Februar einen Monat in Sibirien Praktikum machen möchte, bat Moskau vorgestern Omsk um ein Schreiben, dass Omsk meine Registrierung übernehmen möchte. Daraufhin wird Moskau ein Schreiben an Omsk aufsetzen, dass es meine Registrierung abgibt. Ich werde dann drei Stempel in den Pass bekommen - Registrierung abgeben, Registrierung übernehmen und die Registrierung selbst. Vier verschiedene Gebühren müssen einzeln von mir auf einer Bank eingezahlt werden, dazu muss ich sechs Passbilder abgeben. Und in vier Wochen spielen wir das Ganze dann nochmal durch, denn dann will ich ja wieder zurück und Omsk wird Moskau um einen Brief bitten, dass ...

Übrigens hängen seit einer Woche Shampoo-Plakate mit Verona Feldbusch in der Moskauer Metro! P.S.: Welche lustigen Wörter in der russischen Sprache habe ich eigentlich noch nicht erwähnt?! Gastarbaiter, blizkrig, ...

Murmansk und Omsk (14. Februar 2003)

Hallo liebe Freunde,

Ich bin also in Omsk gelandet. Im Moment läuft das Zurechtfinden etwas schleppend, ein paar private Probleme in Moskau bringen mich ziemlich durcheinander.

Ich werde mich hier ein wenig mit "Verkehrsökologie in Russland" beschäftigen - ebenso wie danach in Moskau. Das ganze hat mit unserer Sichtweise recht wenig zu tun, im Moment weiß ich noch nichteinmal wo ich anpacken soll.

Auf meiner Etage im Wohnheim wohnen nur Nordkoreaner. Zwanzig an der Zahl - allesamt fleißig wie die Bienchen, ideologisch getrimmt und den Freuden des Lebens gänzlich abgeneigt. Tagsüber wird gelernt, um 19 Uhr singt man im Chor Kampflieder - dann flieht selbst die Дежурная (Etagenmama) -, danach wird wieder gelernt. Angeblich wurde die Gruppe einmal gemeinsam beim Eishockey gesehen - das waren alle Aktivitäten seit September.

Die Russen sind offen wie immer - am Anfang schauen sie skeptisch (Ausländer in Omsk?), dann ist man innerhalb einer Stunde eingemeindet. Die Jungs sind in der Disco erstaunlich offen und tanzen recht viel - etwas überraschend für Russland. Gleich am zweiten Discoabend wollten mich jedoch ein paar Kerle wegen meines etwas ungewöhnlichen Aussehens verprügeln - das beherzte eingreifen einer Freundin verhinderte dies zum Glück.

Die Preise sind im Gegensatz zu Moskau verwunderlich. Gerade war ich in der Mensa: ein Saft, ein Tee, ein Essen für weniger als 50 Cent! Dabei kostete der Saft knapp die Hälfte. Und in der Disco löhnt man für einen Orangensaft mit Wodka weniger als einen Euro - dafür bekomme ich in Moskau allenfalls den saft, falls es ein billiger Club ist.

Der letzte Monat in Moskau war natürlich auch interessant. Neben dem Stress rund um meine Verlängerung - es sieht im Moment recht gut aus -, war ich wieder in den weiten des Landes unterwegs. Nach Pskow und Novgorod mit Olia ging es noch mit Siegfried und Dushyan (Sri Lanka) nach Murmansk - ein echtes Erlebnis.

Die Stadt wurde erst vor kurzem für Besucher geöffnet. Aber irgendwie herrschte noch immer die alte Mentalität. Miliz und FSB (Geheimdienst) empfingen uns gleich am Bahnhof. Reisegrund, Vorhaben, persönliche Daten - alles wurde irgendwo festgehalten. Sichtete man uns irgendwo einzeln, wurden sofort wieder die Papiere kontrolliert, dazu kam die Frage, wo denn die anderen zwei seien. Sicher wusste stets irgendwer, wo wir uns aufhielten.

Natürlich gerät man auch ab und zu an schwarze Schafe. Abends wollte die Miliz von Siegfried und Dushyan für eine halbe Flasche Bier Geld sehen. Zwar ist es verboten, besoffen über die Straße zu rennen - aber sie waren weder besoffen, noch auf der Straße. Ich erklärte dem Milizionär, dass wir gern in der Ausnüchterungszelle übernachten - immerhin sei das auch billiger als das Hotel - und morgens telefonisch die Botschaft über die Definition von "Besoffen" befragen können. Das wirkte - von uns war ganz offensichtlich kein Geld zu holen.

Jeder Ausflug ins Umland ist in Murmansk de facto verboten, Umschauen im Hafen sowieso. Immerhin kann man meist irgendwo anrufen und eine Genehmigung bekommen. Im Hafen empfahl uns ein freundlicher Milizionär die Fähre auf die andere Hafenseite. Und für unseren Ausflug an die norwegische Grenze bekamen wir ebenso eine telefonische Genehmigung.

Dort befindet sich Nikel - laut Reiseführer der hässlichste Ort der Welt, Nachbarschaft der Hölle. Die Vegatation soll im Umkreis von 50 Kilometern abgestorben sein, die zwei Nickelfabriken blasen seit Jahren Schwermetalle in die Luft. Etwas übertrieben ist das natürlich schon - bis 20 Kilometer vor Nikel sieht man noch vereinzelte Bäumchen. Und der Schnee macht sowieso alles erträglich - ist er jedoch einmal weggeweht, ahnt man, in welch schwarzer Wüste man sich eigentlich befindet.

Bei minus 32 Grad und bitterem Wind standen wir also am Ende der Welt - die Menschen machten große Augen, als wir fragten: "Wo kann man hier etwas sehen?" "Macht es, wie Jeder hier. Trinkt eine Flasche Wodka, dann seht ihr unsere Sehenswürdigkeiten!"

Aber je kälter die Umgebung, desto wärmer die Menschen. Nach einem Besuch in der Kirche waren wir plötzlich in der Sozialstation (norwegisches Projekt) eingeladen - fünf Stunden. Von dort ging es in die Familie einer Köchin - vier Stunden. Nach vielem leckern Essen und endlosen Unterhaltungen mit der Babuschka und den kleinen Kindern - sechs Frauen und ein Mann gemeinsam unter einem Dach - ging es dann mit Mama und Papa in die Dorfdisco, die älteste Tochter war schon dort.

Selten haben wir so viel Herzlichkeit an einem Fleck gesehen. Da fährt man also an den hässlichsten Punkt der Welt und erwartet die Hölle auf Erden - und erlebt statt dessen die gastfreundlichsten Menschen der Erde. Russland.

In Murmansk ging das dann so weiter, in der Banja bekamen wir noch drei Einladungen, wiederzukommen. Und das lässt sich nun wirklich nicht mehr vermeiden, denn eine Sehenswürdigkeit ist noch offen geblieben: der Hafen der Atom-U-Boot-Flotte. Dreist, wie wir waren, haben wir versucht, auch dorthin zu kommen - an der üblichen Grenzstation war allerdings diesmal definitiv Schluss. Auch das prophylaktisch rausgesuchte ach-so-interessante Museum half nicht weiter - ohne Zettel aus dem Rathaus lief nix. Und am Sonntag war an einen solchen Zettel nicht zu denken.

Neue Erfahrungen (2. März 2003)

Ich war wieder einmal bei der Polizei. Zur Abwechslung nicht als Scheinschuldiger, sondern dieses mal um das russische Rechtssystem auf die Probe zu stellen. Der Fahrer eines Sammeltaxis musste mir seine Unzufriedenheit über seine eigenen Rechenfehler unbedingt mit einem Schlag auf die Unterlippe bekunden - jetzt habe ich einen schiefen Mund und er eine Anzeige am Hals. Die muss man hier übrigens per Hand schreiben - den Tathergang schreibt der Polizist per hand. Meine Zeugin musste umgehend antanzen - halbe Sachen gibt es also nicht. Mal sehen, was nun herauskommt.

Ansonsten ist Omsk ein schönes Erlebnis. Ich hatte in der ersten Woche noch Langeweile - dann bin ich zum Goethe-Institut gewandert. Inzwischen bin ich dort Filmvorführer, "echter Deutscher" im Russischunterricht, Layouter für die Jugendzeitung und und und. Die Zahl der Einladungen steigt - die letzten zwei Wochen in Omsk bin ich wahrscheinlich schon voll von der Gastfreundschaft der russischen Seele ausgebucht.

