Briefe an Freunde, Novosibirsk (Norbert Schott)

Zurück in Sibirien (5. Januar 2004)

Ich bin wieder in Sibirien.

Meine Wohnung ist gemütlich. Irgendwie war der Architekt großzügig mit den Heizungen. Diese sind vom Vormieter in Richtung Zimmer (!) mit Decken isoliert, dennoch hält man es eigentlich nur mit offenem Fenster aus. Auf der Straße sind minus acht Grad.

Richtig russisch war es schon auf dem Frankfurter Flughafen. man sollte nicht mit einer sibirischen Airline fliegen, wenn man internationale Standards erwartet. In Sibirien zählt das Handgepäck mit zum Freigepäck, eine hübsche kleine Geldkassette verschlingt die Euroscheine aller Passagiere. Die Regelung steht zwar nicht im Ticket, aber man hätte sich ja vorher informieren können! Und wer diskutiert, der fliegt gleich gar nicht mit!

Russland selbst begrüßt die Gäste nicht viel besser. Im internationalen Terminal (!) des Novosibirsker Flughafens wird russisch geschrieen. Eine Blondine in Uniform und hochhackigen Pomps erklärt im zackigen Russisch: "Russen an Schalter eins und zwei, Ausländer Schalter drei." Versteht zwar keiner, ist aber auch egal. Umso mehr Spaß macht es dann, verdutzte Ausländer an Schalter eins zurechtzuweisen: "Wir haben doch klar und deutlich gesagt: Ausländer Schalter drei! ... Schalter drei!!!!!!" Immer hübsch auf Russisch, das Spiel geht quasi endlos. Es gibt auch die Variation: "Hinter der Linie warten! ... Ich habe gesagt, hinter der Linie warten!"

Jedenfalls dauert die Einreiseprozedur bei zwei Deutschen etwa so lange, wie für alle Russen. Nach zehn Minuten machen also Schalter eins und zwei zu, im Nachbarraum klappern schon die Teetassen, und die Ausländer, die sowieso nicht hören wollen, warten noch eine Stunde an Schalter drei.

Silvester haben wir auf der Datscha von Ksenia verbracht. der Schnee war bezaubernd, wenn auch mit reichlich einem Meter viel zu wenig für diese Jahreszeit. Beim Sprung aus der Sauna ins pulvrige Weiß stört das jedoch kaum ...

Nun werde ich meine Registrierung beantragen, wird sicher sehr amüsant!

Registrieren in Omsk, Kälte und Briefe an Gott (18. Januar 2004)

Draußen liegt ein Meter Schnee, es sind minus 25 Grad. Ich bin bei Andreas, meinem ehemaligen Dresdner Mitbewohner. Auf dem Fußboden spielen Deutsche, Russen, Chinesen und Koreaner "Durak", auf Deutsch "Dummkopf". Selbst nach der fünften Erklärung begreife ich das Spiel nicht, sehr eigenartig.

Inzwischen habe ich eine Registrierung. Wie immer war alles schrecklich kompliziert, und am Ende ging es doch. Andreas hat das in Worte gefasst: "In Deutschland funktioniert alles, aber nichts geht. In Russland funktioniert zwar nichts, aber alles geht!" Im Falle meiner Registrierung musste ich also nur über drei Novosibirsker Instanzen feststellen, dass für mich Omsk zuständig ist, dort zwei Anträge stellen, der Uni einen Kooperationsvertrag abringen, in der Meldestelle zweimal vorsprechen, irgendwo 60 Cent bezahlen und jemandem Pralinen schenken. mitten in der Prozedur stellte die uni verwundert fest, dass man nun einen Ausländer im Hause hat, wovon ja niemand wüsste. Aber ein klärendes Gespräch mit dem Rektor und diversen Stellvertretern hat auch dort alles gelöst. Am Ende hatte ich alle Unterschriften und sogar einen Ausweis, der nun offiziell meine Existenz als "Lernender" bestätigt. Nur ein "Student" darf ich nicht sein.

In der Meldestelle wollte man dann partout meine Omsker Adresse, die es natürlich gar nicht gibt, wissen. Auf eine Straße mitsamt Hausnummer war ich vorbereitet. Aber die Zimmernummer? "Die weiß ich nicht genau." "Sagen sie mir die Zimmernummer, oder ich stelle Ihnen heute keine Registrierung mehr aus!"
"Nun, ich glaube, es war die 210." "Sehen Sie, wenn Sie wollen, können Sie sich doch erinnern!" Wäre noch interessant, herauszufinden, ob es tatsächlich ein Zimmer 210, wie es nun in meinem Pass steht, gibt ...

Stolzer Besitzer eines Mobiltelefons bin ich nun auch. Das unternehmen geht mir ja auch ein wenig auf den Keks. In Omsk funktioniert die Karte nicht, für Roaming muss man 100 Dollar aufladen! Ein extra Vertrag in Omsk ist hingegen kostenlos. So habe ich nun extra Nummern in Novosibirsk und in Omsk. Ich kann Euch nur anrufen, wenn ich in Novosibirsk bin - denn schon die Möglichkeit, aus der Stadt heraus zu telefonieren, muss man extra beantragen. Aber das ist teuer. Umgedreht ist es viel günstiger, dennoch, für eingehende anrufe zahle ich stets - russische Logik. Aber ruft dennoch an! Klappt es nicht, ist mein Handy mal wieder am sibirischen Frost gescheitert. Obwohl es bei Nokia in Finnland eigentlich nicht viel wärmer sein kann!

Der Frost schlägt also immer wieder zu. Im Moment pendelt die Quecksilbersäule zwischen minus 8 und minus 25. Den Unterschied merkt man vor allem, wenn man sich nicht bewegt. Vorgestern haben wir zehn Minuten auf Freunde gewartet. Und trotz Cha-Cha-Cha auf dem Fußweg ist Ksenia die Nase eingefroren. Das passiert wirklich, die Nase wird dann ganz dick. Manchmal bleibt wohl auch ein Punkt auf der Nasenspitze zurück, Ksenia hatte aber Glück.

Meine Wohnung ist dennoch weiter überheizt. Obwohl einer der Heizkörper abgestellt ist - ein Wunder, dass das überhaupt geht - und die anderen abgedeckt sind. Nur mit offenen Oberlichtern ist es angenehm, vorausgesetzt man macht ab und zu mal ein Fenster richtig auf. Bei minus 25 Grad sehr eigenartig, wirklich.

In Russland läuft übrigens noch immer die TV-Serie "Golod", in der zehn Russen in Berlin essen suchen müssen. Reality-TV! Sie arbeiten dann als Box-Sparring-Partner oder Straßenmusikanten, um ein paar Euro zu verdienen. Ein weiterer Höhepunkt im russischen Fernsehen ist im Moment "Nachrichten ohne Politik". Viel besser sind auch die beliebten Zeitungen nicht. In der ehemals unabhängigen Zeitung "Argumenty i Fakty" habe ich einen Leserbrief entdeckt:
"Stimmt es, dass man Gott persönlich einen Brief schreiben kann?" Antwort: "Wie der Pressesprecher des Postministeriums mitteilt, kommen tausende an Gott adressierte Briefe an. [...] Adresse: Israel, Jerusalem, Gott. Alle Briefe werden nach Bearbeitung dem israelischen Ministerium für religiöse Angelegenheiten übergeben. [...]" Ob Briefe an Gott helfen, wird immerhin in Frage gestellt, ein ordentliches Gebet wäre wohl besser.

Sibirische Großstädte (28. Januar 2004)

Novosibirsk ist schon eine verrückte Stadt. und ich lebe hier. sehr erstaunlich. zur Erläuterung:

Novosibirsk befindet sich 3300 Kilometer von Moskau entfernt, weit hinter dem Ural und damit mitten in Asien. Der Zug fährt rund 50 stunden in die Hauptstadt. Novosibirsk wurde vor 110 Jahren gegründet, heute leben hier knapp zwei Millionen Menschen. Es gibt natürlich eine Metro. Leider hat man zu spät mit dem Bau begonnen, beziehungsweise kam die Perestrojka zu früh - bei Linie zwei reichte das Geld bislang für ganze drei Stationen. Zu meiner Wohnung führt Linie drei - in einigen Jahrzehnten.

Die Stadt ist sozialistisch schick. Wild in die Landschaft gestellte Betonklötzer, schief und ohne Putz. Dazwischen ist - je nach Jahreszeit - viel Platz für Schnee, Matsch oder Staub. Manchmal auch Beton und Asphalt. Gestern habe ich auf dem Leninplatz im Stadtzentrum 16 spuren gezählt. Das heißt, dass in der Realität 20 Autos nebeneinander passen!

Neben den Schilmassiwy (Wohnmassive) gibt es auch Tschastnyje Sektory (private Sektoren) - riesige Siedlungen mit alten russischen Märchenhäusern aus Holz. Dort holt man das Wasser teilweise noch aus der Pumpe an der nächsten Kreuzung. Das Klohäuschen steht im Garten, eine Zeitung nimmt bei minus 23 Grad aber keiner mit.

Vor allem die Sektoren nahe dem Zentrum sind sehr beliebt. Ihr Ende ist absehbar, irgendwann wird dort eine Bank neumodische Glaspaläste errichten. Und dann muss der Staat - so sagt es das Gesetz - allen Vertriebenen eine Wohnung schenken. Demzufolge wohnen in jedem Holzhaus mindestens drei Generationen.

Glaspaläste. Ideal für Nobelboutiquen, Restaurants, Banken oder Casinos. Novosibirsk ist eine teure Stadt, Wohnraum und Nachtleben kosten doppelt so viel, wie in Omsk.

Omsk liegt 600 Kilometer westlicher und hat eine halbe Million weniger Einwohner. Bei der Metro war noch vor der ersten Station das Geld alle. Aber man hofft noch! Ansonsten gleicht eine Stadt der anderen.

Ich schreibe hier also meine Diplomarbeit. Über "Möglichkeiten zur umweltverträglichen Entwicklung des Verkehrs in russischen Millionenstädten, am Beispiel von Novosibirsk". Im Moment löst man hier einen Stau, in dem man die langsame Straßenbahn entfernt oder den grünen Mittelstreifen asphaltiert. (letzteres kennt man ja auch aus Dresden.) Es gibt also viel zu tun.

Frühling (13. Februar 2004)

Wir haben Frühling in Sibirien. Das äußert sich so: die Russen schauen aus dem Fenster und sinnieren: "Schön, der Frühling hat begonnen!" Ich schaue aus dem Fenster und frage verwundert: "Moment, es liegt ein Meter Schnee und es sind minus 5 Grad!" Kopfschütteln: "Aber merkst du denn nicht, die Sonne scheint ganz anders und es riecht nach Frühling."

Aber die Russen haben Recht behalten, wenige Tage später hatten wir Plusgrade. Der Schnee vom Dach meines Hauses wurde flüssig. Zum Glück ist der Fußboden in meiner Wohnung schief, so sammelt sich das Tauwasser, welches direkt durch meine Küche abläuft, in den Ecken. Ich bekomme also keine nassen Füße. Nur staubige, von der Farbe, die sich überall - außer natürlich in den ecken - ablöst. Keine Ahnung, warum.

Inzwischen wohne ich mit offenem Fenster, denn laut Heizplan sind im Moment noch minus 20 grad. Und ein Plan muss erfüllt werden, auch wenn es viel wärmer ist.

Aber die Russen sehen und riechen noch mehr, nämlich dass es noch mal kalt wird ... und in der Tat hat es gestern und heute wieder geschneit. Und da es schon getaut hatte, liegen nun auf riesigen Eisflächen dünne Schneeschichten ... das bietet viel Spaßpotenzial.

Weniger spaßig war mir gestern zumute. Im Zug hat man mir am morgen alle meine Sachen geklaut - Mantel und Rucksack. Die gesammelten Januar-Erinnerungen auf dem Film sind samt Fotoapparat weg, ferner war es kalt ohne Mantel und meinen Rucksack fand ich eigentlich auch schön.

Eigentlich sind die Züge hier sehr sicher. Denn 52 Leute liegen auf engstem Raum. Und keine russische Seele würde es zulassen, wenn das Image von Mütterchen Russland geschädigt wird. Scheinbar haben jedoch wirklich 51 Seelen geschlafen.

Immerhin empfing uns gleich die Polizei auf dem Bahnhof. Zehn Beamte haben sich in aller Ruhe um uns gekümmert, Tee und Schokolade wurden brüderlich mit uns geteilt. Weil uns die Deko so gefiel, haben wir gleich noch den Wandkalender geschenkt bekommen. Die frage, was diese ganze Horde eigentlich macht, wenn keinem Deutschen ein Rucksack geklaut wird, bleibt offen.

Es ging natürlich nicht ohne Dolmetscherin, die aber letztendlich schlechter Deutsch sprach, als ich Russisch. So habe ich die Zeugenaussage doch selbst formuliert. Am Ende wurde uns eine Delegation abgestellt, die mit mir noch eine neue Jacke kaufen ging ... selbst zwei Euro Rabatt hat man noch für mich herausgeschlagen.

Angeblich steht die Chance bei 70 Prozent, dass man die Diebe findet. Fand ich selbst unglaubwürdig. Aber im Moment werden wirklich alle Passagiere der umliegenden drei Wagons von Beamten besucht - die Ticketkopien zur Identifizierung lagen schon nach einer Stunde bei den Ermittlern.

Ich gebe zu, ein sehr mysteriöses Land.

Winter im astronomischen Frühling (1. März 2004)

Die Russen haben also Recht behalten, der Frühling lässt noch auf sich warten. Es sind zwar nur noch minus fünf bis minus zehn Grad, aber es schneit weiter kräftig. An den Straßenrändern türmen sich die Schneehaufen inzwischen bis zu zwei Meter.

Damit die Straßen nicht immer enger werden, gibt es spezielle Schneeauflademaschinen - rollende Förderbänder mit lustigen Schaufeln. Bei aller Automatisierung braucht man aber dennoch vier Arbeitskräfte - einer lenkt, einer hilft beim Schaufeln, einer koordiniert und einer fährt mit dem LKW den Schnee zum Fluss. (In dem dann wahrscheinlich im Sommer die fische Bauch aufwärts schwimmen.)