Neben der russischen Seele erfreut mich hier natürlich auch die Nordkoreanische - ein echtes Erlebnis. Die 20 Männer werden mir immer mehr zum Rätsel. Jeden tag Punkt Sieben springt der Kassettenrekorder an - so laut, dass die verrückten selbst auf dem Klo schon lernen können. Egal, wann ich vorbeikomme, die Koreaner sind stets am Lernen! Pausen zum Essen sind erlaubt, allerdings ist das Essen rationiert. (Als ihre Russischlehrerinnen aus Mitleid Geld sammelten und Konserven kauften gab es wohl einen riesigen Aufstand von staatlicher Seite!) Spaß? Naja, Sonntags spielt man zwei Stunden Fussball, abends quasselt man mal eine Stunde. Um danach wieder zu lernen.

Die Koreaner treten stets im Doppelpack auf, um sich gegenseitig zu kontrollieren. Die Kleidung war anfangs auch noch vollkommen identisch - sehr zur Freude der Russen. Das störte jedoch nicht, denn Interesse an Russen scheint nicht erwünscht. Jedenfalls sieht man auf unserer Etage nie Gäste. Kultur lehnen sie ebenso ab, pflichtgemäss waren sie (von der Uni organisiert) im Theater und Konzert - um danach zu bekunden, dass es ihnen nicht gefallen hat.

Die eigene Kultur beschränkt sich auf Bücher und Lieder über Kim Jong Il - den verstorbenen Präsidenten auf Ewigkeit. In jedem Zimmer hängen drei Bilder - er selbst, sein Sohn und beide gemeinsam. Das Liederbuch - mit russischer Übersetzung (!) - enthält fünf Heimatlieder und 39 Propagandalieder. Selbst das unscheinbare "Schneeflöckchen" entpuppt sich im Verlauf des Liedes als ein Kampfgenosse am Fenster des Zentralkommittes der Partei! (Im Anhang der Text, ich konnte diskret Kopien machen.)

Und noch eine Kultur habe ich heute betrachtet: Die Deutsche – im deutschen Bezirk Asowo, hier um die Ecke. Mitten in der platten Birkensteppe leben einige tausend Deutsche – hübsch priveligiert, denn der deutsche Staat hat ihnen, und nur ihnen, hässliche Häuser gebaut. Sieht aus wie eine deutsche Reihenhaus-Siedlung, mitten zwischen den russischen Holzhäusern. Die Russen finden das natürlich schon komisch – in dem Ort herrschte echt eine eigenartige Stimmung.

Vergangene Woche war ich Skifahren in einem Ausläufer des Altaigebirges - Gornaja Schoria. Ab Novosibirsk fährt jedes Wochenende ein Touristenzug in die Berge - mitten im Wald hält er an. In der Nähe sind ein paar Skilifte - übrigens teurer als in Tschechien! Schlafen darf man im Zug, als Betthupferl gibt es eine Disco im Freien, mitten im asiatischen Wald bei minus 20 Grad. Als Abschlusslied kam Rammstein. Ein riesiges Lagerfeuer ist nebenan, Feuerwerk gibt es auch, und selbst eine Banja (russische Sauna) steht in Zeltform irgendwo zwischen den Bäumen. Einziger Wehrmutstropfen waren die ewigen Schlangen am Lift - aber die Fahrten durch echten Tiefschnee und über nahezu leere Pisten machen das fast wett!

Letztens habe ich übrigens meine absolvierten Kilometer in Russland durchgezählt - und bin auf rund 36.000 gekommen! Nach meiner geplanten Fahrt zum Baikalsee am Monatsende habe ich also die Weltumrundung rein.

Und es geht noch weiter: Moskau hat mir gestern eine zusage für die Zeit ab 15. März geschickt - das war bislang noch immer offen. Jetzt kann ich die Zukunft hier also gelassen angehen - bis zum Sommer darf ich weiter die russische Seele studieren.

Und da gibt es noch viel zu erfahren!

P.S.: Worte der Woche - lang nicht mehr gehabt. Die Russen habe lustige Wörter, die es im deutschen überhaupt nicht gibt. Da wäre zum Beispiel "сутки" ("24 stunden" oder "einen tag und eine nacht"). Oder "наиграться" ("sich satt gespielt haben"). Auch "никак" ("auf gar keine weise") ist interessant. Im Gegenzug gibt es dafür keine "Geschwister". Und "Wandern" - das macht in Russland eh keiner, also gibt es auch kein Wort dafür!

P.P.S.: Kim Jong Il ist der derzeitige Häuptling, mit der komischen Brille und den hochgeföhnten Haaren. Sein Vater, Kim Il Sung, ist der verstorbene "große Führer".

[Nordkoreanisches Lied]

Schneeflocke, übergebe dich!

Schneeflocke, du fällst in der Stille vom nächtlichen Himmel.
Dir ist bekannt, wohin ich von ganzer Seele strebe
Zum Zentrum der Partei, unserer guten, wo in den Fenstern die Flamme leuchet.
Damit die Nacht vergeht, übergebe dich, und damit das trübe Licht des Mondes verblasst.

Schneeflocke, du fällst in der Stille vom nächtlichen Himmel.
Du fielst auch in jener Nacht auf die geheime Basis in der Einöde.
Wiegenlieder, von der lieben Mutter gesungen in jenen Tagen,
Greifst du, Schneeflocke, am Fenster des Zentralkomitees sacht und zärtlich an.

Schneeflocke, du fällst in der Stille vom nächtlichen Himmel.
Du bedeckst den kalten Wind, Flocke, beeile dich.
Unser liebes Zentrum der Partei sinniert tief über alle Dinge,
Gib ihm, zart bedeckend als Vorhang des Fensters, diese Nacht, diese Nacht zum erholen.

Kleine Anekdoten (17. März 2003)

Schon wieder ist ein Monat in Russland vergangen - Omsk ist seit gestern Abend Geschichte. Nun stecke ich für vier Tage in Ekaterinburg, ich werde mir auch die "Eisenbahnuniversität im Ural" unter verkehrsökologischen Aspekten anschauen. Ich bin zwar hier angekündigt, aber niemand weiss, dass ich dort in einer Stunde im Türrahmen stehen werde. Aber in Russland sollte das kein Problem sein.

Das Land fasziniert mich natürlich immer noch. Trotz prügelnden Marschrutka-Fahrern ("Verstehst du mich jetzt?"), trotz komischer Verkäuferinnen ("Слушаю?!" - "Höre?!", gemeint ist: "Was kann ich für sie tun?"), kurz: trotz aller Widrigkeiten.

Es sind die kleinen Momente, die das Land so liebenswert machen.

Sagt doch letztens die Verkäuferin im Uni-Imbiss zu mir: "Ich habe kein Wechselgeld - gib mir nächstes mal bitte noch 16 Kopeken." Kein Problem, nur irgendwann fiel mir dann auf, dass 16 Kopeken weniger als ein halber Cent sind. Sie hat sie dennoch bekommen.

In dem kleinen russischen Dorf, in dem ich mich letztens mal einen Tag lang herum getrieben habe, lud mich ein Mann nach Hause ein. Die ganze Familie war da, zwei Söhne, die Frau, die vier Katzen und die Kuh. Es gab lecker Spaghetti, Tee und nebenbei wurden die Fotos gezeigt. Der Mann war in "Keenigsbrik" stationiert, besonders schön findet er noch heute das Foto vor den Springbrunnen auf der Prager Straße in Dresden. Am Ende bat mich die Familie noch um einen Gefallen. Ihr Traktor ist defekt, ein tschechoslowakischer - vielleicht könnte ich mal in Moskau nach dem Ersatzteil schauen?

Eine ähnliche Einladung bekamen wir vor zwei Monaten in Nikel, kurz über dem Polarkreis bei Murmansk. Dort gab es nur zwei Katzen, dafür vier Töchter. Die Großmutter hatte Pelmeni gekocht. Nach dem Essen gab es dann auch hier die obligatorischen Fotos, nebenbei sang die Großmutter mit uns "Brüderlein komm tanz mit mir".

Aber auch andere deutsche Lieder kennt man hier, in Novosibirsk spielten mir Freunde auf ihrem Computer mit größter Begeisterung "Max Rabe und sein Palastorchester" vor - die Cover-CD mit liedern von Manu Chao und Britney Spears. Endgültig baff war ich dann, als ich mitbekam, dass in Novosibirsk - und mysteriöser Weise nur dort - Dresdens Kultfilm ebenso beliebt ist: "Schwarze Katze, Weißer Kater".

Nun kommen zwei spannende Wochen auf mich zu, sicher mit vielen neuen kleinen Anekdoten. Nach Ekaterinburg schaue ich mir noch einen Tag Tjumen an, dann treffe ich mich mit Jens in Novosibirsk. Von dort geht es gemeinsam an den Baikalsee. Dieses mal ans Nordufer. Mal sehen, ob wir es irgendwie über den zugefrorenen See in den Süden schaffen.

Russlandkarte

Baikal (29. März 2003)

Der Baikal liegt hinter uns, wir haben ihn auf dem Eis überqürt.

Dabei sah es erst ganz ungünstig aus. Während der Fahrt mit der BAM - übrigens erst vor zwei Jahren endgültig fertiggestellt - mussten wir anschauen, wie der weiße Schnee zunehmend zu Schmelzwasser wurde. In Ekaterinburg am Ural - wo ich vorher eine ganze Woche war - lag noch Schnee, in Sewerobaikalsk kamen Jens und ich am Montag bei Sonnenschein und Frühlingswetter an.

Sewerobaikalsk an der Nordspitze des Baikals - einst als eine von zwölf Millionenstädten entlang der BAM geplant, beherbergt heute 35.000 Seelen. Größtenteils Gestrandete des Eisenbahnbaus. Unser Taxifahrer beispielsweise kam für fünf Jahre in die Stadt - in der Heimat an der heutigen Grenze zur Ukraine erwartete ihn danach eine Wohnung und ein Auto. Inzwischen lebt er 18 Jahre am Baikal, die sozialistischen Versprechen gerieten unter die Räder der Perestroika. Immerhin ist es schön am baikal, "gute luft" - es hätte schlimmer kommen können.

40 Kilometer südlich liegt Baikalskoje, ein kleines Fischerdorf. Wasser holt man hier noch an der Pumpe, das Plumpsklo steht Garten, immerhin brachte die BAM Strom ins Dorf. Im Laden vermittelte man uns eine alte Dame als Gastgeberin. Ihr Haus hat drei Zimmer, durch Vorhänge getrennt, in der Mitte steht ein mächtiger Ofen, in dem auch Brot gebacken wird. Stolz erzählte sie, dass ihr Mann das Haus vor 32 Jahren selbst gebaut hat - 9 mal 8 mal 3 Meter, ein Jahr dauerte der Bau. Sie wohnt seit 1965 im Dorf, damals kam sie, weil es hier eine Schule mit zehn Schuljahren für ihre Kinder gab. Eine Straße in das Dorf gab es nicht. Die Fahrt über den See dauerte in den Sechzigern noch fünf Tage.

Wir wollten das ganze schneller schaffen. Am Hafen führte eine ausgefahrene Autospur auf das Eis. Ein Schild warnte seit Sonntag, dass das Befahren des Eises ab Montag verboten ist. Aber alle Dorfbewohner versicherten uns, dass das nix zu bedeuten hat - das Eis wäre dick.

Tatsächlich kam ein Auto, welches uns für 13 Euro pro Nase nach Süden mitnahm. Sieben Stunden - wieviele Kilometer wissen wir nicht, denn der Tacho war kaputt. Genadi, der Fahrer, hatte Erfahrung. Wie oft er den See überqürt hat, konnte er nicht sagen. Die Antwort lautete stolz: "Ich lebe hier seit 20 Jahren!" Er lachte über die Lada-Fahrer, die wir mehrmals aus dem Schnee schieben mussten, weil sie sich besoffen auf's Eis wagten.

Jens auf dem Baikal Das Eis des Baikals überziehen breite Risse und Aufwerfungen - natürlich längst wieder zugefroren. Links und rechts erheben sich riesige Berge, alle noch schneebedeckt. Der See ist 1.600 Meter tief, die Berge ragen über 1.400 Meter heraus, selbst auf den Inseln.

Ab und zu sieht man Fischer, welche durch große Löcher mit Netzen Fische aus dem Baikal ziehen - mit blanken Händen planschen die harten Sibirier in der eisigen Brühe. Mitten auf dem See treffen wir auch ein paar holländische Radfahrer.

Genadi erzählte viel über das Leben am Baikal. Früher war er jagen - als ich Frage, welche Tiere, antwortet er in dieser Reihenfolge: "Bären, Elche und Zobel". Heute lebe man von Fisch aus dem See. Eier liefern die sieben Hühner, es gibt auch einen Hahn, einen "besonders schönen", so Genadis Frau Galina. Gemüse erntet die beiden im Garten, im Wald gibt es Beeren - im Kellern lagerten Genadi und Galina 50 Liter Marmelade! Die Dorfläden braucht man nur für "Salz, Streichhölzer und Zucker", meinte Genadi.

Im Gegensatz zum sonstigen Russland herrscht am Baikal nicht allein das Christentum vor. An allen Straßen gibt es regelmässig alte Schmanensteine. Genadi musste auf Galinas Anweisung mindestens eine Münze aus dem Fenster werfen, damit die Fahrt weiter glücklich verlief. Vor unserer Weiterreise nach Ulan Ude mussten wir ausserdem nach altem russischen Brauch drei Minuten ruhig über die Reise nachdenken - auch wenn wir dadurch fast den Bus verpasst hätten. Brauch ist Brauch.

Ulan Ude liegt im Süden, an der Transsib. Hier leben die Buriaten, eine mongolische Minderheit. Nicht weit von der Stadt ist das religiöse Zentrum des Völkchens, eine Datsan (Kloster). Im Bus trafen wir einen Lama, er erzählte uns auf Englisch über die 500 Schüler des Klosters, über ihre Leidenschaft für Fußball, die Webseite der Datsan und das schlechte Karma in Russland.

Inzwischen sind wir in Irkutsk, im Gegensatz zum recht grauen Ulan Ude eine angenehme, grüne, lebhafte Stadt. Es gibt sogar eine Fußgängerzone, in der ein Hippie zu russischen Liedern Gitarre spielt - gleichzeitig balanciert er mit einem Brett auf einer Holzrolle und klopft mit den Füssen zwei Trommeln ...

Ab morgen bin ich wieder in Moskau, ich muss leider fliegen, da meine Registrierung ausläuft.

P.S.: in Russland gibt es einen Aberglauben. Auf allen Straßenbahn- und Busfahrscheinen steht eine sechsstellige Ziffer. Wenn die Quersumme ersten drei Ziffern mit der Quersumme der letzten drei Ziffern übereinstimmt, handelt es sich um einen Glücksfahrschein. 783990 ist also ein Glücksfahrschein (7+8+3 ist gleich 9+9+0). 123004 ist kein Glücksfahrschein (1+2+3 ist nicht 4+0+0). Die Frage ist: wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, einen Glücksfahrschein zu kaufen? (Es ist davon auszugehen, dass die Ziffern auf den Fahrscheinen gleichverteilt sind.)

Fernsehen in Russland (15. April 2003)

Die ersten zwei Moskau-Wochen sind vorbei, so langsam gewöhne ich mich auch wieder an dieses große, funktionale Dorf. Petersburg ist eindeutig schöner – das habe ich vergangene Woche wieder gemerkt – nur eben auch gleich wieder weniger russisch.

Egal, ich wollte seit langem einmal über das russische Fernsehen erzählen.

Die Zahl der Sender ist auch hier erstaunlich groß, selbst in Sibirien gibt es in jeder Stadt mindestens sechs Kanäle. Diese müssen natürlich irgendwie finanziert werden. Also gelten zwei Devisen: sparen und werben!

Sparen äußert sich in lustigen Synchronisationen. Lisa Simpson hat ebenso wie Bart und Homer eine tiefe, unbetonte Männerstimme. Lippensynchron? Wenn man Glück spricht dieser Mann wenigstens zum Zeitpunkt des Originaltons. Oft hat man aber Pech, dann spricht er mit fünf Sekunden Verspätung ... das wirkt dann richtig logisch bei Streitgesprächen zwischen vier Personen. Reiche Fernsehsender erkennt man übrigens daran, dass für weibliche Rollen immerhin eine zusätzliche Frau engagiert wird.

Rex, der deutsche Polizeihund, bellt übrigens leiser – für Geräusche wird der Originalton leise beibehalten.

Auch bei den Nachrichten wird gespart. Die neuen Bilder aus dem Irak sind zu teuer? Kein Problem, dann zeigen wir einfach noch mal den Beitrag von gestern (Erster Kanal, Abendnachrichten)!

Scheinbar reichen diese Sparmaßnahmen noch immer nicht, deswegen wird geworben. Filme werden alle im Halbstundentakt unterbrochen, zusätzlich werden am unteren Bildrand ständig kästen mit Werbung eingeblendet: "Lederwaren! Sonderpreise auf der Uliza Lenina!"

Das "Inselduell" wird vom Safthersteller J7 gesponsort. Also wird das Logo J7 in den Sand am Strand gekratzt – dieser Strand wird ständig eingeblendet. An den Bäumen baumeln Tetrapacks, in den Spielen müssen die Mitspieler Obst und Tetrapacks sortieren.