Automatisierung, das ist hier sowieso etwas Lustiges. Wenn irgendwo ein Foto- oder Spielautomat herumsteht, dann sitzt stets ein Mensch daneben, der die Kiste bedient. Man gibt ihm das Geld und er wirft ein Fünf-Mark-Stück ein.

Der Schnee ermöglicht natürlich vielerlei Freuden - wöchentliches Skifahren zum Beispiel. Es muss ja nicht immer im Altai sein, wo uns ein Meter Neuschnee auf der Piste begrüßte. Auch direkt am Steilufer des Ob (unser Fluss in Novosibirsk) steht ein kleiner Lift.

Diesen mag ich aber nicht mehr so sehr, seitdem die Stange, die mich schleppen sollte, so an meinen Daumen geknallt ist, dass dieser nun angebrochen ist. Immerhin habe ich den Arzt glücklich gemacht, der mir freudig erklärte, dass auch für Ausländer ein Gips in Russland kostenlos ist.

Die Polizei in Tomsk ist weiter auf der Suche nach meinem Rucksack und Mantel. Nach Vernehmung aller benachbarten Passagiere ist man sich sicher, den Dieb identifiziert zu haben. Bis dato war er aber nie zu Hause, wenn die Polizei bei ihm klopft. Aber man ist zuversichtlich, angeblich wurden im letzten halben Jahr alle Fälle dieser Polizeistation geklärt.

Miliz (7. März 2004)

Allen Mädels, Frauen, Damen des fortgeschrittenen Alters und Großmüttern alles Gute zum internationalen Frauentag! Morgen gibt man sich hier in Russland die Kante, zur Abwechslung nicht nur die Männer, sondern alle. Vorher werden noch Blümchen, Küsschen und Pralinen überreicht.

Die russische Miliz, das ist schon ein Erlebnis. Ich war nun inzwischen zum dritten Mal in Tomsk, wir duzen uns inzwischen, es gibt stets lecker Tee. Heute war ich allerdings wirklich verblüfft. Man konnte mir das Netzteil meines Mobiltelefons präsentieren, welches im geklauten Rucksack lag!

Man stelle sich das vor: da werden irgendeinem "reichen Deppen" im Zug Mantel und Rucksack geklaut und sofort setzen sich in diesem eigentlich vollkommen chaotischen Land alle Hebel in Bewegung.

Man weiß inzwischen: Der Dieb kommt aus Kasachstan, wird dort wegen Diebstahl gesucht und wollte zu seinen Bekannten nach Russland flüchten. Als diese meine Sachen gesehen haben, haben sie ihn rausgeschmissen. Er hat daraufhin eine Nacht in einer Kirche geschlafen, ist dann nach Novosibirsk, dann in eine Stadt im Altai. Wenn er Tickets kauft, verwendet er drei verschiedene Ausweise. Aber wenn er wieder eines dieser Dokumente benutzt, sitzt er fest.

Wie gesagt, es geht um einen Rucksack und einen Mantel, geschätzter Schaden: 200 Euro. Mag sein, dass das ein Monatsgehalt für die suchenden Polizeibeamten ist - dennoch beeindruckt mich der Wille, meine Sachen zu finden. Man wusste einzig und allein die Namen aller Passagiere im wagen, und inzwischen kennt man jeden schritt des Kasachen!

Es scheint erklärtes ziel zu sein, die Aufklärungsstatistik dieser Polizeistation bei 100 Prozent zu halten. Angesichts des eindeutig identifizierten Netzteils (danke Thea, dass das Kabel kaputt war!) steht fest, wer es war ... insofern wird mir inzwischen bei der Täterbeschreibung geholfen. Ich meinte, der mir verdächtige Mann sah "etwa 30 Jahre alt" aus. Dummerweise ist er 18, also wurde meine Aussage stillschweigend in "nicht älter als 30 Jahre" umgemünzt.

Bleibt abzuwarten, was von Mantel, Wörterbuch, Rucksack und Fotoapparat noch nicht verscherbelt ist, wenn man ihn schnappt.

Frühjahrsdreck (6. April 2004)

Matsch, Dreck, Schlamm ... es ist Frühling in Sibirien! Nach erneutem Wintereinbruch Ende März mit bis zu minus 30 grad (nachts) taut nun alles weg. Plötzlich kommt all der Müll zu tage, der nach jeder verschneiten Nacht weggeräumt schien. Plötzlich haben die Straßen wieder Schlaglöcher. Und plötzlich bleibt meine Winterjacke im Schrank, plus vier grad sind sommerlich und mir reichen Pullover.

Man muss sich schnell umgewöhnen im sibirischen Frühling. Vorgestern waren die Straßen matschig, die Fußwege noch gefroren. Gestern wurden auch diese unpassierbar, aber abseits der Wege konnte man noch gehen. Heute versinkt man auch dort tief im Schlamm, aber die Straßen sind schon getrocknet. Fatal ist nur, dass es Stadtgebiete mit netten alten Holzhütten gibt ... dort sind Straßen, Fußwege und Grünstreifen (Graustreifen?) ein und dasselbe: schlammiger Dreck, zentimetertief. Haben Russen Schwimmhäute?

Meine Diplomarbeit kommt voran, nebenbei war ich noch in Moskau und Omsk, für eine neuerliche Studentenkonferenz. Es ging - wie sollte es bei mir anders sein - um Verkehrsökologie. Wir hörten erstaunliche Vorträge ("Vergleichende Bewertung der Berechnung der Menge der Produkte der Verbrennung des Treibstoffes in Fahrzeugmotoren") in erstaunlichem englisch (die Gesellschaft muss acht geben: "sesossitimasttekare"). Zum Glück hatten wir für die späteren Runden Tische dolmetschende Sprachstudenten organisiert, so dass ich inzwischen tatsächlich ein deutsch-russisches Handbuch über Verkehrsökologie layouten kann.

Leider war zu diesem Zeitpunkt noch kein Frühling, es gab noch viel Eis auf den Wegen ... und zum Glück war Marlen Allianz versichert ... ein dreifacher Beinbruch ermöglichte uns tiefe Einblicke ins russische Gesundheitswesen. Stufenfreie Arztpraxen? Englischsprachige Ärzte in einer Millionenstadt? Ein Rollstuhl auf dem Flughafen? Alles Fehlanzeige. Im Ausgleich dafür gab es immerhin schöne, riesige Betäubungsspritzen, einen sehr stabilen Gips und wie immer alles kostenlos! Und die Allianz hat einen netten, wenn auch schmerzhaften, Rückflug in die Heimat bezahlt.

Hier in Novosibirsk habe ich meine Bleibe gewechselt, wohne nun wieder in einer WG. Das gibt es sehr selten, so muss man auch mit einer etwas eigenartigen Mitbewohnerin vorlieb nehmen können. Aber die gelegentliche Einsamkeit war mir doch zu anstrengend.

Nachdem ich von allen Funktionen bei der Dresdner Hochschulzeitung "ad-rem" zurückgetreten bin, mache ich nun bei der Novosibirsker "studentscheski gorod" Karriere. Unter maßgeblicher Beteiligung von Ksenia und meiner Russischlehrerin habe ich es schon auf vier Artikel gebracht, als Krönung durfte ich am ersten April über die mode der russischen Schönheiten lästern. Auf der Straße den dicken Pelz und im Wohnheim die hässlichsten Bademäntel der Welt ... nee nee nee!

Schnee von gestern (22. April 2004)

Novosibirsk ist grau. So richtig kann sich der Frühling dann doch noch nicht entscheiden. Mal sind es plus zehn Grad, dann wieder minus. Gerade war der Matsch halbwegs getaut, fing es gestern wieder an zu schneien. Grün ist noch nirgends zu sehen. Die einzigen frischen Grashälmchen, die ich entdecken konnte, wuchsen über einer Heiztrasse.

Die größten Nachteile von diesem Wetter hat wohl Coca-Cola. Denn bekanntlich trinkt man amerikanisches Zuckerwasser am besten bei drei grad. Deswegen hat jeder deutsche Kiosk einen Kühlschrank. Und jeder russische eine Heizung, zumindest im Winter. Im Sommer gibt es natürlich Kühlschränke ... aber was nun? Im Moment stehen noch die Heizungen, aber sie sind abgeschlossen. Überall. Nirgends Coca-Cola.

Doch man hält zusammen. Beispielsweise hing letztens ein riesiger LKW im Glatteis fest. So entschloss sich unser Straßenbahnfahrer, ihn mit einem Stahltross bis zur nächsten Kreuzung zu ziehen. Mit viel Schwung hat das auch geklappt. Wir sind fast entgleist, das Wagengestell hat spürbar geknirscht und so gelitten, dass später nur noch zwei der drei Türen aufgingen. Die Rentnerinnen haben dem Bahnfahrer in einer Schimpforgie erklärt, dass dies eine Straßenbahn und kein Abschleppfahrzeug sei.

Ich sitze noch immer an unserem Buch über Verkehrsökologie. Es hat sich erwiesen, dass die Russen von Umweltschutz nicht die geringste Ahnung haben. Stillschweigend wurde so aus dem deutschen Original "Ziel ist die Steigerung der Fahrzeugauslastung" ein russische Übersetzung "Ziel ist die Steigerung der Lastfahrzeuge". Ein schönes ökologisches Ziel!

Noch einige schöne Zitate von den deutschen (!) Folien eines russischen Vortrags auf unserer Konferenz: "Expluatationsekocharakteristiken", "Luftüberflussköffizienten", "Dieselkurbelwall", "Kontrolloperativität", "Mit Hilfe der Dieselarbeitsparametern auf den Positionen des Fahrschalter wurden die Grundcharakteristiken des Dieselarbeitsprozess für den geometrische Winkel des Zuvorkommens der Brennstoffabgabe bestimmt."

Übrigens ist im russischen der "Daumen" der "große Finger", für den deutschen "kleinen Finger" gibt es hingegen ein vollkommen separates Wort. Und der Schwager existiert gleich in vier verschiedenen Varianten, je nachdem ob Bruder des Mannes, Bruder der Frau, Mann der Frau oder Mann der Schwester der Frau.

warum einfach, wenn es kompliziert geht ... das ist Russland.

monstration ohne De (3. Mai 2004)

Ein langer Traum ist in Erfüllung gegangen. Ich bin auf eine Demo gegangen, einfach mit einem Plakat "Ich bin dagegen!" - und das auch noch am ersten Mai in der großen Sowjetunion! Anlass war folgender Aufruf in der Novosibirsker Künstler-Mailingliste:

liebe freunde! die künstlergruppe SAT lädt alle zur streetparty in! am 1. mai findet zusammen mit der gewöhnlichen demonstration unsere monstration statt!

wenn wir die auftritte der politiker hören, wenn wir protestaktionen sehen, wenn wir wählen gehen dürfen - dann haben wir stets den eindruck, dass alles nur eine theaterveranstaltung ist. wir nehmen an dieser totalen show teil - wenn wir ins konzert gehen, abendbrot einkaufen oder fernsehen. unsere fünf sinne sind die grundlage, auf die die konsumgesellschaft aufbaut.

am 1. mai gehen wir mit den losungen auf die straße, die uns und unsere gefühle propagieren! eingezwängt in den körper der gewöhnlichen demonstration monstrieren wir allen, dass es unmöglich ist, auf dem markt alles zu verkaufen.

am 1. mai werden wir den feiertag unserer emotionen und der gefühle feiern, und zwar in einer art, wie sie niemand kaufen kann! am 1. mai verkünden wir die freiheit des schaffens und das recht eines jeden auf schöpferische werk und schöpferische erholung!

es ist an der zeit, unserer stadt eine kunst-injektion zu verpassen! :)) jeder teilnehmer wird traditionelle rot-weiße plakate mitbringen, auf denen seine emotionen und gefühle geschrieben sind: "A-a-a-a-ach!!!", "O-o-o-o-och!!!?, "M-m-m-m-mm!!!", "A !!?", "Och!!!", "Ey!", "Jo!". oder auch: "Sehr gut!". oder irgendein abrakadabra: "HGFZBDJTDAZ JBFAJS!!!", "B....JBA! >> ;;:? *78 110010010001110!!!", oder "Zehr gut!" [stand deutsch da], "FUCKING GREAT"!

vielleicht auch das gegenteil: "Buuuh!? oder einfach ein portrait mit ausrufen: "HURRA!..............!", "GUT!", "ENTZÜCKEND!", "UNVERGLEICHLICH!", "...!? [für diverse wörter im russischen gibt es kein pendant, so für "blja!"] sei einfach gar nichts geschrieben - leere, vielfarbige transparente!

fantasie wird begrüßt! alle politischen losungen und losungen, die einen sinn haben, werden abgelehnt! je weniger sinnvoll, desto monstrativer! bekleiden sie sich grell und ungewöhnlich, bringen sie musikalische werkzeuge mit: trompete, tröten, trommeln, pfeifen, büchsen an stricken - alles, was sie originell und interessant finden!

wenn sie nichts zum mitbringen haben, kommen mit leeren händen, bei uns gibt es immer ein transparent für sie! auf beliebige fragen der presse (und nicht nur der presse), antworten sie einfach: das ist eine monstration!


So schien also die Sonne am ersten Mai und alle spazierten den Prachtboulevard entlang. vorn der vergreiste Fanclub Stalins (2000 Genossen), gefolgt von Schirinowskis Anhängern (100 Weltverbesserer) und den bolschewistischen Nationalisten (40 Kurzgeschorene in Dreierreihe, "Mein Kampf" in der Brusttasche) und ganz hinten wir (50 konzeptionslose Chaoten).

Auf 2140 Demonstranten kamen 10 Journalisten, auf 50 Monstranten 50 Reporter. Das Verhältnis zur Staatsgewalt war sehr gespannt, angesichts der vielen Kameras beschlagnahmte man aber nur das Plakat "Ui-ui-ui!" mitsamt Monstranten. "Irgendwie so!", "Aaaaah!" und so weiter durften bis zum Leninplatz marschieren.

Sehr lustig jedenfalls, und selten im intellektuell armen Russland.

Der andere Höhepunkt der vergangenen Wochen war eine Geburtstagsfeier. Wir hatten entdeckt, dass man für 10 Euro pro Stunde einen O-Bus mit Fahrer, Wachpersonal und Barfrau mieten kann. Die Fahrroute ist frei wählbar - entlang aller existenten Oberleitungen, versteht sich. Der Bus hält an, wo man will, und sei es, um am Straßenrand neuen Wein zu kaufen. Und so sind wir im O-Bus drei Stunden durch das nächtliche Novosibirsk geheizt und haben das Leben genossen. Auch sehr lustig.