Mein persönlicher Favorit ist "Wer wird Millionär". Logo, Art des Moderators, Studio und Erkennungsmelodie sind vollkommen identisch mit der uns bekannten Sendung. Zu gewinnen gibt es nur eine Million Rubel, 1/34 der deutschen Summe. Nach der 1000-Rubel-Frage sagt der Moderator: "so, die 1000 Rubel sind Ihnen sicher, Zeit zum Zurücklehnen. Lassen sie uns doch ein Bier trinken." Kandidat und Moderator nehmen ein Glas. Der Kandidat trinkt, der Moderator hält sein Glas jedoch in die Kamera und erzählt: "Baltika, das leckere, köstliche Bier aus Petersburg – herb, würzig, ..." Nach 20 Sekunden nimmt er dann auch einen Schluck und schiebt ein "köstlich" hinterher.

Zwei weitere Sendungen begeistern mich. "Nachrichten der Dienststelle" zeigt die Arbeit der Polizei. Ob die Festnahme eines Drogendealers, das Auffliegen eines Mineralwasserfälschers oder die Überprüfung von Prostituierten – bei allen Aktionen ist die Kamera live dabei! In jeder Sendung geht es mindestens einmal um Drogen und einmal um den Straßenstrich, stets randaliert einer der Festgenommenen vor laufender Kamera in der Zelle. Es wird scheinbar auch nicht gefragt, ob sie gefilmt werden möchten.

Noch spannender ist "окно" – deutsch: "Fenster" – die russische Talkshow schlechthin. Schon der Moderator wirkt wie ein intellektueller Psychopath. Die Kandidaten bekommen Headsets an den Kopf geklebt – das wirkt fetziger. Zwei Drittel der Sendungen drehen sich um Impotenz: die Freundin geht mit fremden ins Kino, weil der Freund nicht jeden Abend sein bestes Stück hochkriegt. Das ist offenbar unverzeihlich. Dann darf man nach Meinung des Publikums auch mit anderen ausgehen – was in Russland eigentlich tabu ist.

Am Baikal hat uns ein Thema von "окно" besonders begeistert: ein Kerl hat ein Mädchen kennengelernt, aber immer wenn er mit ihr ausgeht, rennt sie im Stundentakt aufs Klo. Das ist zuviel, meint auch eine Freundin des schuldigen Mädchens – Diagnose: drogensüchtig. Sie selbst streitet natürlich alles ab und als Gegenbeweis schleppt sie ihren Kunstprofessor an. Beide offenbaren plötzlich, dass sie aus menschlichen Verdauungsprodukten Skulturen bauen. Im Studio wird ein stinkender Hitler gezeigt, Kommentar: "Hitler ist halt einfach Scheiße!" Alle sind entsetzt, die Schuldige wird wütend und beschmeisst das Publikum mit ihrem stinkenden Hitler.

Das ist Action ... Das ist Russland ...

Neue Fahrstuhlgeschichten (6. Mai 2003)

Nach langer langer Pause endlich wieder ein paar Erzählungen von den Fahrstühlen. Derzeit fahren wirklich alle sechs! Aber ...
... Bei Nummer drei und vier funktionieren die Tasten auf den Etagen nicht! Stehen sie gerade dort, wo man ist, hat man Glück und kann sie nehmen. Rufen geht aber nicht.
... In der achten Etage gehen gar keine Tasten, schon seit einem Jahr laufen die Leute in die Siebte. Dort sind die Tasten seit einem Monat defekt, nun laufen alle in die Sechste. Die Leute aus der Dreizehnten kommen in die Zwölf, alle aus der Elf tippeln in die Zehn.
... In Lift Nummer sechs ist die Taste für die erste Etage defekt. Man muss die zwei drücken und die Elektronik kurz nach der Dritten mit der Notfalltaste zum Absturz bringen, dann rutscht der Lift in die Erste durch.
... Lift Nummer eins akzeptiert Tastendrücke nur, wenn mindestens 65 Kilo im Lift stehen. Das schaffe ich nicht. Man kann einsteigen und warten, bis der Lift von einer anderen Etage gerufen wird. Dann ist man zu zweit und es klappt. Aber oft wartet man ewig. Springen und gleichzeitig drücken funktioniert manchmal - macht aber im zwölften Stock nicht wirklich Spaß. Gestern hat mir ein anderes Leichtgewicht einen neuen Trick verraten: sich mit einer Hand an der Decke abdrücken (der Lift denkt, man wiegt mehr) und mit der anderen die Tasten bedienen ...

Heute Abend fahre ich in den Süden. Zuerst geniesse ich ein wenig den Strand in Sochi und Jalta (Krim), dann besuche ich eine Konferenz in Dnjepropetrowsk. Bei der Besorgung des Visas bin ich wieder einmal an der Bürokratie verzweifelt. Die Ukrainer geben mir ein Einreisevisum, wenn ich ein russisches Ausreisevisum vorweise. Das geben mir die Moskauer Behörden, wenn mein Rektor einverstanden ist. Dieser möchte dafür die Unterschrift meines Professors, ferner einen Brief von mir, die Unterschrift vom Auslandsamt und eine offizielle Einladung aus der Ukraine. Ferner muss ich zwei Quittungen bei den Moskauer Behörden vorweisen. Eine bekomme ich in der Kasse der Uni, wenn ich vorher in der Buchhaltung den Zettel aus dem linguistischen Institut (?) abgegeben habe. Die zweite muss ich mit einem Zettel aus dem Visa-Büro der Uni in der nächsten Sparkasse ergattern. Bei den Ukrainern darf ich direkt bezahlen, für 85 Dollar (!!!) wird man dort sogar freundlich. Nun habe ich ein Visum und bin deutlich ärmer.

Die Anderen, die vor der Botschaft standen, waren wohl schon vorher arm. An der Tür hängen listen mit 1612 Namen, davor stehen ungefähr zehn Prozent dieser Menschen, wartend auf ihren ukrainischen Pass. Sie schimpfen und drängeln. Ab und zu geht die Tür auf, weil so ein putziger Deutscher ohne anstehen ein Visum bekommt. Meist versuchen dann zwei Ukrainer mit in den Vorraum zu schlüpfen - die zweite Tür öffnet sich aber erst, wenn die Ukrainer wieder draussen sind. Und so warten sie und warten sie ... Selbst wenn die Wache sagt, dass heute nichts mehr passiert, geht keiner. Man steht doch sowieso schon seit gestern Nachmittag an ...

Die letzten Wochen in Moskau waren ansonsten recht lustig, wir waren viel rund um Moskau unterwegs. Meist haben wir die Vorortzüge genutzt, ein wirklich lustiges unterfangen. Der Zug rattert los, es kommt eine Ansage: "Bitte kaufen sie nichts bei den Händlern." Und schon kommt der Erste, "Liebe Fahrgäste, ich wünsche ihnen eine angenehme Fahrt. Beachten sie: heute im Sonderangebot, weiße Tischdecken mit und ohne Muster, handgearbeitet zum einmaligen Sonderpreis von 20 Rubel, drei Tischdecken für 50 Rubel. Ferner, liebe Fahrgäste, biete ich ihnen heute Taschentücher ..."

Ich habe letztens mitgeschrieben, was es alles so tolles auf einer 45-minütigen Fahrt gab: (1) Stofftaschentücher und Tischdecken, (2) Wecker und Flicken für Klamotten, (2) Haushaltshandschuhe, Stifte, Klebeband, Klammern, Wattetupfer, Papiertaschentücher, Uhren und Leim, (3) Hüllen für Pässe, (4) Kinderbücher "Die Geschichte Moskaus", (5) Lederpflege für braune und schwarze Schuhe, (6) Schuhkleister, (7) Aufkleber für Ostereier, (8) Taschenlampen und Geldscheinprüfer, (9) Heilmittel gegen alle erdenklichen Leiden, (10) Kassetten, (11) Ein Herr der nur warme Worte bietet und dennoch Geld braucht, (12) Abwaschlappen, (13) Lappen allgemein, (14) ein paar nette Musiker wollen auch Almosen, (15) Mittel gegen Motten

Auf der Rückfahrt dann: (1) Frauenzeitschriften, acht Wochen alt, aber günstig, (2) Putztücher, (3) Stifte, (4) noch ein Bettler ohne spezielle Angebote, (5) Eis, (6) Sonnenbrillen, (7) zwei Ratgeberbücher, (8) Pflaster und nochmals alte Frauenzeitschriften, (9) Strumpfhosen, braun, (10) Zeitungen, (11) wieder Zeitschriften, diesmal für Männer, (12) die üblichen Musiker, (13) praktische Schraubenzieher mit auswechselbaren Spitzen, Teleskopantenne und Magnetspitze

Bei Letzterem habe ich dann zugegriffen, 100 Rubel (3 Euro), leider haben sich schon zwei der auswechselbaren Spitzen beim ersten Gebrauch verbogen.

Mein Matroschka-Rätsel haben übrigens nur zwei Leute gelöst! Ungefähr fünf Prozent aller Fahrscheine sind Glücksfahrscheine - das wussten die Lehrer vom Gymnasium Dresden-Cotta sowie Andreas Abel aus Dresden. Andreas' Theorie zu dem Glücksfahrschein-Problem: Also ich wusste, dass sich das Verhalten [der Quersummen] an der Neun und der 18 signifikant ändern muss, d.h., dass der Verlauf sozusagen aus drei Stücken besteht. Dass es Parabeln sein müssen, vermutete ich auch aus der Erfahrung heraus - wenn man zwei Gleichverteilungen faltet, dann kommt eine Verteilung heraus, die aus zwei Geradenstücken besteht (was dachförmiges), bei drei Verteilungen dann die drei Parabeln, usw. Die Quersumme von vier Zahlen hätte vier Segmente, die jeweils kubisch verlaufen - soweit meine theorie :).

Grüße aus dem noch immer grauen Moskau! Immerhin bekommen die Bäume seit gestern langsam Blätter!

Falschgeld ist übrigens im russischen фальшивые деньги ("falschewye djengi").

Polizisten am Schwarzen Meer (9. Mai 2003)

Sommerliche Grüße vom Schwarzen Meer! Ich bin gestern im Süden Russlands angekommen, den Tag des Sieges werde ich heute mit meinem ehemaligen Mitbewohner Andreas in Sochi am Schwarzen Meer verbringen. Wahrend der Tag der Befreiung in Deutschland am 8. Mai zelebriert wird, ist der Tag des Sieges in Russland übrigens am 9. Mai. Ein Zufall der Geschichte: das Ende des Krieges wurde in Berlin am 8. Mai um 23 Uhr besiegelt - und zu diesem Zeitpunkt war es in Moskau schon um 1 Uhr.

Heute morgen wollte ich Andreas am Bahnhof abholen - war aber zu spät und traf nur noch die Miliz. Diese prüfte mich, wie üblich. Später traf ich die Herren nochmal an der Bar und wurde prompt an den Tisch gebeten. Eine sehr interessante Unterhaltung. (1) Finde ich es eine Leistung, in jeden Satz - egal über welches Thema - prinzipiell die Worte "Schwanz" oder "Ficken" (oder beide) einzubinden! (2) Ist es bedenklich, wenn ein Polizist darüber lacht, dass deutsche Polizisten nicht bestechlich sind. (3) War es doch sehr erstaunlich, dass ein russischer Polizist Amerika toll findet, weil Bush kleine Länder einnimmt, während Russland vor winzigen Landstrichen wie Frankreich oder Deutschland kuscht. (4) Schockt mich der Lohn eines Polizisten in sochi: 90 Dollar. O-ton: "Ey, fick dich, das kann doch nicht sein. Schwanz. Ey, ich muss hier den ganzen Tag verfickt Schmiergeld auf dem Bahnhof abziehen und habe dennoch weniger als ein so ein deutscher Student. Verfickte Schwänze!"

Wohlgemerkt, das waren Polizisten !!!

Nun sitze ich wieder in meinem Lieblingsinternetcafe in sochi, die witzigste Spielhölle Russlands. Andreas hat hier allein hingefunden: "Das nenne ich Unternehmertum" - 24 Computer stehen auf 18 Quadratmeter, sichtbar unter: http://www.ultima.sochi.ru. Es knallt und rummst um uns herum und wir gehen jetzt ans Meer! Und heute abend ist Feuerwerk.

Woche der Extreme (18. Mai 2003)

Ich bin noch immer auf meiner Dienstreise mit stark ausgeprägten privaten aspekten. Das bedeutet beispielsweise, dass ich heute am Strand auf der Halbinsel Krim einen Vortrag ausgearbeitet habe ...

Nach unserem Aufenthalt in Sochi waren wir weiter nach Rostov am Don gefahren ... Von einem kleinen Erlebnis abgesehen eine sehr schöne Stadt mit einem wunderbaren Flair. Dieses kleine Erlebnis hat an meiner Sichtweise auf Russland etwas gerüttelt, ich wurde ausgeraubt. Keine Sorge, am Ende war es meine Dummheit und ich hätte die Situation eigentlich schon im Keime erkennen können. Es ist auch nichts weiter passiert, ich bin nur 20 Euro ärmer.

Weitere 10 Dollar verlor ich dann am Abend, diesmal an offizieller Stelle, jedoch auf ebenso illegale Weise. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, die Grenze zur Ukraine schon um 23.30 Uhr am 14. zu überqueren, obwohl mein Visum erst eine halbe Stunde später (am 15.) beginnt. Außerdem hatte ich auf den Immigrationszettel als Reisegrund meine Konferenz in Dnjepropetrowsk geschrieben, saß aber in einem Bus nach Jalta. Das ist natürlich alles kein Problem, wenn man "grüne Scheine" dabei hat. Eine nette Frau im Bus half mir beim Verhandeln ... Und schwups ... lächelten alle.

Der eigentliche Grund der Reise ist, wie schon gesagt, der Besuch diverser Universitäten. Ich möchte herausfinden, was man in der GUS unter Ökologie versteht. In Rostov kamen interessante Thesen zu tage: "Wir haben die Straßenbahnen stillgelegt, damit die Autos schneller fahren können. Weniger Stau bedeutet weniger Abgase."

Das zeigt viel über das russische Umweltverständnis. Ebenso beeindruckt hat mich der Umgang mit der Natur in Sochi. Wir waren mit dem Bus eine Stunde ins Inland gefahren, mit einer Seilbahn kann man dort auf einen zweitausender fahren. Im T-Shirt standen wir also im metertiefen Schnee und haben uns den ersten Sonnenbrand geholt. Zurück bin ich im Paraglider geflogen, das bot sich gerade so an. ;-)

Aus der Höhe konnte man gut erkennen, was die Russen mit dem Wald am Berg angerichtet haben. Vor zwei Jahren wurde die Schneise für die Seilbahn geschlagen, letzten Sommer kam eine Skipiste hinzu. Riesige Erdmassen wurden sportgerecht zusammengeschoben. Als ich den Sport-Yuppie hinter mir frage, ob man nicht Angst vor Erosionen habe kommt die Antwort: "Nö, das haben die Ingenieure doch alles berechnet." Und sieht das nicht grauenvoll aus? "Wieso, ist doch nur ein Berg. Schau Dich um, hunderte Berge sind wie immer." Ein brutales, aber in Russland leider unwiderlegbares Argument - das Land ist endlos, was macht da schon ein Berg, ein Fluss, ein Wald?

Erschwerend kommt hinzu, dass man in Russland ein recht merkwürdiges Verständnis von Schönheit hat. Alle schwärmen von Sochi ... In der Tat sind die alten Sanatorien mit ihren Parkanlagen wunderschön. Aber sonst? Ein hässlicher, verbauter Steinstrand, verstümmelt mit verrotteten Betonelementen im Wasser. Und auch an der Architektur der Sowjetzeit wäre einiges auszusetzen.

Krim gefällt mir da schon wesentlich besser, weiß Lenin, warum hier weniger Schindluder mit der Natur getrieben wurde. Die Insel hat auch mehr zu bieten, als Russlands Schwarzmeerküste: Natur, Kultur (von tartarischen Moscheen über armenische und protestantische Kirchen bis zum russischen Glauben findet man hier alles) und auch Kurioses.

Beispielsweise führt von Simferopol nach Jalta die längste O-Bus-Linie der Welt: 85 Kilometer - die Fahrt dauert reichlich zweieinhalb Stunden. Ich habe gestern ein wenig in diesem Bus geträumt. Auf dem Rückweg war ich dann zwanzig Minuten zu spät, der letzte Bus war weg. Geld hatte ich auch kaum noch, zum Glück fand ich nach einigen Minuten ein Schwarztaxi, welches mich zum Freundschaftspreis mitnahm.

Die Fahrt war das Wildeste, was ich seit langem erlebt habe. Nach 15 Minuten überholten wir den verpassten Bus, nach 30 den vorherigen. In Jalta war ich nach schon einer Stunde - kein Wunder bei 110 Kilometer pro Stunde, selbst in Ortschaften. Unterwegs waren wir noch tanken, haben einen Freund des Fahrers für einige Meter mitgenommen, einen Fahrgast abgesetzt, an zwei Polizeikontrollen die Verkehrsregeln beachtet und sind für zehn Minuten langsam gefahren - der Fahrer musste sich besinnen, weil ihm eine Katze unter die Räder geraten war.