Im Wohnheim ging die Feier weiter. Leider in dem Wohnheim, in dem ich morgens nicht sein darf. Abends im Trubel reinschleichen war einfach, morgens mit einem Kater rausklettern nicht ganz so. Gestern habe ich festgestellt, dass es bis zu dem Fenster tatsächlich vier Meter waren. Aber der Architekt hat mitgedacht und die Ziegel versetzt Mauern lassen ...

Baden im Mai, Pappelpollen und Kulturtage (14. Mai 2004)

In Novosibirsk liegen die Leute am Strand. Wir haben 30 (!) Grad - und was wäre da geeigneter, als ein Bad im Fluss Ob? Der Stausee des Ob - auch Obskoje Morje (Ob'sches meer) genannt - 15 Kilometer stromaufwärts ist übrigens noch vom Eis bedeckt. Vor eineinhalb Wochen haben wir am Strand ein Picknick gemacht und konnten noch zu Fuß über das Eis laufen. Das ist nun nicht mehr zu empfehlen, aber dennoch ist das Wasser noch lange nicht in Sicht.

Die Stadt wird nun endlich grün, insofern sie das noch kann. Bislang standen in der ganzen Stadt Pappeln, beiderlei Geschlechts - denn auf Geschlechtertrennung hat zur Zeit des rasanten Städtebaus in Sibirien vor 40 Jahren keiner geachtet. Und zum Sommeranfang verwandelten die weiblichen Bäume nahezu alle russischen Städte für zwei Tage in ein Meer aus Pollenflaum. Nun nicht mehr. Denn schlaue Wissenschaftler haben festgestellt, dass Pappelpollen (schönes Wort) Allergien auslösen. Also wurden sämtliche Pappeln in sämtlichen sibirischen Städten auf vier Meter hohe Stummel eingekürzt, jegliches Blattwerk wurde entfernt. Nun sind die Straßen von bizarren Holzsäulen gesäumt. Ohne Grün und ohne Pollen.

Passend dazu ein Absatz aus dem Bericht von unserer letzten Konferenz in Omsk: "Für Verkehrsvermeidung ist kein Verständnis vorhanden. Auch Katalysatoren werden als zu teuer abgelehnt. Dafür will man viele, extra gezüchtete Bäume pflanzen ('Extra gezüchtet? Was sind das denn für Bäume?' - 'Pappeln!'), die die immensen Abgasmengen verarbeiten sollen."

Im Moment sind hier in Novosibirsk die deutschen Kulturtage. Das Goethe-Institut hat sich bemüht, ein Programm rund um die deutsche Kultur zu basteln. Das Thema Aktionskunst wird so abgedeckt: "Performance Johan Lorbeer 'Das proletarische Wandbild' - Die Überschreitung der Realität in den Raum der Kunst demonstriert Johann Lorbeer in Form eines 'lebenden Kunstwerk': Gekleidet in den Arbeitsanzug eines Straßenkehrers, 'steht' er horizontal an einer Wand und kommuniziert mit den Betrachtern."

So stand also heute ein Berliner Müllmann an der Wand der Gemäldegalerie von Novosibirsk und unterhielt sich mit dem Proletariat. Er meinte natürlich, dass er auf dem Boden der Tatsachen stehe, und das Proletariat an der wand. wie man's sieht!

Kleinigkeiten (20. Juni 2004)

Die Pappeln haben gesiegt! Man erinnere sich: um dem Pollenflug in der Stadt ein Ende zu bereiten, wurden in ganz Novosibirsk die Pappeln am Straßenrand auf vier Meter Stamm gestutzt, verbleibende Äste wurden abgesägt. Doch es hat nichts genutzt, wie jedes Jahr schneite es auch 2004 wieder lustige weiße Flocken von in Höfen versteckten Pappeln. Mitten im Sommer war Novosibirsk wieder weiß.

Auch die Temperaturen sind wieder wie im Winter, nur ohne Minuszeichen. Seit sechs Wochen haben wir ununterbrochen über 20 Grad, meist 25 bis 35. Das macht gute Laune, diese muss man allen verbreiten. Die Leute reißen die Fenster auf, stellen Lautsprecher aufs Fensterbrett und beschallen die Straßen mit Musik ihrer Wahl. Strom kostet privat ja fast nix. Wenn man Glück hat, bekommt man Klassik zu hören, aber manchmal brüllt es auch "Du rrrriechst so guuut!" über den Boulevard.

In den letzten Tagen war hier wieder einmal ein Beispiel russischer Improvisation zu sehen, zugleich ein Schmankerl für alle Verkehrsingenieure: nach der Frostperiode werden die Straßen geflickt, so fuhr eine Straßenbahnlinie nur auf Teilstücken. Leider gab es keine Wendeschleife, so schickte man auf jedes der zwei Gleise einen Straßenbahnzug. Jeweils zwei Bahnen wurden an der Rückseite zusammengekoppelt und fuhren auf einem Gleis hin und her.

Damit mussten 50 Prozent der Fahrgäste auf der falschen Seite ein- und aussteigen - also im ersten Wagen auf der rechten Seite, im zweiten auf der linken. Der Fahrer im vorderen Wagen konnte jedoch die Türen im hinteren nicht zumachen - weil er sie mangels Spiegel nicht sieht. Also saß auch dort noch ein Fahrer, der die Türen bediente und dann per Klingelzeichen die Abfahrt ankündigte.

Ferner: in 50 Prozent der Fälle fuhr die Bahn natürlich auf der falschen Straßenseite. Damit die Autos das bemerken, hatte man ausnahmsweise das Licht angemacht. Das zeigt eine echte Besonderheit, da sonst auch nachts stets ohne Licht gefahren wird. Hier kostet Strom scheinbar etwas.

Damit war aber noch nicht alles gelöst. Auf halber Strecke kreuzt der Trolleybus die Bahn, was technologisch kompliziert ist - spezielle Oberleitungskreuzungen sind notwendig. Diese sind dafür ausgelegt, dass die Bahn auf jedem Gleis nur in eine Richtung fährt. Nun fuhr sie ja aber in beide. Also musste noch ein Techniker mit, der pro Runde einmal zum Einsatz kam: vor der Kreuzung verlies er die Bahn. Die Bahn fuhr mit Schwung auf die Kreuzung und der Techniker hängte sich mit vollem Körpereinsatz an ein Seil, welches den Stromabnehmer kurz herunterzog. Hinter der Kreuzung sprang der Techniker wieder in die Bahn.

Schienenersatzverkehr geht in Novosibirsk nicht, denn die Busse gehören zu einem anderen Depot als die Straßenbahnen und da lässt sich einfach nichts machen.

Ich werde mich nun wieder meinem Diplom zu Verkehrskonzepten in Novosibirsk widmen. Punkt 1: eine einheitliche Zentrale für alle Verkehrsmittel.

Endlich wieder Fahrstuhlgeschichten (12. August 2004)

Nun bin ich also wieder in Russland ... inzwischen mit dem dritten Aufgabenfeld. Ich bin nun "Assistent" für ein Ingenieurbüro in Novosibirsk. Wir liefern die Automatisierung europäischer Walzstrassen für China, meine Aufgabe ist die technische Koordination zwischen Peking und Novosibirsk. Wenn sich nichts Grundlegendes ändert, werde ich also für die nächsten zwei Jahre in Sibirien sein.

Sie Statusänderung vom Studenten zur Arbeitskraft brachte natürlich wieder neue Erfahrungen mit russischer Bürokratie. Als arbeitender Mensch benötigt man ein kommerzielles Einjahresvisum für die mehrfache Einreise. Für dieses muss durch das Unternehmen im Innenministerium eine Einladung bestellt werden, das kann zwei Monate dauern. Die Einladung muss per nach Deutschland geschickt werden, dazu kommt ein gültiger Aidstest, dann kann man ein Visum beantragen. In Russland rennt man dann wieder in ein Amt und lässt sich registrieren - mit notariell beglaubigtem Mietvertrag und so weiter. Alles zusammen dauert drei Monate.

Ja, oder man bezahlt einfach ein paar hundert Euro: Überweisungsbeleg plus Pass an ein Bonner Reisebüro schicken, zehn Tage warten, fertig. Für die Registrierung geht man in Novosibirsk in ein bestimmtes Hotel und "übernachtet" pro forma eine Nacht. In der Registrierung steht natürlich später, dass man ein Jahr übernachtet hat. Fertig, vollkommen legal und wasserdicht.

Und wie schon im Moskauer Wohnheim, bereiten mir auch Novosibirsker Lifte größte Freude!

Beispielsweise zuhause. Will man früh bei uns in der fünften Etage einsteigen, muss man sich sehr beeilen. die Tür ist ganze zehn Sekunden auf. Dann will sie zugehen. Problem eins: das ist unumgänglich. Bevor die Tür nicht ganz zu war, geht sie nicht wieder auf! Ein gutes Beispiel: Norbert drin, Rucksack drin, aber Rucksackschnalle draußen. Nichts geht mehr, denn die Tür ist drei Millimeter geöffnet. Dann hilft es nur, die Tür gewaltsam aufzudrücken, schnalle rein oder Rucksack raus und weiter zu Problem zwei: zehn Sekunden sind verdammt wenig! Vor der Tür steht also noch Ksenia, vor deren Nase die Tür zugegangen war. Also Tür wieder auf, Ksenia rein, Tür zu.

Abends in der ersten Etage ist das Problem ein anderes. Hier bleibt die Tür lang genug auf, im Gegenteil, sie geht nicht zu. Drückt man die Taste für die fünfte Etage, geht die Tür ein wenig zu und gleich wieder auf. Der Lift will quasi prüfen, ob man sich bei seiner Wahl sicher ist. Oder das kleine Kinder nicht spielen. Fakt ist: lässt man die Taste los, bevor die Tür vollständig geschlossen ist, geht es nicht los.

Ich kenne auch einen funktionierenden Lift - in meinem Bürogebäude, elf Etagen! Leider fährt der Lift nur bis zur zehnten. Ich arbeite natürlich in der elften. Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls gibt es für acht Etagen - in der zweiten wird auch nicht gehalten - nur einen Lift. Ein weiterer ist seit drei Monaten "vorübergehend außer Betrieb". Der funktionierende Fahrstuhl ist sehr modern, fährt auch meistens ohne zu murren in die gewünschte Etage - außer zwei und elf - und bemerkt sogar, wenn mehr als die erlaubten zwölf Leute einsteigen. Zu erwähnen ist jedoch, dass Platz zwölf reserviert ist - für die Frau mit der blauen Mütze. Sie drückt die Tasten. Und auf jeder Etage liest sie für alle die Nummer vom Display laut vor. Ironie der Geschichte: ihre Arbeitszeit ist beschränkt - strikt auf die Stoßzeiten, wenn der zwölfte Platz dringend benötigt wird.

Letzte Woche habe ich Russland bei der Tagesschau entdeckt: Russland hat die Bierwerbung stark eingeschränkt. Nur noch nach 22 Uhr darf geworben werden, und auch dann nicht mehr mit lachenden, genießenden Menschen. So richtige Gründe gibt es keine, nur Schirinowksi weiß warum: "Bier ist ein abscheuliches Getränk. Es ist ungesund und macht dick. Schauen Sie nur, wie hässlich die Tschechen und die Deutschen sind." Jedenfalls wissen sich die Bierbrauer zu helfen. Vorgestern lief in einer Kneipe Bierwerbung im Fernseher. Fröhlich lachend tranken dort eine Zwiebel, eine Computertaste und noch eine wilde Kreatur gemeinsam lachend und genießend Bier. Es gibt halt immer einen Weg ...

Ausflug nach China (21. September 2004)

Zur Abwechslung kommt dieser Bericht aus China, Peking. China ist natürlich nicht minder spannend als Russland. Es hat sich viel geändert hier in den letzten Jahren. Wo während meinem Urlaub in Peking 2000 noch alte Viertel mit maximal zweietagigen Häusern (Hutongs) standen, sind nun große Baustellen oder bereits neue Viertel mit minimal zwanzigetagigen Häusern. Allenfalls rund um die verbotene Stadt dürfen ein paar Hutongs weiter existieren, dennoch teilweise saniert, sprich abgerissen und nachgebaut.

Radfahren ist noch gefährlicher, als es schon früher war. Wurde man damals gelegentlich von Bussen überfahren, erledigen dies nun die privaten Volkswagen. Der olle VW Jetta wird hier berühmter als er je in Deutschland war. Radfahrer haben noch immer ihre vier Meter breiten Spuren, aber nicht mehr auf engen Straßen, sondern neben breiten Autobahnen. Fünf Ringe durchziehen die Stadt, zwei weitere sind in Bau.

Ich habe mir natürlich gleich ein Fahrrad gekauft und bin losgeradelt. Leider darf ich das Rad nun nicht mitnehmen - die sibirische Superlinie Sibir' (man erinnere sich an meine Schimpfrede vom Januar) will happige 105 Dollar Frachtgebühr. Reichlich viel für ein Fahrrad, welches 45 Dollar kostet. Nun bleibt es hier bei Kollegen - irgendwann habe ich weltweit Fahrräder.

Auch im chinesischen Fernsehen ist die neue Welt angekommen. Etwa zwei Drittel sind Programm - vornehmlich wirklich dämliche und unheimlich schlecht gemachte Gameshows, daneben Serien -, etwa ein Drittel sind Werbung. Jedenfalls deutlich mehr, als man es in Europa kennt - trotz Sozialismus. Meine Lieblingswerbung betrifft Schuhmode: eine Engländerin, eine Russin und ein Chinese erklären in ihrer Muttersprache die Gemütlichkeit der Latschen. Dumm nur, dass die Engländerin garantiert nicht aus England und die Russin sicher nicht aus Russland sind. Zum Glück gibt es Untertitel, da kann man ihre Mitteilungen lesen.

Einige Sachen sind in Peking gleich geblieben - Essen bestellen ist noch immer lustig: dämlich gucken, mit den Händen fuchteln, dann entschlossen zu einem Tisch gehen, irgendwas Leckeres aussuchen und draufzeigen. Und dann gespannt warten, ob es auch so lecker schmeckt wie es aussieht. Meistens schon. (Spielverderber suchen Restaurants mit englischer Karte oder drucken sich eine deutsch-chinesische Liste mit den wichtigsten Zutaten.)