Die ersten Tage auf Krim habe ich mit einer netten internationalen Gruppe verbracht - quasi ein Austauschprogramm: ich bekam Gesellschaft und die Gruppe einen Dolmetscher. Die Sprache ist hier natürlich ein eigentümlicher Mix aus Russisch und Ukrainisch ... Sehr abträglich für mein Russisch.

Aber nach einigen Tagen in Dnjepropetrowsk, Odessa und Kiew geht es ja schon wieder zurück nach Moskau ... Auf in die letzten zwei Monate!

Ein sehr schönes wort im Russischen ist übrigens: вальдшнеп ("waldschnep" ... Leider nur im biologischen Vokabular enthalten!

Ein schönes Land (25. Mai 2003)

Die Ukraine ist wirklich ein schönes Land. Hier in Odessa gibt es Vieles, was ich in Russland vermisse. Straßen mit alten, prächtig verzierten Häusern, großen grünen Bäumen, Hinterhöfen und Straßencafes. Auch das Nachtleben scheint mehr als t.a.t.u. und Rammstein zu bieten - leider kann ich hier nur wenige Stunden tagsüber verbringen, denn ich muss weiter nach Moskau. Unterwegs gönne ich mir noch schnell Lwow und Kiew - damit wäre mein Visum voll ausgereizt. Meine zwei russischen Vorträge in Dnjepropetrowsk verliefen übrigens erfolgreich.

Der Höhepunkt war jedoch ein anderer. Die Sowjets hatten anno dazumal die Idee, jede Millionenstadt mit einer Metro auszurüsten. Also wurde auch Dnepropetrovsk durchwühlt. 1982 fing man an, 1995 war das Geld alle. Sechs Stationen sind fertig, drei blieben im Anfangsstadium stecken. Offiziell ruhen die Arbeiten, dennoch gibt es auf der Baustelle noch sieben Angestellte. Hier und da schweißen oder betonieren sie ein wenig ... schwatzen ... oder zeigen dem deutschen Studenten die Anlage.

Ich hatte also dreimal telefoniert, war hingefahren, hatte zwei Stunden umsonst gewartet, hatte später aus der Uni nochmal telefoniert, bin wieder hin, hatte nochmal gewartet ... Und schon bekam einen Bauhelm und Gummistiefel verpasst. In einem riesigen Metalleimer ging es 50 Meter in die Tiefe, dort hat man vor Jahren mal 14 Meter Tunnel gebaut. Im Moment ähnelt die Anlage eher einem großen Swimmingpool, das Wasser ist glasklar und schmeckt sogar. 20 Kubikmeter müssen auf dem winzigen Stück stündlich abgepumpt werden ... Das zeigt eigentlich, was für ein Irrsinn diese Metros sind.

Jedenfalls träumt man noch immer von Geld, damit man sich zur nächsten Station durchsprengen kann. Diese wird übrigens auch ohne Computertechnik um maximal fünf Zentimeter (!) verfehlt. "Wir können halt rechnen."

Ein etwas anderes Verkehrsmittel fand ich in Jewpatorija auf der Krim, die Schaffnerin in der Straßenbahn meinte zu mir: "Jaja, die Wagen haben wir uns nach dem Krieg bei euch geholt!" Scheinbar waren die Schienen zu schwer, jedenfalls hat es durchgängig nur zu einer spur gereicht. Signale gibt es auch nicht. Aber seit 70 Jahren fährt die 3 um die ecke, wenn die 1 vorbei ist. So einfach ist das.

Ich hatte in der letzten Mail noch zwei Beispiele für russische Bürokratie vergessen.

In Rostov wollte ich im Wohnheim übernachten. Ich habe also die Sekretärin gefragt, die hat den zweiten Prorektor gefragt, der hat den ersten gefragt. Der hatte nichts dagegen, also durfte der zweite Prorektor mit mir zum Direktor gehen, welcher einen Zettel ausstellte. Mit diesem konnte ich in der Buchhaltung einen Bezahlzettel abholen, mit welchem ich in der Kasse bezahlen durfte. Die Quittung wurde wiederum in der Buchhaltung unterschrieben und im Stempelamt gestempelt, dann durfte ich schon zum Wohnheim gehen und dort das Blättchen der Chefin zeigen, welche immerhin schon telefonisch über meine Ankunft benachrichtigt wurde.

Am nächsten tag wurde es noch besser. Ich war beim ersten Prorektor und wollte zu meinem Lehrstuhl dazu musste ich aus dem Hauptgebäude in den Campus gehen. Obwohl ich da schon viermal vorher war, ließ man mich nicht mehr rein. Zurück zum Prorektor durfte ich auch nicht mehr, seine Zusage, dass ich passieren dürfe, wäre Blödsinn. Am Ende ließ sich der oberste Chef der Uni allen ernstes von dem popeligen Pförtner zu einer handschriftlichen Erklärung hinreissen, dass ich passieren dürfe. Diese wurde gestempelt und kopiert, ich musste ein Passbild abgeben und bekam einen Ausweis. Mit 30 Minuten Verspätung erreichte ich meinen Professor ... es war übrigens das einzige mal, dass ich den Ausweis genutzt habe.

Mein Zug fährt! Noch schnell meine neuesten Erkenntnisse in der russischen Sprache: der боцман ("bozman") steuert auf den айсберг ("aisberg"). Schön, nicht?!

Über die Bedeutung von Häschen (12. Juni 2003)

Hoppel hoppel! Häschen haben im russischen zwei Bedeutungen. Die erste dürfte weithin bekannt sein: ein Wolf mit Schlaghosen rennt einem knuffeligen Langohr hinterher und ruft gelegentlich "Ну погоди заец ... Na warte Hase" ... Der wohl niedlichste sowjetische Trickfilm! Die zweite Kategorie russischer Häschen hoppelt auch gelegentlich davon, denn Schwarzfahrer werden hierzulande als заец ("sajez") bezeichnet.

Vor unserem Wohnheim fährt die Straßenbahnlinie 19, und just auf dieser läuft seit drei Wochen ein sehr interessantes Pilotprojekt: "Внимание, заеци ходят пешком! ... Achtung, Häschen laufen zu Fuß!"

In vielen russischen Städten fahren in Bussen und Bahnen Fahrscheinverkäufer mit, in Moskau hingegen gibt es Kontrolleure. Kommen diese vorbei - das geschieht oft, aber nicht immer - drückt man ihnen 10 Rubel (30 Cent) in die Hand und gut ist. Damit soll nun Schluss sein. Auf der Linie 19 wurden an der vorderen Türen Drehkreuze eingebaut. Damit sich diese drehen, braucht man eine Magnetkarte ... Wer in die Bahn will, kommt nur noch mit Fahrschein ran.

Das klingt nach einer guten Idee, in der Praxis ist es aber reichlich dumm! (1) Nun braucht man in jeder Bahn vier neue Mitarbeiter. Zwei kontrollieren, dass niemand durch die anderen Türen einsteigt, einer verkauft die Magnetkarten, die kein Fahrgast besitzt, und einer beruhigt die Leute, die sich über das System aufregen. (2) Früher fuhren Rentner, Kriegsveteranen und Чернобыльчики ("Tschernobyltschiki", Opfer von Tschernobyl) einfach kostenlos, heute braucht man man diversen Haltestellen Verkaufsstände, wo es die für льготники ("lgotniki", Rabatt-Berechtigte) Freifahrscheine gibt. (3) Früher hüpften und hoppelten die Passagiere durch drei Türen in die Bahn, jetzt quält sich alles durch ein einzelnes träges Drehkreuz, die Bahn steht bis zu fünf Minuten an den Haltestellen.

Fazit: Nicht nur Häschen laufen zu Fuß, sondern jeder, der pünktlich ankommen will.

Nun könnte man denken: das Pilotprojekt scheitert. Aber nein, wenn ein Russe einmal eine idee hat, wird diese durchgezogen. Schon jetzt wird in den Bahnen per Lautsprecher geworben: bis Jahresende werden alle Straßenbahnen auf Drehkreuze umgestellt, im nächsten Jahr folgen dann die Busse und Trolleybusse. "Liebe Fahrgäste, merken sie, wie praktisch das neue System wird?!" Fröhliches hoppeln!

Das ist natürlich nicht Alles, was mir in den Bahnen der Linie 19 gefällt. Seit einigen Monaten hängt dort ein neuer Strafenkatalog mit äußerst mysteriösen Verboten ... Siehe Anhang!

Noch etwas zum Mysterium russischer Verkehrsmittel: ich sollte letztens für Freunde das neue russische Kursbuch kaufen. In Russland gibt es 85 800 Kilometer Eisenbahn, das Land ist größer als Europa ... Aber das Kursbuch gibt es allen ernstes nur in einem einzigen Laden in Moskau.

Heute haben wir einen Feiertag ... "Tag der Unabhängigkeit". Von was man eigentlich unabhängig wurde, wissen nichtmal die Russen. Aber Hauptsache ein Feiertag. Davon gibt es recht viele hier: Weihnachten nach altem Kalender, Weihnachten nach neuem Kalender, Neujahr nach altem Kalender, Neujahr nach neuem Kalender, Tag des Soldaten, Tag der Versöhnung (ehemals Tag der sozialistischen Oktoberrevolution), Tag des Sieges und und und.

Alle Tage haben eines gemeinsam: Es darf Wodka getrunken werden, ohne das die Ehefrau schimpft. Der Unterschied zwischen den Feiertagen ist nur der Ort des Trinkens: Weihnachten trinkt man daheim, Silvester auf dem Roten Platz, Versöhnung wird auf dem Boulevard gefeiert, der Sieg im Park des Sieges und so weiter.

Und während sonntägliche Feiertage in Deutschland quasi verloren gehen, ist man da in Russland pragmatischer: dann ist Montag frei. Und wenn Donnerstag gefeiert wird, ist am Freitag auch alles geschlossen. Die Russen nennen das похмелый день ("pochmely djen", Katertag). Gegen einen ordentlichen Kater - da ist man sich in Russland einig - hilft übrigens nur Eines: Weitertrinken! Es ist also ganz normal, das Russen früh um zehn mit Bier in der Hand über die Straße laufen.

Es gibt bei den Feiertagen nur eine kleine Ausnahme: 8. März, der Internationale Frauentag. Auch da haben alle frei, nur Russinnen Trinken zum Nachsehen der Männer weniger Wodka. Ihr Wohlbefinden ist quasi weniger an Prozente gekoppelt. Vielmehr machen sie eine saubere Wohnung, Blumen, Schokolade glücklich. So werden aus den russischen Rauhbeinen für einen Tag Gentlemen.

Ein schönes Wort habe ich letztens noch entdeckt: den шлафрок ("shlafrok").

[übersetzung des strafenkataloges unter beibehaltung der satzstruktur]

Strafe ... ... Für fahrscheinlose Fahrt: 100 Rubel
... Für nichtbezahlte Beförderung von Gepäck: 50 Rubel
... Für die beförderung explosionsgefährdeter, leichtentzündlicher, giftiger und stinkender Dinge: 300 Rubel
... Für die Beförderung stacheliger, scharfer und leichtzerbrechlicher Gegenstände ohne Überzug und gebührender Verpackung, Ski und Schlittschuhe mit offenen, scharfen Teilen ... 100 Rubel
... Für die Beförderung verbotener Dinge gemäss den Regeln zur Beförderung des Gepäcks mit einem Ausmaß größer als zulässig oder eine Länge der Gegenstände größer als festgesetzt in diesen Regeln (ausser Ski): 100 Rubel
... Durchführung mechanischer Handlungen zur Öffnung der Türen, Verhinderung des Öffnen und Schließens der Türen, außer Unumgänglichkeit des Vorbeugens unglücklicher Fälle, auftretend in der Kabine des Fahrers: 100 Rubel
... Für die Fahrt in beschmutzter Kleidung, Beförderung von Gegenständen und Dingen, welche den Besitz oder die Kleidung von Passagieren verdrecken, Verstoß gegen die Ordnung und die Regeln der Beförderung von Haustieren, welche in den Richtlinien festgelegt sind: 50 Rubel
... Für Nutzung der Sitze in der nicht hauptsächlichen Bestimmung: 10 Rubel

Rockfestival "крыля" (5. Juli 2003)

Der Schock sitzt dieses mal bedeutend tiefer, ein nie gegessenes Eis hat mir vor der Explosion am Rockfestival крыля ("krylja", Flügel) bewahrt. Die Schlange am Eingang erschien uns ohne Eis zu lang, deswegen sind wir noch einmal auf die Suche gegangen. Auf dem Rückweg haben wir den Feuerball in 100 Meter Entfernung gesehen.

Mit mir ist also alles in Ordnung, das Ticket bleibt nun ungenutzt. Das Festival läuft noch, scheinbar um eine Massenpanik im Gelände zu vermeiden.

Letzter Monat (16. Juli 2003)

Heute in einem Monat werde ich Russland schon verlassen haben. Keine Angst, ich werde Deutschland noch nicht unsicher machen, zuerst geht es nach England Sprachkurs. Mein Englisch soll wieder besser als mein Russisch werden.

Die verbleibenden fünf Wochen nutze ich für Stress und Reisen. In den nächsten 20 Tagen muss ich meine Studienarbeit fertigstellen und möglichst noch ins Russische übersetzen, ferner eine weitere Übersetzung beenden, meine Russischlektionen sinnvoll abschließen, Freunde verabschieden und ... das Spannenste ... Ein Praktikum bei der "tageszeitung" (taz) machen.

Dann fahre ich wieder Zug, dieses mal 63 Stunden in den Altai. Damit wäre ich dann bei 57.699 Kilometern in der GUS in den letzten zwölf Monaten. (Davon ein deutlicher Teil für meine Studienarbeit.) Im Altai hat meine Freundin aus Novosibirsk eine Kanutour organisiert ... das wird sicher spannend.

Heute hat mich Russland wieder einmal zur Verzweiflung gebracht. Ich hatte für Ksenia in Novosibirsk einen Brief geschrieben und wollte eine CD beilegen. Ab zur Post, dachte ich mir. Das почтамт ("Potschtamt") nahe dem Roten Platz erschien mir groß genug für solch eine schwere Aufgabe. Natürlich wurde ich abgewiesen, denn ein Brief mit einer CD ist kein Brief mehr.

So etwas kann in einer Zwölf-Millionen-Stadt nur ein einziges "Potschtamt" erledigen ... drei Metrostationen weiter. Erster Eingang, zweite Etage, Auskunftsbüro: die zwei Mädels waren zwar hübsch, hatten aber keine Ahnung: "Vielleicht im ersten Stock, vielleicht im dritten Eingang?" CD ... exotisch ... also bestimmt dritter Eingang. Das war richtig.

Hier gab es nun lustige Schalter für "Verpackungen von Sendungen". Da muss ich aber nicht hin, denn Sendungen im Inland werden direkt am Schalter "Abgabe" verpackt ... Doch auch das war zu schnell ... Denn ich hatte die drei notwendigen Formulare noch nicht ausgefüllt.

Im Grunde gefallen mir die Formulare, denn nun weiß der postbßote gleich von vorn herein, dass im brßief nur "CD, zwei Stück, je 15 Rubel - Gesamtwert 30 Rubel" sind. Er braucht nicht mehr nachschauen, was er aus dem Kuvert gebrauchen könnte. Ich habe dennoch Formular vier ausgefüllt - als Rache an die Brieföffner vom Dienst möchte ich einen Rückschein haben.

Dann durfte ich endlich bezahlen - 35 Rubel (ein Euro). Die Frau hat alles ein zweites mal verpackt, mit Leim verklebt, mit Klebeband verklebt, mit Strick verschnürt, mit neuen Zetteln versehen, und sicherheitshalber noch einmal mit Folie verschweißt ... fertig.

So verbringt man zwei Stunden in Moskau.

Nicht viel einfacher hatte es Siegfried (mein früherer Mitbewohner in Moskau), als er kürzlich einen Expressbrief nach Deutschland schicken wollte. Er fragte in mehreren Firmen an ... 1000 Rubel für einen Brief waren aber nicht akzeptabel. Am zweiten Tag fand er eine firma mit einem interessanten Angebot: Fünf Tage Laufzeit, Kostenpunkt 90 Rubel. Auf Nachfrage, wie das denn gehe, erläuterte man ihm: wir fahren morgen nach Finnland (100 Kilometer), kaufen finnische Briefmarken und werfen die Sendungen in den Briefkasten.

Ich wollte vergangene Woche ein ganzes Päckchen nach Deutschland schicken, und hatte mir dafür wieder einen anderen Weg gesucht. Täglich fahren drei Schlafwagen von Moskau nach Köln ... Ich bat die Schaffner um einen Gefallen. In extra verdunkelten Abteil musste ich über den Preis verhandeln, am Ende stimmte ich im dritten Wagen frustriert zu: 350 Rubel.

Das ist teuer, als ich vor drei Wochen in Omsk und Novosibirsk auf Kurzbesuch war, konnte ich meinen Pass nicht mitnehmen. Er lag in einem Moskauer Amt, Vasko (mein jetziger Mitbewohner) musste ihn mir nachschicken. Bei den Schaffnerinnen zahlte er 50 Rubel für die knapp 3000 Kilometer. (Man hat mir das Päckchen auf dem Omsker Bahnsteig auch wirklich übergegeben.) Und mein riesiger Rucksack kostete im Winter in umgekehrter Richtung 150 Rubel.