Ebenso die Definition von Herbst ist noch immer wie 2000: Mitte September ist der Sommer zu Ende. Auch wenn es über 25 Grad sind und die Sonne scheint - die Bäder werden geschlossen und die Klimaanlage vom Büro ausgeschaltet. Ökologisch sehr zu begrüßen, aber im Betriebsrestaurant im Keller wird das wirklich zur Quälerei - 100 Leute auf engstem Raum essen fettiges Essen, kein Fenster, keine Belüftung. Aber im Herbst braucht man das ja nicht. Also doch Planwirtschaft.

Ich kann Alle beruhigen, die Mauer steht noch, nur die Verbotene Stadt ist nicht verboten. Deswegen heißt sie neuerdings auch Palastmuseum.

Man könnte nun noch viel über China erzählen, aber das ein andermal! Morgen geht es zurück nach Sibirien, in den Altweibersommer, "Babje leto".

Herbst in Sibirien (5. Oktober 2004)

Ich bin wieder in Sibirien. Das Wetter spielt verrückt. Es widerlegt all meine Theorien: den ganzen Sommer hatte ich in Europa erzählt, wie klasse es ist, dass es in Sibirien dank Kontinentalklima im Sommer ordentlich warm ist. Und dann bekomme ich Mitte September mütterlichen Besuch ... bei minus vier Grad und Schneefall.

Inzwischen hat sich alles wieder beruhigt, wir haben ordentliche 20 Grad und Sonnenschein - leider habe ich keinen Besuch mehr.

Diese Wetterumschwünge bringen natürlich wieder den Heizplan durcheinander. Heizen im September - das war nicht vorgesehen. Somit saß ganz Novosibirsk drei Tage in der Kälte, dann endlich hatte Genosse X in Amt Y Plan Z geändert. Leider zu spät, denn nun haben wir 20 Grad. Da nach geändertem Plan nun aber auch im September geheizt werden muss, schwitzen jetzt alle.

Ich beobachte in letzter Zeit Bemühungen zum Energiesparen: Da wir in unserer Wohnung den Strom nach Verbrauch und nicht pauschal bezahlen, achten meine Mitbewohnerinnen neuerdings genau auf jede nutzlos eingeschaltete Lampe. Bei Kälte werden auch die Elektroheizer nicht mehr genutzt. Stattdessen werden alle Flammen des Gasherds angemacht - denn Gas ist noch immer kostenlos. ;-(

Mein schönstes Erlebnis diese Woche war gestern ein Kiosk auf dem Markt. Ein großes Pappschild weißt darauf hin: "Pause". Darunter hängt: "Fragen sie nicht!" Und weil man das noch falsch verstehen könnte, erläutert eine dritte Pappe: "Lenken sie uns nicht ab, gehen sie weiter!" Ich würde dies jedoch als freundliche Hinweise deuten. Denn drei Kioske weiter, wo ich nach zweitägiger Suche endlich meine Wikinson-Rasierklingen gefunden hatte, hing kein Schild. Umso freundlicher die Reaktion auf meine Nachfrage: "Sie sehen doch, dass ich Waren sortiere!" (Es gab dann noch einen Kiosk mit Wikinson, was hier Schick heißt. Ich muss also nicht auf Gillette umsteigen. Aber das ist nun wirklich nebensächlich.)

Gedanken beim Treppensteigen (10. November 2004)

"Bis zur Fertigstellung des Liftes verbleiben ... 201 ... Tage." bis zum Arbeitsplatz verbleiben 240 Stufen.

Zum Glück betrifft der freudige Text - super, nur noch 29 Wochen - lediglich den zweiten Lift im Haus, der erste ist bereits fertig gestellt.
Ein Lift für schätzungsweise 1000 Menschen, die alle pünktlich um Neun auf Arbeit kommen. Und laut Plakette trägt der Lift 1000 Kilo - aber das ist entweder falsch oder der durchschnittliche Russe wiegt 125 Kilo.

Wer nun schlau sein will und einfach schon um Acht auf Arbeit kommen will, wird ebenso enttäuscht. Denn da hängt auch an Lift eins ein freudiger Text: "Entschuldigung, der Lift ist im Moment außer Betrieb." Ich würde nun mal unterstellen, dass das "Entschuldigung" geheuchelt ist! Denn neulich habe ich nachgefragt, was es mit dieser Tafel auf sich hat:

"Das Büro der Liftfrauen ist erst ab halb Neun besetzt."
"Wozu brauche ich die denn? Ich kann auch alleine Knöpfe drücken!"
"Und was machen sie, wenn sie hängen bleiben?"
"In diesem Fall warte ich im Lift bis halb Neun! Wird ja nicht so oft vorkommen."
"Wie stellen sie sich das vor?! Und warum arbeiten sie nicht erst um Neun?"

Erster Schnee im November 2004 Überhaupt, Liftfrauen - Knöpfe drücken, Etagen ansagen, zwei Wände, ein Spiegel, eine Tür, Fußboden und Decke. Die erste ist irre geworden, fing an blödes Zeug zu reden und wurde wegen Passagierbelästigung entlassen. Die zweite kann inzwischen Bücher lesen und gleichzeitig fühlen, in welchem Stock wir sind.

Aber 240 Stufen sind auch nett, man kann Zeitung lesen, mit dem Mobiltelefon rumspielen, die Zahl der Stufen ausrechnen, oder auch nachzählen, alle 24 Stufen durch das Fenster den Schnee bewundern ...

Denn rund sechs Wochen nach dem ersten Schnee bleibt er nun endlich liegen statt zu matschen. (Zwei Wochen später als die russische Bauernregel besagt.) Wie soll er auch tauen, bei minus zehn Grad. Auch die Flüsse frieren nun zu.

Wir haben den Schnee in Barnaul begrüßt, eine kleiner Stadt (700.000 Einwohner) 300 Kilometer südlich von Novosibirsk. Dort waren es minus 15 grad, also definitiv zu kühl zum Spazieren. Aber zum Glück fahren dort Berliner Doppelstockbusse ("Mitnahme von Hunden auf das Oberdeck verboten" klebt noch an der Treppe) aus denen man sich prima die Stadt anschauen kann.

Die Möglichkeit für solch einen Ausflug gab uns der tag der großen sozialistischen Oktoberrevolution. Diese war am 25. Oktober nach altem russischem Kalender, also am 7. November nach dem modernen europäischen. Der 7. November wiederum war ein Sonntag, in diesem Fall gilt Artikel 112 des russischen Arbeitsrechts: "Bei Zusammenfallen von Wochenende und arbeitsfreien Feiertagen, wird das Wochenende auf den nächsten Arbeitstag nach dem Feiertag verschoben." In diesem Fall war also am Montag Sonntag. den Feiertag kann man natürlich nicht verschieben, der ist schließlich "heilig", wie mir erklärt wurde.

Ganz so heilig übrigens auch nicht, denn die Oktoberrevolution wird schon seit einigen Jahren mit dem Zusatz "Tag der Eintracht und Aussöhnung" begangen. Und ab nächstem Jahr verlegt man den Feiertag auf den 4. November und begeht die Vertreibung der Polen aus Moskau im Jahre 1612 als Tag der "Nationalen Einigkeit".

Anbei noch ein Foto aus dem Fenster unseres Büros. es ist leider nur wenig Schnee zu sehen, da wir in luftiger Höhe arbeiten (240 stufen) und der Wind den Schnee von den Nachbardächern weht.

P.S.: Die "russischen Finger": großer Finger, Zeigefinger, Mittelfinger, namenloser Finger, "Misinjez". Bei uns bekommt der Daumen eine separate Bezeichnung, bei den Russen der Misinjez! warum?

Nachträge (30. November 2004)

Drei kleine Ergänzungen zu meiner letzten Mail:

(1) Schnee: auch in Sibirien spielt das Wetter verrückt. Die letzten drei Wochen hatten wir eher einen deutschen als einen sibirischen Winter. Graue Häuser plus Schneematsch sind wirklich frustrierend. Immerhin gibt es seit heute wieder ordentlich Frost - die Spikes in den Winterreifen der Autos haben wir Sinn!

(2) Russische Feiertage: das russische Parlament hat sich letzte Woche sehr fortschrittlich gezeigt und ein Gesetz über die "Durchführung von Veränderungen im Arbeitsrecht" in erster Lesung bestätigt. Ziel ist die Schaffung einer Grundlage für "familiäre Erholung der Russen zum Neuen Jahr". Zukünftig sind der 1., 2., 3., 4. und 5. Januar gesetzliche Feiertage - unter der Bezeichnung "Neujahrsferien". Kurz darauf ist am 7. Januar noch russische Weihnacht.

In diesem Jahr ist der 1. Januar ein Samstag - Feiertag und Wochenende auf einmal gibt es bekanntlich nicht. Also wird der 1. Januar am 6. nachgeholt und der 2. Januar dementsprechend am 10.! Arbeitsbeginn ist damit – hoch offiziell am 11. Januar!

Am 12. besäuft man sich aber schon wieder, denn dann ist Neujahr nach altem russischem Kalender - ohne Feiertag allerdings. Freinehmen müssen dennoch viele, wegen dem Kater.

Für die großzügige Neuregelung wurden zwei andere Feiertage gestrichen, es gibt nun insgesamt 12 Feiertage.

(3) unser lift wird in 182 tagen übergeben.

Was der Winter so mit sich bringt (7. Dezember 2004)

Es schneit und schneit, Sonntag minus 20 Grad, Montag 0 Grad, Dienstag früh minus 2, vormittags minus 7, mittags minus 13. Aber 40 Zentimeter Neuschnee sind einfach schick.

Auch Weihnachten naht, hier natürlich eher Neujahr. Woran man das merkt? Dass gestern plötzlich eine Frau in der Tür unserer Büros stand, ein gerupftes Federvieh hochhielt und fragte: "Hat nicht zufällig jemand Interesse an dieser Gans?" Bald treibt man noch Kühe durch Gebäude ...

Und unsere Mitarbeiter bereiten eine tolle Weihnachtsfeier vor - nebenbei wird dann erwähnt, dass russische Firmen ja eigentlich solch eine Feier für ihre Mitarbeiter bezahlen. Und ein Weihnachtsgeschenk für jeden. Und Mitarbeiter mit Kindern im Vor- und Grundschulalter bekommen auch noch ein Präsent zum Mitnehmen.

Als ich mich daheim über solche Forderungen wunderte, zeigten meine Mitbewohnerinnen nur Unverständnis: "Na klar - logisch. zu Neujahr und am Geburtstag jedes Mitarbeiters kauft der Chef eigentlich Sekt und Torte."

Dazu passt nur noch ein russischer Witz: Ein neuer Mitarbeiter stellt sich vor, der Chef erläutert: "Montags erholen wir uns vom Wochenende, Dienstag bereiten wir uns aufs Arbeiten vor, mittwochs arbeiten wir, donnerstags stellen wir uns langsam auf das kommende Wochenende ein und Freitag ist de facto schon Wochenende." Darauf der Mitarbeiter: "Wie jetzt, wir arbeiten jeden Mittwoch?"

Apropos nicht arbeiten: wir bekommen am Freitag Besuch und wollten für die Gäste den VIP-Raum im Flughafen buchen. Das ist ein offizieller Service vom Flughafen - wer freundliche Schalterbeamte wünscht soll quasi extra zahlen. Freitag Mittag kann man den Raum aber nicht buchen, heißt es am Flughafen - weil Freitag Abend Kanzler Schröder still und heimlich in Novosibirsk zwischenlandet. Sein Flugzeug muss auf dem Rückweg von China aufgetankt werden, deswegen herrscht den ganzen tag (un)heimlicher Ausnahmezustand.

Altes Neues Jahr (13. Januar 2005)

Nach altem russischem Kalender leben wir noch im Jahr 2004, heute Abend feiert man in Russland also "Altes neues Jahr". Einen Feiertag gibt es dafür nicht extra, aber davon hatten wir ja in der vorletzten Woche genug.

Denn der russische Staat hatte seine Drohung wahr gemacht und am Jahresanfang tatsächlich sechseinhalb staatliche Feiertage platziert. Zusammen mit vier Wochenendtagen machte dies zehneinhalb freie Tage. Fast alle Geschäfte hatten offen, doch wer arbeiten wollte, war ohne Chance: Banken - geschlossen. Versand für Büromaterialien - geschlossen. Zoll - geschlossen. Kurierdienste - mangels Zoll nicht arbeitsfähig. Die Volkswirtschaft ein Drittel des Monats einfach stillzulegen - das kann sich wohl wirklich nur Russland leisten.

Der Clou: selbst die Russen wussten nicht, was sie nun mit der Zeit anfangen sollten. Klar, sie verstehen es zu feiern. auch zehn Tage - nur richtig feiern kostet auch richtig Geld! Und das war scheinbar nach vier Tagen bei vielen Familien alle. In allen Fernsehkanälen liefen Interviews mit frustrierten Russen, die keine Ideen mehr hatten, wie man ohne Geld - also ohne Wodka (?) - noch feiern könne.

Seit Dienstag, 11. Januar, wird wieder gearbeitet. In Nowosibirsk nicht ganz ohne Einschränkungen - denn vorgestern kam Putin zur Visite nach Sibirien. Entlang seiner Fahrstrecke - quasi im ganzen Stadtzentrum - herrschte Parkverbot, angeblich wurden sogar Metrolinien unter seiner Route zeitweise stillgelegt. Natürlich wurde überall noch einmal extra Schnee geschippt und auf dem Weg in die zu besichtigenden Außenbezirke der Stadt wurden die Zäune neu gestrichen - bei Minusgraden!

Aber auch für das einfache Volk wird das Reisen angenehmer gemacht. Gestern bin ich mit einem Vorortzug zu Ksenias Verwandtschaft gefahren - plötzlich ertönt sehr blechern schwere Chormusik und eine eigentlich sanfte, durch die Lautsprecher jedoch kratzige Stimme erklärt uns: "Wenn Sie jetzt aus dem Fenster sehen, sehen Sie die Kreuze für den heiligen ...! Wir wünschen Ihnen eine gesegnete Fahrt, Gott sei mit Ihnen!" Noch mal Musik und aus. Religion ist Opium fürs Volk.