Apropos Amt: Ich hoffe, dass ich nun mit meinem Ausreisevisum den letzten Behördenstress hatte. Dass Deutschlands Bürokratie ein Segen ist, zeigt allein die Menge der Passfotos, die ich im letzten Jahr benötigt habe: Für meine Aufenthaltsgenehmigung und die vier Verlängerungen brauchte ich fünf Fotos, die etlichen Bestätigungen, dass mein Pass in einem Amt liegt kosteten sechs Fotos. Ich hatte einen vorrübergehenden Studentenausweis und einen richtigen - zwei Fotos. Für die Metrokarte benötigt man zwei Fotos, bei Verlust noch mal zwei. Im Wohnheim brauchte ich einen Ausweis, nach meinem Omsk-Aufenthalt einen neuen. Ferner werden in einem Buch Fotos aller Bewohner eingeklebt - also kostete mich meine Bleibe drei Fotos. Für meine Umsiedlung nach Omsk gingen zwei Fotos drauf, umgekehrt übrigens keines. Das Ausreisvisum in die Ukraine bekam ich für drei Fotos, das Einreisevisum für zwei. Verlasse ich nun Russland, sind es wieder zwei. Auch für solche Aktionen liegt der Pass im Amt und man bekommt Bestätigungen - wenn man drei Fotos opfert. Bei meinen Besuchen in verschiedenen Unis wurden mir Ausweise für den Eingang ausgestellt - drei Fotos. Zusammen 35 Passfotos!

Das alles wird natürlich besser, wenn Schirinowski an die Macht kommt! Vergangene Woche kam ich in das Vergnügen, seine Radiosendung zu hören. Das Volk darf anrufen und er hilft. Er weiß für jedes Problem eine Telefonnummer ... meistens die seiner Partei, welche sich übrigens "Liberale Partei, Partei Schirinowkis" nennt. Und er hat auch immer eine Lösung parat. "Ich habe kein Geld, keine Arbeit!" Seine Antwort: "Ich weiß, was sie tun müssen, suchen sie sich eine Arbeit!"

Welches Klientel er anspricht, zeigt seine Autobiografie, deren Kurzfassung ich letztens entdeckte: "Ich war das sechste Kind im gesunden Körper meiner Mutter, dessen Gebährmechanismus durch meine Vorgänger, drei Schwestern und zwei Brüder, gut eingespielt war. Obwohl meine Mutter halb verhungert war, war ich doch ein kräftiger Bursche und bahnte mir selbst meine Weg in diese Welt." Er wusste sich schon immer durchzusetzen!

Übrigens hat Schirinowski schon vor langem in weiser Voraussicht seinen Namen ändern lassen, der Vater des rechten Polemikers war Jude.

Womit wir beim Thema Namen in Russland wären. Sehr kreativ kann man das Land nicht bezeichnen – beim vorstellen kann man eigentlich gleich fragen: "Natascha?" Nun gut, es kommt auch Ksenia, Anna, Olga, Jekaterina, Tatjana und Oksana vor, aber dann wird es schon eng. Schön finde ich persönlich Nadjeschda, Wera und Ljubow – Hoffnung, Glaube und Liebe. Katja heißt übrigens niemand, das ist nur eine Jekaterina, welche man besonders mag. Lustig wird dies bei Alexander. Ihn darf man ohne Nachfrage Sascha, Sanja, Schura, Saschenka, Saschetschka, San oder Sanjok rufen.

Während der Familienname weitgehend unbedeutend ist, redet man sich in Russland mit Vornamen und Vatersnamen an. Mich müsste man also "Norbert Wolfgangowitsch" rufen ... da sich die russische Zunge aber schon bei "Norbert" verknotet, belässt man es dabei.

Nun die Frage: Warum hat man noch nie eine zweiten Vornamen bei Putin gehört? Ganz einfach, Wladimirs Papa hiess auch Wladimir, somit ruft man Putin "Wladimir Wladimirovitsch".

P.S.: Den Englischen Hooligan gibt es auch im Russischen, Vandalen sind allgemein хулиганы ("chuligany"). Es gibt sogar ein entsprechendes verb: хулигать ("chuligat'"). Dieses drückt den Zerstörungsprozess aus. Geht es um die abgeschlossene Tätigkeit "ein wenig hooliganieren" muss man den vollendeten Aspekt nutzen: похулигать ("pochuligat'").

Erlebnisse bei der Post II (19. Juli 2003)

Ich mag die Post Russlands immer mehr. Jetzt habe ich mich informieren wollen, wie ich denn meine Sachen nach Deutschland schicken kann. Also ging ich an den Schalter, wo ich letztens meine CD verschickt habe: "Wieviel kostet ein Paket nach Deutschland?" "Was wollen sie denn schicken?" "Ein paar Bücher und Klamotten." "Also Bücher müssen sie in Eingang eins an Schalter fünf abgeben, ihre Wäsche nehmen wir entgegen."

Im Klartext. Ein Brief bleibt ein Brief. Ein Buch ist auch ein Brief. Eine CD ist - wie wir ja schon wissen - kein Brief, sondern eine бандероль ("banderol", Päckchen). Klamotten ebenso. Lustig ist nur, dass in einer "Banderol" wirklich kein Brief stecken darf. Und beispielsweise auch kein Saft - einfach so.

Ich muss also zwei Pakete machen, eins für die Briefe und Bücher ... Eingang eins, Schalter fünf. Das ist teuer. Und eins für die Klamotten und nichtlesbaren Geschenke ... Eingang drei, erst Schalter dreiundvierzig (Verpackung und Saftkontrolle) und dann Schalter fünfundvierzig (Stempeldame). Das ist billiger. Den Saft nehme ich im Flugzeug mit.

P.S.: Man trinkt in Russland брудершафт ("bruderschaft") ...

Post III (22. Juli 2003)

Wichtiges Inventar einer Post: Nähmaschine und ein leuchtender Topf mit brauner Masse.

Ich war wieder bei der Post. Zwei Rucksäcke im Schlepptau wollte ich mich überraschen lassen, was ich nach Deutschland verschicken kann und was nicht.

Russischer Briefumschlag Nicht verschicken darf ich mein Deo - Rasierschaum ist aber erlaubt. Die Lautsprecher und eine Verlängerungsschnur sind auch tabu. (Technik ist im internationalen Postamt abzugeben, ich war aber dummerweise auf dem Hauptpostamt.)

Ein Rucksack sollte in Moskau bleiben, also bat ich an Schalter 41 nach einem der schönen dort ausgestellten Kartons. Ich sollte zu Schalter 46 gehen, dort verlangte man meine Sachen. Als ich sie hingeschleppt hatte, sagte man mir, ich solle zu Schalter 41 kommen.

Einen Karton wollte man mir immer noch nicht geben. Alle Sachen, die nicht in den zweiten Rucksack passen, sollte ich in meine Winterjacke einwickeln und diese verschnüren. Nach einigen Diskussionen der blaubeschürzten Frauen sollte ich danach Rucksack und Jacke miteinander verknoten.

Nun löste sich das Geheimniss, warum an Schalter 41 Nähmaschinen herumstehen! Die Schalterdame holte Stoff, nahm an meinem lustig ausschauenden Knäuel Maß und begann, einen Sack zu nähen! Nach zehn Minuten war das Wunderstück fertig, Rucksack und Jacke verschwanden darin. Mit einer großen Nadel wurde alles zugenäht.

Nun kommt der leuchtende Topf zum Einsatz. Eine Lampe erhitzt eine braune Pampe, mit welcher der Sack versiegelt wird. Richtig klassisch, ohne scherz: Siegel Российская почта ("Rossiskaja potschta"), wie im Märchen! Selbst das kleine Loch an einer Naht wurde wieder versiegelt.

Nun wieder zu Schalter 46. Hier füllt man drei Formulare aus, inklusive Inhaltsangabe des Paketes. Die Adresse wird mit Kuli auf den Sack geschrieben, eine Briefmarke (!) darauf geklebt und dann kommt der Preis: 1900 Rubel plus 130 Rubel für den Sack. 24 kilo nach Deutschland - 60 Euro.

Mein Beitrag zum Spaß bei der Post: Drückt man an einer bestimmten Stelle auf den Sack, beginnt ein Stofftier ein russisches Kinderlied über "zwei lustige Gänse" zu singen. Die Frauen in den blauen Schürzen sollen doch auch was zu Lachen haben.

Nach zwei Stunden Stress mit dem Gepäck eines Deutschen haben sie es sich verdient.

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