Vaterländische Verteidigung, Fahrstühle, Bürokratie (24. Februar 2005)

I. Feiertage

Gestern war der "Tag der vaterländischen Verteidigung" - wieder einmal ein staatlicher Feiertag. Gleichzusetzen ist er mit dem sächsischen Männertag - nur dass man schon am Vortag mit dem Feiern beginnt. Alle firmen spendieren ihren männlichen Mitarbeitern ein mehr (Rasierer) oder weniger (Schlüsselanhänger) sinnvolles Geschenk, dazu gibt es Wodka und Kuchen. Die Backwaren kaufen im Normalfall die weiblichen Kollegen, den Wodka der Chef.

Ganz froh bin ich, dass der Feiertag in diesem Jahr umbenannt wurde - bislang 2003 hieß er "Tag der sowjetischen (!) Armee und Kriegsflotte". Unter dem neuen Titel konnte nun aber auch ich feiern und musste gestern nicht arbeiten.

Das Pendant wird übrigens in zwei Wochen gefeiert - der "Internationale Frauentag". Dann bezahlen die männlichen Kollegen den Kuchen, der Chef Martini und mehr (Blumen) oder weniger (Schlüsselanhänger) schöne Geschenke.

II. Fahrstühle

Bei uns im Bürogebäude werden russische Wunder wahr! Man erinnere sich, dass im November am zweiten Lift, welcher nie funktioniert, ein Schild hing: "Ihr neuer Lift geht in 210 Tagen in Betrieb". Nun wird wirklich ein neuer Lift eingebaut!

An einem Fahrstuhl in einem anderen Gebäude habe kürzlich ein schönes Schild entdeckt: "Betriebszeiten täglich 8:00 - 17:30, freitags 8:00 - 16:30, Mittagspause 12:00 - 14:00". Ein Lift mit Mittagspause!

Im Übrigen werden Ksenia und ich mittelfristig umziehen, in eine Wohnung im 13. Stock. Angesichts der Zuverlässigkeit russischer Fahrstühle freue ich mich auf mein neues Fitnessprogramm.

III. Bürokratie

Aufgrund meiner arbeit bekomme ich in letzter Zeit vollkommen neue Einblicke in die russische Bürokratie. mein Lieblingsthema sind Lohnzahlungen - ein kleiner Einblick:

- Jeder bekommt natürlich Lohn. Fehlt man (Krankheit, Urlaub, Abwesenheit) wird der Lohn um die entsprechenden Tage gekürzt, gerechnet in ARBEITSTAGEN.
- Wird man krank bekommt man Krankengeld - in Abhängigkeit von den ARBEITSJAHREN 60 bis 100 Prozent des durchschnittlichen Lohns der letzten ZWOELF Monate, gerechnet in ARBEITSTAGEN.
- Nimmt man Urlaub, bekommt man Urlaubsgeld - den durchschnittlichen Lohn der letzten DREI Monate, gerechnet in KALENDERTAGEN.
- Nimmt man seinen Urlaub nicht wahr, kann man ihn sich auszahlen lassen - die Arbeitstage werden in KALENDERTAGE umgerechnet und analog zu Urlaub entlohnt.
- Durchschnittslohne werden nach Lohn und Urlaubsgeld berechnet.
- Steuern werden nach Lohn, Urlaubsgeld und Auszahlungen berechnet.
- Sozialleistungen werden nach Lohn berechnet. Je nach LEBENSJAHREN gibt es andere Prozentsätze. Übersteigt der Lohn des aktuellen JAHRES eine bestimmt Grenze, muss weniger gezahlt werden. Diese gesenkten Prozentsätze kennt jedoch nicht einmal das Finanzamt, da sowieso fast alle Firmen nominal nur den Mindestlohn zahlen (weit ab aller Grenzen), den Rest schwarz. Will man alle Löhne legal zahlen, muss man in Moskau anrufen - in Novosibirsk hat sich noch niemand mit den entsprechenden Regeln beschäftigt.
- Die Regeln sind vielfältig und werden ständig geändert. Mein Favorit ist die "Verordnung 213 der Russischen Föderation - über Besonderheiten der Regeln zur Auszahlung des durchschnittlichen Arbeitslohns". Zehn Seiten, die sich ausschließlich mit dem Durchschnittslohn für Urlaubsgeld beschäftigen, denn wie schon erwähnt, gilt für Krankengeld eine andere Berechnungsmethode.

IV. Biathlon

Hat eigentlich irgendein Sportfanatiker in Deutschland bemerkt, dass in Novosibirsk letzte Woche die Europameisterschaft im Biathlon war?! Ich weise an dieser Stelle ganz dezent darauf hin, dass es vom Ural bis nach Novosibirsk rund 2000 Kilometer sind. Viele Grüße aus Asien!

Ehefähigkeit und andere mysteriöse Dinge (11. Mai 2005)

Nach langer Zeit nun einmal wieder ein Bericht aus Russland. Ich bin also inzwischen verheiratet, dazu noch einige juristische Anmerkungen:

Heiratet ein in Russland lebender und gemeldeter Deutscher eine Russin in Russland, so fordert das russische Standesamt einen Ehefähigkeitszeugnis mit Apostille von deutscher Seite. Beides wird am letzten deutschen Wohnort ausgestellt, das Ehefähigkeitszeugnis im Standesamt, die Apostille anschließend im Regierungspräsidium. Eine Apostille ist ein Stempel, der die Gültigkeit des bereits existierenden Stempels bestätigt.

Norbert Schott und Ksenia NabokaDer Dresdner Standesbeamte, Herr Henker, will für das Ehefähigkeitszeugnis eine Abstammungsurkunde des Deutschen. Diese bekommt man im Standesamt des Geburtsortes, in diesem Fall also auch bei Herrn Henker. Ferner will das Standesamt eine Meldebescheinigung des Deutschen, also einen Stempel aus dem Nowosibirsker Generalkonsulat. Sowie die Geburtsurkunde und den Pass der Russin - übersetzt und beglaubigt. Zuletzt noch einen Ledigkeitsnachweis der Russin - den es in dieser Form aber nicht gibt.

Nach russischem Verständnis gilt eine Person als unverheiratet, wenn im Inlandspass (gleichzusetzen mit dem Personalausweis) kein Vermerk über eine Ehe existiert. Eine Bestätigung des nicht existenten Vermerks kann man in seinen Auslandspass (gleichzusetzen mit dem Reisepass) übertragen, was in Deutschland meist als Ledigkeitsnachweis akzeptiert wird.

Die Bestätigung des Vermerks trägt die Meldestelle des Wohnbezirks in den Auslandspass ein - nach schriftlichem Antrag und Bezahlung von 100 Rubel (drei Euro). Die Kontoverbindung solle in der örtlichen Sparkasse hinterlegt sein, wo man jedoch wiederum auf die Meldestelle verweist. Keiner weiß also, wo man bezahlen muss. Auf nachfrage des deutschen Generalkonsulats erinnern sich die Beamten jedoch plötzlich.

Das Eintragen der handschriftliche Vermerkung im Auslandspass, dass die Bürgerin der russischen Förderation, Ksenia Naboka, in ihrem Pass der russischen Föderation, gültig auf dem Gebiet der russischen Föderation, keinen Vermerk über die Registrierung einer Ehe hat, dauert über vier Wochen. Da in diesem Fall jedoch das Fazit: "Frau Naboka ist ledig." vergessen wurde, ist die die Formulierung für Deutschland Nichts sagend.

Der Standesbeamte Henker ist aber freundlich und stellt auf bitte des deutschen Generalkonsulats und guter Dresdner Freunde dennoch eine Ehefähigkeitsurkunde aus, die im Regierungspräsidium mit einer Apostille bestätigt wird und von guten Novosibirsker Freunden bis nach Sibirien gelangt.

Diese Urkunde mitsamt Apostille muss nun nur noch ins Russische übersetzt werden. Wie schon bei allen vorherigen Übersetzungen macht man das am besten selbst und lässt es sich am Ende für einige hundert Rubel bei einem mysteriösen Juristen abstempeln.

HochzeitsgesellschaftNun kann man im Standesamt die Hochzeit anmelden - vorher sind natürlich wieder 200 Rubel zu zahlen, wobei die Kontoverbindung bekannt ist. Zum Zeitpunkt der Hochzeit sollte der Deutsche natürlich in der Stadt der Trauung eine aktuelle Registrierung haben, ansonsten könnte die Ehe als nicht gültig gewertet werden. (Das heißt, dass man die Hochzeitsnacht am besten im Hotel verbringt, dort ist die Registrierung ganz sicher.)

Nach der Hochzeit bekommt auch ein Deutscher in Russland Wohnrecht, wofür wiederum die Heiratsurkunde, ein polizeiliches Führungszeugnis, vier Gesundheitstests, ein Einkommensnachweis der Gattin sowie eine Unterkunftsbestätigung vorliegen müssen. Ob, wie und wann ich nun mein Wohnrecht bekomme, das ist aber schon wieder eine ganz andere Geschichte.

An dieser Stelle noch einmal vielen herzlichen dank Susanne, Claudia und Julia vom Generalkonsulat, den guten Freunde Anja, Thea, Falk und Robert sowie dem Standesbeamten Henker.

Sommer in Sibirien (29. August 2005)

Der sibirische Sommer neigt sich dem Ende zu, für Russen ist heute der erste Herbsttag. Es wird also langsam kühl.

Eingeleitet wurde der Sommer mit dem Feiertag "Ivan Kupalo“. In ganz Russland spritzen sich an diesem Tag die Kinder gegenseitig nass. In Novosibirsk machen alle mit, auch die erwachsenen Kinder. Man kommt aus der Metro - wusch, von oben ein Eimer Wasser. Man sitzt im Bus, der Bus hält, die Tür geht auf - wusch, zehn Liter durch die offene Tür. Man geht die Straße entlang, sieht einen Wasserfleck, umrundet diesen - reingelegt. Hinter einem laufen zwei Mädels, geradeaus - wusch, Balkon übersehen. Schutz bietet auch der Arbeitsplatz dank des Computers. Geht man drei Meter davon weg - wusch, drei Mitarbeiter mit Wasserflaschen warten.

Unser Sommerurlaub ging von Deutschland aus in die Ukraine. Das Land steckt im Wandel, der aber am Geldmangel zu ersticken droht. Die Korruption ist zu spüren, die Straßenbahnschaffnerin gibt einen ein Viertel des Fahrpreises wieder, wenn man sein Ticket auf dem Sitz vergisst. Und der Zugschaffner lässt 150 statt 81 Leute in den Wagen - für 2 Euro pro Gast. (Wer tatsächlich schlafen will, muss auf das Gepäckbrett umziehen.) Amüsant waren die Grenzer, die Grimmigkeit von vor zwei Jahren ist einem niedlichen Spieltrieb gewichen. Polen, Ukrainer und Russen - alle erfreuten sich am neuen russischen Visum mit Hologramm.

Mangels Urlaubstagen beschränkte sich der Sommer ansonsten auf Wochenendausflüge:
- Salzwassersee "Tschany“ (400 Kilometer westlich) - Ausgangspunkt der Hühnergrippe. Wildenten gab es keine, sind wohl grippiert.
- Abakan (950 Kilometer südöstlich) - Hauptstadt der Republik Chakasien. Endlose weiten, noch mehr salzige Salzwasserseen und die Möglichkeit 110 auf Straßen ohne Asphaltdecke zu fahren. Die Federung des Mietwagens war sowieso im Eimer.
- Taiga (450 Kilometer südöstlich) - Heimat aller sibirischen Mücken und Stechfliegen. Nun weiß ich, dass ein Fuß nach 25 Stichen leicht anschwillt und nach 35 Stichen einem Kosmonautenschuh ähnelt.
- Altai (700 Kilometer südlich) - inklusive Ausflug im russischen Militärlaster GAZ 66. Als Kind fand ich die Soldaten auf den Pritschen der grünen Sowjetlaster immer lustig. Nach zwei stunden über Stock und Stein, durch Bergflüsse und Pfützen (in die ein ganzer Landrover passen würde) bedaure ich Soldaten, die so bis in die weite DDR fahren mussten. So ein LKW verbraucht übrigens 60 Liter auf 100 Kilometer.
- Omsk (700 Kilometer westlich) - mit Besuch im Ferienlager der deutschen GTZ. Ein echtes Pionierferienlager! Mit Morgenappell sowie Marsch in singenden Zweierreihen zum Speiseraum.

Den ganzen Sommer über habe ich versucht, das mir zustehende russisches Wohnrecht zu bekommen. Im Moment muss ich aber erst einmal zum Aidstest, zum Dermatologen, zur Drogenüberprüfung und zum Allgemeinarzt. Ferner brauche ich eine Übersetzung meines Führungszeugnisses sowie des Mietvertrages - beides notariell beglaubigt. Mietverträge werden aber nirgends beglaubigt und auch mein Führungszeugnis akzeptiert kein Notar, mangels Stempel. Fälschungssicheres Papier? Nie gehört!

Aber die Deutschen sind auch nicht besser. Obwohl ich und Ksenia verheiratet sind, konnte sich das Generalkonsulat nicht zu einem einfachen Visum auf Basis der russischen Hochzeit durchringen. Ich muss Ksenia weiter einladen, damit ich nicht nur nach Familienrecht sondern auch nach Ausländerrecht für sie hafte.

Sehr positiv: Den ganzen Sommer funktionierten alle mit bekannten sibirischen Fahrstühle!

Ein neues russischen Lieblingswort habe ich auch: "Bakenbart", wobei das russische Wörterbuch sowohl für "Backe" als auch für "Bart" andere Vokabeln kennt.

Selbstbedienungsfähre (12. Oktober 2005)

SelbstbedienungsfaehreIch habe hier eine Selbstbedienungsfähre entdeckt. Diese verbindet in irgendwo in den tiefen Sibiriens eine Datschensiedlung mit der nächsten Stadt. Der alte Stahlkahn hängt an einem Tross - damit man nichts falschen machen kann - und muss über den Fluss gestakst werden. Hauptproblem sind dabei die Steine, über die man langschrammt und an denen sich der Kahn verkanten kann.

Es gibt am Wochenende - außer während der Mittagsessenszeit - eine diensthabende Familie. Ist der Papa besoffen, muss die Mama ran, hat selbige gerade zu tun, dann steht eben der Sohn an der Fähre. Seine Aufgabe ist es, die leere Fähre zu den Wartenden zu bringen. Auf dem Rückweg müssen das die Fahrgäste natürlich selber machen.

Ist gerade (a) Mittagsessenszeit, (b) Wochentag oder (c) auch der Sohn besoffen, dann muss man (a) warten oder (b) selbst durch das Wasser waten und die Fähre für alle Wartenden holen. Wie schon erwähnt: der Kahn schleift auf dem Grund, sehr tief ist der Bach also eh nicht ...

Winter I (8. Dezember 2005)

Es ist wieder kalt. Nach einem etwas durchwachsenen Herbst, ist es nun wieder sibirisch frisch. Heute sind es minus 17 Grad, inzwischen liegt auch ein halber Meter Schnee.

Pünktlich zu Winterbeginn waren wir auf der Datscha von Ksenias Eltern - wo man direkt nach der Banja (russische Sauna) in den Schnee springen kann. Im Moment kommt man nur zu Fuß zur Datscha, weil auf der Strecke ein (für deutsche Maßstäbe) breiter Fluss liegt. Im Sommer fährt eine Fähre, ab Januar trägt das Eis auch Autos. Aber im Moment kann man nur zu Fuß drüber, da es noch ein paar dünne Stellen gibt.

Vom Advent merkt man hier natürlich nichts, die Russen feiern ja erst in der ersten Januarwoche. Dafür gibt der russische Staat zehn freie tage - gesetzliche Feiertage!

Winter II (12. Januar 2006)

Eiskiosk Heute haben wir in Novosibirsk minus 32 Grad, nachts unter 40. Bis nächste Woche soll es so bleiben. Nur am Montag wird es kurz warm - Schneewolken bescheren milde minus 9 Grad.

Die Eisstände tricksen natürlich ein wenig und zeigen auf ihren Thermometern nur minus 29 Grad an. Vielleicht hängt der Sensor auch nur zu nahe an der Gefriertruhe. Eis wird jedenfalls gekauft. (Für die Zweifler, auf Schild auf dem Foto steht: OTKPbITO = otkryto = geöffnet).

Man mummelt sich also ordentlich ein. Nun bekommen die dicken Pelzmäntel, die sich russische Frauen gern von ihren Gatten auf dem Markt mit Rubeln jagen lassen, auch einen gewissen Sinn. Ich bevorzuge aber weiter Kunststoffe, wobei sich mein Körpervolumen mitsamt Jacke etwa verdoppelt.

Wer nicht aufpasst, dem friert das Gesicht ein. Das ist unangenehm, weil dann einen Tag lang das Gesicht deformiert und schlaff aussieht - als hätte man drei Nächte nicht geschlafen. Dabei war man nur mal schnell Milch holen. Und wer noch nicht genug vom Kalt hat, der geht in die Banja (russische Sauna), um danach in ein Eisloch zu springen. Klingt grauslicher als es ist. Ich habe es immerhin eine halbe Minute komplett unter Wasser ausgehalten. (Wer es jetzt physikalisch analysiert, wird feststellen, dass es im Wasser wärmer als an der Luft ist.)

Und wehe hier schimpft noch einer, dass es in Deutschland kalt wäre!

Es weht ein frischer Wind (25. Januar 2006)

So langsam wird es auch in Sibirien frisch, heute haben wir minus 38 Grad. Einige Kollegen haben an ihrem Fenster auch Thermometer mit minus 41 entdeckt - je nach Stadtbezirk. Radeln wird nun doch immer schwieriger. Zwar gucken aus der Jacke sowieso nur Augen und Nase raus, aber zum einen gefriert die Atemluft an den Wimpern, zum anderen wurde es gestern bei minus 34 Grad an der Nase erheblich kalt. Ich brauche also eine Skimaske, bevor ich wieder radeln kann.

Aber nicht nur mir ist frisch, vor allem friert das Fahrrad. Der Rahmen kann brechen. Und das Öl friert ein. Ab minus 15 geht es los, dass der Freilauf nicht richtig funktioniert. Ab minus 30 riskiert man, dass die Pedale komplett durchdrehen. Deswegen muss ich das Rad stets mit ins Büro nehmen. Morgens und abends, nach verlassen des Hauses, habe ich also etwa zehn Minuten Zeit, bis das Öl gefriert.

Kaelte in Novosibirsk Die Aktion, sein Fahrrad mit ins Büro zu nehmen, hat einige Nachteile. Zum einen bekommen alle Kollegen mit, dass ich bei dem Wetter noch radle - vom vielen Kopfschütteln könnte ihnen schlecht werden. Zum anderen arbeiten wir ab neun - wie so ziemlich alle im Haus. Also ist der Lift überfüllt und ich muss das Rad elf Etagen tragen. Ich ziehe es daher im Moment vor, täglich 15 Minuten zu spät zu kommen, wenn der Lift wieder leerer ist.

Über all die anderen Effekte des sibirischen Winters habe ich vorgestern einen Zeitungsartikel geschrieben:

Sibirien lässt der Frost kalt

"30 oder 40 Grad - minus natürlich - kommen doch jeden Winter vor", relativiert Alisa Melzer, Möbeldesignerin aus Nowosibirsk, das Medienecho über die Kältewelle in Russland. Während die Moskauer frieren, bleiben die Sibirier ganz gelassen: "Ab minus 50 Grad ist es wirklich kalt", meint Alisa Melzer.

Das Leben in der Metropole Nowosibirsk läuft dieser Tage ganz normal weiter, obwohl das Quecksilber seit Tagen nicht über 25 Grad steigt. Doch die 1,5 Millionen Einwohner haben sich seit Jahrzehnten mit solchen Temperaturen arrangiert.

Um die Wohnung warm zu halten, werden pünktlich im Herbst alle Fenster mit Watte abgedichtet, anschließend mit Papier und Seifenwasser verklebt. Offen bleibt nur ein kleines Oberfenster - zum Regulieren der Zimmertemperatur. Denn Heizungsventile gibt es nicht. Reicht die Wärme vom zentralen Heizkraftwerk der Stadt nicht aus, holen die Sibirier ihre elektrischen Heizgeräte aus dem Schrank. Und wenn auch das nicht ausreichen sollte, greifen Einige auf die wärmenden Kochplatten ihres Gasherdes zurück.

Freude bereitet das Wetter den Taxifahrern, die bei der Kälte besonders viel Kundschaft haben. Ruslan Zurawlew beispielsweise fährt in seinem Lada fast rund um die Uhr: Und wenn er schläft, "schaltet sich der Motor alle zwei Stunden automatisch an und heizt den Wagen kurz durch", erläutert er. So wird verhindert, dass die Schmierstoffe, die Schläuche sowie die Batterie einfrieren. Andere Autofahrer stellen ihr Auto auf bewachte Parkplätze. Überall bieten die Wächter für rund umgerechnet zwei Euro pro Nacht an, das Auto in regelmäßigen Abständen zu starten.

Wegen des Frostes ist in Sibirien Diesel sehr unpopulär, der Treibstoff wird zäh. Selbst Kleinlaster fahren mit Benzin oder Gas. Dieselfahrzeuge müssten stillgelegt werden oder ununterbrochen durchlaufen.

Dem Eis auf den Straßen entgegnen die Autofahrer spezielle Reifen. Was in Deutschland streng verboten ist, gehört in Russland zur Standardausrüstung - Spikes. Kleine Metallstückchen im Gummi garantieren auch auf vereisten Straßen Halt. Selbst für Fahrradfahrer gibt es solche Bereifung - allerdings bei geringer Nachfrage, wie die Verkäufer im Sportgeschäft "Test Center" berichten. Und sie erzählen auch warum: "Für den Preis dieser Fahrradmäntel bekommt man doch ein prima Snowboard!"

Skisport ist dementsprechend populär. Alle Parks sind von Langlaufloipen durchzogen. Und es gibt sogar zwei Abfahrtshänge im Stadtgebiet. Hier bringt der Frost jedoch eine Einschränkung mit sich: "Ab 25 Grad bleiben die Lifte abgeschaltet", erläutert der technische Leiter Alexandr Krajew am Telefon. Das "minus" lässt er weg, über Plusgrade redet man im sibirischen Winter nicht.

Ein anderes sehr beliebtes sibirisches Hobby kommt aber trotz des Frostes nicht zum Erliegen: das Eisangeln. Wie auf allen russischen Seen und Flüssen sitzen auch auf dem Ob in Nowosibirsk einige Hartgesottene. Morgens bohren sie ein Loch in das dicke Eis und dann warten sie bis kurz vor der Dämmerung auf Fische, die anbeißen. Der Fang wird später auf dem Markt verkauft - natürlich unter freiem Himmel. Frostanfällige Dinge wie Käse, Obst und Blumen finden hingegen im Gebäude ihre Käufer.

Während im Westen Russlands schon ab minus 25 Grad alle Schüler Kältefrei bekommen, müssen sibirische Kinder bis minus 30 Grad zur Schule gehen. Doch nicht alle nehmen dies in Anspruch. Tatjana Sorina, Ingenieurin in Nowosibirsk, erzählt: "Am Samstag habe ich meine Tochter in die Schule gebracht, und es waren immerhin sieben Klassenkameraden da." An Werktagen kommen aber meist alle Schüler, da die Eltern arbeiten gehen müssen und die Kinder nicht alleine zu Hause sitzen sollen.

Da alle Schulen, Fabriken und Geschäfte arbeiten, ist auch auf den Fußwegen nicht weniger los als sonst üblich. Nur dicker sind die Menschen, dank der dicken Stiefel, doppelten Hosen und flauschigen Wintermäntel. Ein russisches Sprichwort besagt: "Ein Sibirier ist kein Mensch der nicht friert - ein Sibirier ist ein Mensch, der sich warm anzieht."

Und wenn es doch einmal etwas frisch wird, legt man sich später zu Hause hin, deckt sich ordentlich zu, trinkt warmen Tee und löffelt dazu selbst gemachte Himbeermarmelade - ein russische Geheimrezept gegen Erkältungen. Und wartet auf den Sommer, der dank Kontinentalklima schon im Mai bis zu 30 Grad bringen kann - plus, versteht sich.

Winterende in Sibirien, Sonnenfinsternis (30. März 2006)

Sonnenfinsternis in Novosibirsk Um die gestrige Sonnenfinsternis zu sehen, musste man nicht zwingend in die Türkei fliegen. Man konnte sie auch in Sibirien betrachten. In Novosibirsk war die sonne zu 92 Prozent bedeckt, im Altai (500 Kilometer südlich) vollständig. Anbei ein paar Fotos aus Novosibirsk. Da es mit meinem einfachen Apparat unmöglich war, direkt in die sonne zu fotografieren, sind natürlich nur ein paar Zufallsaufnahmen gelungen.

Was gibt es sonst neues in Sibirien?

Hier zieht nun auch der Frühling ein, nachdem wir von Mitte November bis Anfang März durchgängig Minusgrade hatten. Der Winter war bekanntlich richtig sibirisch - das Quecksilber sank bis auf minus 42 Grad. Der Schnee blieb also vier Monate liegen, immer wenn er von den Autoabgasen langsam grau wurde, schneite es eine neue Schicht Weiß. Leider ist nun Tauwetter, das Weiß taut weg, aber das grau addiert sich zu einer edlen schwarzen Schicht - die Folgen des intensiven Wirtschaftswachstums werden direkt sichtbar. Die zunehmende Motorisierung mit japanischen Gebrauchtwagen - ohne Kat - macht das Tauwetter zur dreckigsten Zeit des Jahres. Erst in drei Wochen, wenn das Grün sprießt, ist Besserung in Sicht.

Bis dahin flüchten wir also allwöchentlich aus der Stadt, besonders gern gen Süden, wo in den Ausläufern des Altais noch genug weißer Schnee zum Skifahren liegt. Dort kann man dann zu lustiger Musik die Hänge hinuntersausen: sibirisch-ski.avi (1,5 MB). Oder nachts bei der Disco eigenartigen Leuten zuschauen, wie sie sich mit Schnee bewerfen: sibirisch-disco.avi (1,3 MB).

Auch zu anderen Anlässen sieht man Russen, die eigenartige Dinge machen. Am 19.1. (nach altem julianischen Kalender 6.1.) feiert man hier Epiphanias. Im deutschen Sprachraum wird Epiphanias als Heilige Drei Könige gefeiert, hier feiert man die Taufe Jesu (auf Russisch Kreschtschenije). Jesu wurde im Jordan gebadet, also müssen auch gläubige Russen in irgendeinen halbwegs heiligen Fluss springen. In Novosibirsk gibt es rund zehn Kirchen, jedoch schätzen neun davon den Ob als unrein ein - womit sie sicher richtig liegen. Nur eine Kirche am Stausee südlich der Stadt sieht das anders. Nach dem Gottesdienst zieht eine große Ansammlung von Babuschkas zum See. Einige neureiche, die ihre Seele reinwaschen wollen, kommen in ihren großen Geländewagen angefahren. In das Eis des Sees ist schon ein Loch gehackt und daneben eine mobile Umkleidekabine aufgestellt. Das Eisloch wird geweiht, und dann springt ein Väterchen der Kirchegemeinde rein - vorher Kreuzigen nicht vergessen. Es folgen die Neureichen und die Babuschkas. Drum herum stehen etwa 250 Leute und singen (Babuschkas) oder schütteln den Kopf (Journalisten und ich). Mit der Zeit sinkt das Eis rund um die Badestelle etwa 10 Zentimeter ab, denn 250 Leute wiegen rund 20 Tonnen. Alle bekommen nasse Füße und bestätigen dennoch, dass das Eis noch nie eingebrochen ist.

Ich selbst habe das baden im Eisloch nur direkt nach der Sauna ausprobiert. Im Grunde fand ich die Vorstellung schlimmer, als es an sich ist. Im Schnee wälzen ist jedenfalls unangenehmer - logisch, denn Schnee ist kälter, als Wasser. Außerdem tropft Wasser schnell ab, Schnee jedoch nicht.

Sonnenfinsternis in Novosibirsk Nun kommt aber, wie schon gesagt, der Frühling. die Russen züchten schon die Tomaten auf dem Fensterbrett - in wenigen Wochen beginnt die Datschensaison. Vorher wird noch aufgeräumt, denn die Maifeiertage nahen ebenso.

Casino (4. April 2006)

Am Samstag war ich erstmals in einem Casino. Dafür muss man also auch nicht mehr nach Amerika fliegen, sondern kann auf dem Leninplatz (!) in Novosibirsk neben dem Supermarkt "Zebra" (!) einfach in die sibirische Unterwelt absteigen. Jeder Gast wird von Türstehern doppelt geprüft, ob er der Lokalität würdig ist. Eintritt, Essen, Zigaretten und alle Getränke, auch Wodka, sind frei. Wer probiert, nur zu essen und zu trinken - haben wir natürlich gleich getestet - wird freundlich darauf hingewiesen, dass "hier im allgemeinen gespielt wird.“ Netterweise gibt es für neugierige Deutsche und spielsüchtige Russen Tische mit einem Mindesteinsatz von nur 30 Cent. dennoch liegen pro Kugel 30 bis 50 Euro auf dem Tisch. An anderen Tischen wird ab 3 Euro gespielt. Alle anwesenden, ob nun Angestellte oder Gäste, schauen apathisch in den dunklen Raum - und bewerfen sich mit kryptischen Zahlen, die im Allgemeinen die Gewinnsummen betreffen. Angesprochen wurden wir nur von einem schmierigen Typen, mit fettigen Haaren. Warum wir denn nichts riskieren, wollte er wissen. Er selbst warf mit den Chips nur so um sich, scheinbar um die Gäste anzuspornen, seinen Umsatz zu erhöhen. Denn angesichts seiner gelegentlichen hektischen Telefonate würde ich ihn als den Chef des Ladens einschätzen.

Nachdem wir unsere Getränke mittels erfolgloser Spieltaktik bezahlt hatten, haben wir das Lokal verlassen. Ein bisschen schäme ich mich ja, dass mich der steinerne Lenin beim rausgehen sehen konnte. ;-)

Ostern (25. April 2006)

Es kam mehrfach die Frage, wie und wann in Russland Ostern gefeiert wird.

Zuerst die (für mich schlechte) Nachricht: es gibt keine arbeitsfreien Tage! Alle arbeiten ganz normal. Es gibt auch keine Ostereiersuche und keine Schokoladenhasen (wiederum tragisch für mich).

Ostern merkt man eigentlich daran, dass vier Tage lang im Supermarkt eigenartige Osterbrote herumstehen - das Gebäck schmeckt wie ein vertrockneter Rührkuchen mit Zuckerguss. Ferner gibt es für Ostereier eine art Abziehbildchen. Diese sind in Schlauchform - Ei in den Schlauch legen, mit kochendem Wasser übergießen und der Schlauch legt sich perfekt an das Ei an. fertig.

Gläubige Russen gehen in der Nacht von Sonnabend zu Sonntag zur Messe, die die ganze Nacht hindurch läuft. Von meinen Freunden war aber nur ein Einziger dort, und er auch nur aus purem Interesse.

Nur wenige Russen halten sich an die Fastenzeit vor Ostern. Relativ verbreitet ist es jedoch, zwischen Kreuzigung und Wiederauferstehung aus Erfurcht vor Jesus keinen Alkohol zu trinken. (Zwei Tage ohne Alkohol schaffen auch die Russen.) Die Fastenzeit wird übrigens vom Masljeniza-Fest eingeleitet, während dem man noch einmal richtig fett isst - vorzugsweise Bliny (die russischen Crepes). Ferner wird der Winter in Form einer Vogelscheuche verbrannt.

Etwas eigenartig ist die Festlegung des Ostersonntags. Wie auch bei den westlichen Kirchen, ist Ostern am Wochenende nach dem ersten Vollmond im astronomischen Frühling (nach dem 21. März).

Die russische Kirche folgt jedoch dem alten julianischen Kalender, der hier und da ein paar Schaltjahre vergessen hat. Derzeit sind es 13 Tage Unterschied zum gregorianischen Kalender. So kommt es vor, dass Ostern eine Mondphase später ist.

Dieses Jahr fielen beide Osterfeste in dieselbe Mondphase, dennoch wurde mit einer Woche Unterschied gefeiert. Denn die russische Kirche orientiert sich auch nicht am richtigen Mond sondern am metonischen Zyklus - berechnet im Jahre 432 vor unserer Zeitrechnung! Dieser hatte aber ebenso einen kleinen Fehler, der sich inzwischen zu einigen Tagen addiert hat.

Somit wird das orthodoxe Osterfest doppelt falsch berechnet. Vielleicht kann mir ein Theologe erklären, warum der Gott gegebene Mond und die Gott gegebene Sonne für die orthodoxen Christen weniger zählen, als von Menschenhand erdachte Kalender aus Zeiten vor Christi Geburt?!

Wohnrecht (17. Mai 2006)

Veteranen in Jekaterinburg Seit Freitag habe ich ganz formell die "Genehmigung zum vorläufigen Aufenthalt" in Russland, quasi ein Wohnrecht auf Probe. Obwohl ein Aufenthaltsrecht für den Ehepartner einer Russin eigentlich selbstverständlich sein sollte, vergingen seit meinem Ja-Wort 384 Tage! 384 Tage ... eine sehr lange Geschichte:

Das vorläufige Aufenthaltsrecht beantragt man im Einwohnermeldeamt. In meinem Fall war die staatliche Inspektorin Alla Wasiljewna im Stadtbezirk Perwomajski Rajon ("Erster-Mai-Bezirk") zuständig. In den ersten Wochen nach unserer Hochzeit war Alla Wasiljewna leider im Urlaub und ihre Kollegin wusste nicht, welche Unterlagen ich organisieren muss. Erst im Sommer erfuhr ich, was ich benötige:

(1) Ein Führungszeugnis aus Deutschland mit beglaubigter amtlicher russischer Übersetzung. Dieses kann ich hier im Generalkonsulat bestellen. Nach sechs Wochen bekommt man einen grünen Zettel demzufolge man ein braver Deutscher ist. Leider wird der Zettel maschinell auf kopiergeschütztem Papier erstellt - ohne Stempel und Unterschrift. Die Übersetzung eines Blattes ohne Stempel und Unterschrift kann aber von einem russischen Notar nicht beglaubigt werden. Die Übersetzung des deutschen Generalkonsulats ist wiederum nicht gültig. Immerhin war ein Notar bereit, die Übersetzung einer amtlichen Kopie des Originals - bestätigt mit einem Stempel (!) des Generalkonsulats - zu beglaubigen.

(2) Vier Passfotos im Format drei mal vier Zentimeter nach den Standards für russische Pässe, also schwarz-weiß mit ausgebleichten rändern und weißem Hintergrund.

(3) Einen Drogentest. nach Zahlung von 101 Rubel (3,06 Euro) und einigem warten wurde ich vom Arzt konsultiert:
"Haben sie schon einmal Drogen genommen?"
"Nein."
"Nie im Leben?"
"Nein."
"Zeigen sie bitte ihre Armkehlen.“
Nach erfolgloser Suche nach Nadeleinstichen: "Auch nichts geraucht, keine Tabletten?"
"Nein."
"Kein Marihuana oder andere Drogen?"
"Nein, nur legale Drogen wie Wodka!"
Mit abwertendem Blick: "Strecken sie die Arme vor, schließen sie die Augen und führen sie den Zeigefinger auf die Nasenspitze.“
Dazu war ich in der Lage, also bekam ich einen Zettel, der an der Kasse wiederum in den nötigen Bescheid umgetauscht wurde.

(4) Einen Aidstest. Nun hatte ich einen Einstich im Arm. Die Bestätigung, dass ich kein Aids habe, wurde zu meinem Erstaunen auch in englischer Sprache ausgestellt - das erste englische Formular, welches ich in Russland gesehen habe. (Warum ich als Verheirateter einen Aidstest brauche, der Tourist in Moskaus Stripbars aber nicht, verstehe ich dennoch nicht.)

(5) Einen Tuberkulosetest aus einem Krankenhaus irgendwo im Wald, 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Zuerst lässt man sich röntgen, dann schreibt der Röntgenarzt der Lungenärztin einen Bescheid, damit die Lungenärztin dann wiederum ihre Meinung zu Papier bringen kann. Leider war der Röntgenarzt krank und seine Vertretung kam nur zweimal die Woche im Wald vorbei. Nur dank dem vollen Einsatz meines Akzentes konnte ich die Krankenschwester überzeugen, mir den Röntgenbescheid sofort zu geben ("Wenn wir aber feststellen, dass Sie doch krank sind, rufen wir Sie an und Sie müssen den Bescheid vernichten“). Die Lungenärztin wiederum schaute galant weg, dass der Stempel des Röntgenarztes fehlte, und wunderte sich eher darüber, dass ich das Röntgen noch vor dem Stromausfall geschafft hatte.

Kinder in Jekaterinburg am 9. Mai (6) Einen Bescheid vom Hautarzt. Warten, ausziehen, anschauen lassen, Blut abnehmen - "gesund“, meinte die Amtsärztin des Regierungsbezirks Nowosibirsk. Was sie sagt, interessiert aber nicht im Ersten-Mai-Bezirk! Insofern schickte mich Alla Wasiljewna nochmals ins Krankenhaus im Wald, zum Amtsarzt des Stadtteils. Ich hatte aber keine Lust auf nochmaliges Warten, Ausziehen, anschauen Lassen und Blut Abgeben. Für 150 Rubel ohne Quittung ging die Umwandlung des falschen Bescheids in einen richtigen ohne neue Untersuchung.

(7) Ein vierseitiges Antragsformular. In zweifacher Ausführung.

(8) Einen handgeschriebenen Antrag.

(9) Ein Einkommensnachweis. Ksenia muss theoretisch nachweisen, dass sie unser leben finanzieren kann. Viele Arbeitgeber zahlen genau den festgelegten Mindestlohn - in etwa die offiziellen minimalen Lebenshaltungskosten -, der Rest fließt an der Steuer vorbei. Auch bei Ksenias altem Arbeitgeber war es so. Zum Glück arbeite ich in Russland legal mit einer Greencard, insofern konnten wir mein Einkommen angeben. Natürlich nicht ohne Kopien meiner Greencard und der Berechtigung meines Arbeitgebers, Ausländer zu beschäftigen.

(10) Einen Wohnnachweis. Um meinen offiziellen Wohnsitz - bei Ksenias Oma im kriminellsten aller Novosibirsker Stadtbezirke, dem oben erwähnten Perwomajski Rajon - zu bestätigen, forderte alla Wasiljewna einen notariell beglaubigten Mietvertrag, eine notariell beglaubigte Einverständniserklärung der Oma zur Registrierung, einen Antrag der Oma, die Unterschrift des Direktors der kommunalen Hausverwaltung im Stadtviertel auf dem Formular N1, eine Kopie der Besitzurkunde für die Wohnung und eine Kopie des Passes der Oma. Der lokale Notar meinte beim ersten Besuch mit der Oma, dass es keine notariell beglaubigten Mietverträge gäbe. Alla Wasiljewna verzichtete darauf, da man mit der Oma seiner Frau sowieso keinen Mietvertrag braucht. Beim zweiten Besuch stellte mir der Notar immerhin die Einverständniserklärung auf drei Jahre aus. Alla Wasiljewna wollte sie aber nur für ein Jahr, also fuhren wir mit der Oma noch mal zum Notar.

Meine besuche der kommunalen Hausverwaltung im Stadtviertel habe ich nicht gezählt. Auch hier hatte ich das Formular N1 für drei Jahre und musste es umschreiben lassen - in dem Moment hatte aber der Direktor gekündigt. Nachdem es eine Nachfolgerin gab, hatte sie noch keine Schulung für das Formular N1 bekommen. Später war sie immer unterwegs. Offiziell sollte natürlich immer die Oma mit, welche ich aber kurzerhand als bettlägerig dargestellt habe.

(11) Einen Einzahlungsbescheid über 400 Rubel. Solche Einzahlungen kann man nur in der Sparkasse im entsprechenden Stadtviertel machen, wo auch meist (!) die entsprechenden Kontoverbindungen ausgehängt sind. Neben dem Empfänger ("UFK MF RF po NSO (GUWD NSO)" – "Amt der Föderalen Staatskasse des Finanzministeriums der Russischen Föderation im Novosibirsker Regierungsbezirk (Hauptamt für innere Angelegenheiten)") sind die Steuernummer (10 Ziffern), die steuerklassifikationsnummer (9 Ziffern), die territoriale Klassifizierungsnummer (11 Ziffern), die Empfängerbank ("GRKZ GU banka rossii po novosibirskoi oblasti g. novosibirska“ – "Hauptabrechnungs- und Kassierungszentrum des Staatlichen Amts der Bank Russlands im Novosibirsker Regierungsbezirk, Stadt Novosibirsk"), die Bankleitzahl (9 Ziffern), der Überweisungszweck (auf 3 Zentimeter: "Staatliche Gebühr für die Ausstellung einer vorübergehenden Aufenthaltsgenehmigung für ausländische Staatsbürger oder Staatenlose“), die Kontonummer (20 Ziffern) und die Budgetklassifizierungsnummer (20 Ziffern) anzugeben. Alles ist doppelt per Hand einzutragen, die Schalterdame tippt später alles wieder ab. Die Ausfüllbeispiele, die meist (!) aushängen, sehen natürlich anders aus, als die ausliegenden Überweisungsbelege.

Im September hatte der Stapel Dokumente die erforderliche Mindesthöhe von einem knappen Zentimeter erreicht und Alla Wasiljewna war bereit, ihn vorläufig zu prüfen. Dies dauerte zwei Wochen - in dieser zeit kommen auch russische Einwanderungsbehörden gern Zahnbürsten überprüfen. (Da hat man schnell von Deutschland gelernt.) Nach zwei Wochen war der Blätterstapel um zwei Bestätigungen von Alla Wasiljewna angewachsen und ich musste ihn persönlich in die zentrale Einwohnermeldestelle des Regierungsbezirks bringen. Dort teilte man mir mit, dass ich nun noch ein halbes Jahr geprüft werde.

Im März rief Alla Wasiljewna Ksenia an - eine Seltenheit für russische Ämter. Eigentlich warten sie, bis man selbst nachfragt. Wir sollten schnell vorbeikommen und etwas erledigen. Im amt gab uns Alla Wasiljewna ein Blatt Papier, wir sollten es zur benachbarten Polizeistation gehen und es schnell ausgefüllt wiederbringen: Der Polizeikommissar war telefonisch bereits informiert, dass er bestätigen sollte, mich überprüft zu haben: "Wohnsituation überprüft, Nachbarn und Hausältesten befragt, keine Beschwerden!" Da mir diese Überprüfung sehr gefiel, versüßte ich meinen Antrag bei Alla Wasiljewna mit einer besonders leckeren Tafel Schokolade.

In den letzten Wochen musste ich mit der Oma noch einmal ein neues Formular N1 holen, jetzt wieder für drei Jahre. Und wir mussten gemeinsam zu Alla Wasiljewna fahren, deren einzige Worte zur Oma: "Setzen sie sich doch hin!" waren. Auch die Bestätigungen vom Arbeitgeber waren inzwischen unaktuell und bedurften einer Erneuerung. Ferner sollte ich noch einmal 600 Rubel auf die ominösen Konten in der Sparkasse einzahlen.

Zu guter letzt wurden noch meine Fingerabdrücke genommen: alle Finger einzeln, alle Finger zusammen, die Handflächen, die Daumen und noch zwei Kontrollabdrücke vom Zeigefinger. Und weil das Blatt wegkommen kann natürlich alles in zweifacher Ausführung! Und schon bekam ich mein vorläufiges Aufenthaltsrecht.

Fazit: Selbst die Ärzte im Wald wissen nun, warum ein Deutscher in Sibirien lebt. Ich kenne alle Übersetzungsbüros der Stadt. Und mit Alla Wasiljewna verstehe ich mich inzwischen richtig gut. Wir sind ein eingespieltes Team: Wenn ihr Telefon klingelt und sie nickt, muss ich an die Wand klopfen, damit die Beamtin im Nachbarzimmer weiß, dass der Anruf für sie ist. Nur die anderen Kunden schauen ein wenig doof.

Anbei noch zwei Fotos aus Jekaterinburg, von der Panzerausstellung zum Tag des Sieges.

Alkohol (8. Dezember 2006)

Ein spannender Sommer und ein spannender Herbst sind in Russland vergangen. Ich habe eine neue Arbeitsstelle. Und wir sind umgezogen - wohnen nun in unserer eigenen Wohnung. Im 13. Stock, leider gibt es aber keine neuen Fahrstuhlgeschichten. Denn der Fahrstuhl geht noch nicht. Ein andermal mehr dazu ...

Während im Ausland seit Wochen das Verschwinden diverser Persönlichkeiten das Bild Russlands bestimmte, war für die Russen der Alkoholmangel das Hauptproblem. Dazu hatte ich im Sommer einen Artikel geschrieben, den ich Euch (leicht aktualisiert) nicht vorenthalten möchte:

Russland ist trockengelegt

Ausländischer Wein verboten oder zeitweise eingezogen / politischer Hintergrund vermutet

Russische Genießer hatten es dieses Jahr schwer. Edles Mineralwasser aus Georgen wurde verboten, die beliebten süßen Rotweine aus Moldawien und Georgien dürfen nicht mehr importiert werden und alle anderen ausländischen Alkoholika - ob französischer Cognac oder südafrikanischer Wein - wurden von den Moskauer Steuerbehörden zur Überprüfung eingezogen.

Alles begann am 27. März. Nach einer Anzeige des Moskauer Amtsarztes Gennadi Onischtschenko wurde die Einfuhr von Wein aus Moldawien und Georgien untersagt - angeblich wegen Verseuchung mit Pestiziden. Die Moldawier und Georgier reagierten erwartungsgemäß empört. Roman Gasarijan, Verkäufer in einem Weingeschäft im georgischen Tiflis, argumentiert: "Die Russen fälschen zum Teil den georgischen Wein samt Etiketten und werfen uns nun mangelnde Qualität vor. Unsere Weine sind gut und die Welt weiß das. Aber letztlich ist es ein politisches Problem."

Diese Meinung ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Im Gegensatz zu vielen anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, stehen die georgische und die moldawische Regierung Russland kritisch gegenüber. In beiden Ländern gibt es abtrünnige Republiken. Transnistrien in Moldawien wird von Moskau gefördert, Südossetien und Abchasien in Georgien suchen gar den Anschluss an die russische Föderation.
Nachdem Russland im Mai auch noch den zweiten Exportschlager Georgiens - das Mineralwasser Borschomi - verbieten lies und demonstrativ 10.000 Liter in die Kanalisation kippen lies, drohte der georgische Präsident Michail Saakaschwili mit dem Austritt aus der GUS. Geholfen hat diese Drohung jedoch nicht, im Gegenteil. In Russland gibt seit Juni ein perfekt nachgemachtes "Mineralwasser aus dem Borschomi-Tal".

Für die zwei betroffenen Länder ist der Wasser- und Weinboykott eine wirtschaftliche Katastrophe: "Russland ist bisher der größte Abnehmer unseres Weines gewesen", erläutert der Weinverkäufer Roman Gasarijan. Das Wort "Weinkrieg" machte die Runde.

Auch die ansonsten gutgläubigen Russen stehen der Entscheidung ihrer Behörden kritisch gegenüber. Tatjana, Kundenberaterin in einer Nowosibirsker Weinboutique, möchte ihren vollen Namen nicht nennen, bestätigt aber: "Schon unsere Großeltern und Eltern haben diese Weine problemlos getrunken." Warum sie nun verboten sind, wisse nur die Regierung. "Wer will, findet immer Rückstände von Pestiziden im Wein. Kein Land der Welt produziert Wein gänzlich ohne Pflanzenschutzmittel."

Auch Tatjana glaubt, dass georgische Weine in Russland vielfach gefälscht wurden: "In Russland darf alles als 'Wein' verkauft werden, was aus 'Traubenmaterial' hergestellt wird" - damit mache man Fälschungen leicht, erklärt sie. So wurde der bekannte georgische "Kindsmarauli", der im Fachgeschäft umgerechnet 20 Euro kostet, in Supermärkten oft für weniger als die Hälfte angeboten.

Doch aus den Geschäften und Supermärkten zwischen Moskau und Wladiwostok verschwanden nicht nur die georgischen und moldawischen Weine. Wer im Sommer Alkohol suchte, fand wochenlang nur noch Wodka und Bier in den Regalen. Ob Spanischer Wein, französischer Cognac oder schottischer Whisky - sämtlicher ausländischer Alkohol muss plötzlich mit neuen Steuermarken versehen werden. Faktisch müssen damit Millionen von Flaschen nach Moskau gekarrt werden, Russland ist zwischenzeitlich trockengelegt.

Auch hier bleibt der Hintergrund unklar. Tatjana, die Weinkennerin, ist ratlos: "Ich weiß einfach nicht, wer daran wieder verdient." Ihr Laden war mehrere Wochen wie leergefegt, nur auf wenigen Brettern der langen Regalreihen standen einzelne Flaschen. Der Grund: Erst nachdem alle Flaschen eingezogen wurden, bemerkte man in Moskau, dass die Software für die neuen Steuermarken noch längst nicht funktionierte. Zudem gab es einfach nicht genug Beamte, um die Flaschen mit Marken zu bestücken. Tatjana: "Im Juli wurden erst fünf Prozent der Flaschen beklebt. Wahrscheinlich werden wir frühestens Ende des Jahres wieder unser volles Sortiment anbieten können."

Das volle Sortiment? Eher unwahrscheinlich! Denn mit Moldawien und Georgien wurde noch immer keine Lösung gefunden. Auf einer Pressekonferenz nach bilateralen Gesprächen zwischen Russland und Georgien, betonte der russische Präsident Wladimir Putin im Juli, dass die russische Förderation an der Lieferung qualitativ guten Weins aus Georgien interessiert ist. Problematisch seien aber weiterhin Fälschungen. Erst wenn dieses Problem gelöst werde, "wird es keine weiteren Fragen zur Öffnung des russischen Marktes für diese Produkte geben", so Putin. Danach sieht es aber nach einem Herbst wilder diplomatischer Verwirrungen zwischen den beiden Ländern nicht mehr aus!

Das klingt nicht unbedingt nach einem schnellen Kompromiss. So müssen die Russen, nachdem endlich fast alle Steuermarken geklebt wurden, wieder auf billigen Ersatz aus Europa zurückgreifen. Durch den "Weinkrieg" verkauft sich alles, was Rebensaft nur ähnelt - selbst ein "Verschnitt trockener Weine aus verschiedenen EU-Ländern" für zehn Euro.

Und dann wundert man sich, warum im Herbst 5000 Russen mit mysteriösen Alkoholvergiftungen in die Krankenhäuser eingeliefert wurden!

Kuenftige Kueche

Die eigene Wohnung (29. Dezember 2006)

Als Neujahrsgeschenk noch die angekündigte Rundmail zu unserer neuen Wohnung.

Als Ksenias Eltern Anfang 2005 erfuhren, dass wir heiraten möchten, haben sie sich entschlossen, eine Wohnung für uns zu kaufen. Gebaut wird in Novosibirsk an allen Ecken - nach ausgiebigem Studieren der Immobilienzeitschriften Novosibirsk entschieden wir uns für eine Neubauwohnung am Rande des zentralen Stadtbezirks. Das Haus hat 14 Etagen und ist voll geziegelt. Die tragenden Wände sind dementsprechend 70 Zentimeter dick, die Außenwände haben zudem 20 Zentimeter Außenisolierung.

Eine Wohnung in einem solchen Haus kostete Anfang 2005 je nach Größe 1,2 bis 2,0 Millionen Rubel - 40.000 bis 50.000 Euro. Zu zahlen war in bar und möglichst sofort. Man kann auch nur eine Anzahlung machen. Aber am Tag des Kaufes weiß keiner, wieviel morgen die Ziegel kosten werden. Und der Bauherr darf natürlich Ziegelpreissteigerungen auf die folgenden Raten aufschlagen! Decke im Bad Bad

Die Wohnungen im 13. und 14. Stock sind am günstigsten, danach steigt der Kaufpreis pro Etage um rund fünf Prozent. Ksenias Eltern haben also im 13. Stock investiert und uns damit eine exzellente Aussicht gesichert. Doch den Rabatt gibt es nicht grundlos - am Tag des Kaufes wurde gerade erst der achte Stock gebaut und niemand wusste, ob die Ziegel bis zur 13. Etage reichen werden. Ferner schafft es der städtische Wasserdruck nur bis zum zehnten Stock - am Tag des Kaufen wusste keiner, ab wann die extra Wasserpumpen funktionieren werden. Und am Tag des Kaufes wusste ebenso keiner, wann der Fahrstuhl funktionieren wird.

Offizieller Übergabetermin sollte im vierten Quartal 2005 sein. Im November wurde der letzte Ziegel gesetzt ab diesem Moment hieß es fortan, dass die Wohnung "in spätestens drei Wochen" begehbar sein wird. Vorsorglich hat mein Vater, der beim Innenausbau helfen wollte, sein Flugticket für August 2006 gebucht. Reichlich knapp, wie sich herausstellte. Immerhin haben wir drei Tage nach seiner Ankunft den Schlüssel bekommen - nach lautstarken Streitereien, die ich wiederum vorsorglich Mitte Juli begonnen hatte. Grosses Zimmer

Im Kaufpreis sind die Wände (roh verputzt), Fenster, Steckdosen (meist funktionierend), die Hälfte der notwendigen Wasserrohre, gusseißerne Heizkörper (Retro!) und eine wacklige Wohnungstür enthalten. Bevor wir also einziehen konnten, benötigten wir: eine sichere Wohnungstür, 20 Halbzentnersäcke Spachtelmasse für Decken und Wände, 25 Packungen Laminat, 50 Packungen Fließen, zehn große Rollen Tapete, eine Badewanne, Klobecken, zwei Waschbecken, drei Säcke Zement, zehn Säcke Fließenkleber, sieben große Gipskartonplatten, vier dicke Sperrholzplatten, eine Waschmaschine und natürlich unsere Möbel inklusive Inhalt. Für den Fließenkleber brauchte man wiederum Wasser und - siehe oben - den Schalter für Wasserpumpe hat der Bauherr erst Ende Oktober entdeckt. Und nun das Beste: Den Schalter für den Fahrstuhl hat er bis heute noch nicht entdeckt! Die eindrucksvolle Aufzählung von Baumaterialen ergibt knapp drei Tonnen.

Nicht alle Aufgaben machen wir selbst. Die fehlenden Rohre haben zum Beispiel sibirische Fachkräfte verlegt. Gruselig! OK, juristische Normen muss man nicht befolgen, drei Prozent Gefälle und so. Aber doch bitte physikalische Gesetze - Abwasser fließt nicht bergauf! Die Fachkräfte zweifelten natürlich an der Relevanz dieses physikalischen Gesetzes, wollten dann aber doch nicht ohne Lohn gehen und legten alles neu. Bad Kleines Zimmer

Inzwischen wohnen wir in der Wohnung, die Fließen liegen, eines der zwei Zimmer ist benutzbar. Das zweite Zimmer wird bald fertig. Die Küche datieren wir auf "drei Wochen nach Fahrstuhlschalter-Fund". In Wahrheit ist der Schalter natürlich schon gefunden, der Monteur fährt nachts manchmal heimlich auf und ab. Aber so lange das Haus offiziell eine Baustelle ist - in Russland gewöhnlich ein Jahr nach Schlüsselübergabe - haftet der Bauherr für alle Schäden. Und da der Bauherr Angst hat, dass die Investoren mit ihrem sperrigen Baumaterial den Lift kaputt machen, bleibt der Lift aus.

Wir laufen also täglich 250 Stufen und freuen uns über die Aussicht, die doch schon leicht gestört wird. Gegenüber werden gerade zwei Häuser mit 24 Etagen gebaut! Das müssten rund 500 Stufen sein. Hilfe!

Löhne und Preise in Russland (13. März 2007)

In Sibirien geht alles seine geordneten Wege. Nach einem unerklärlich warmen Januar mit bis zu plus vier Grad, hatten wir einen normal kühlen Februar mit rund minus 15 Grad, und nun haben wir einen etwas frischen März mit meist minus zehn Grad. Dennoch taut es tagsüber, denn die Sonne ist inzwischen stark genug um den Schnee trotz Minusgraden wegzubraten.

Apropos Sonne: Nächsten August ist wieder eine totale Sonnenfinsternis für Novosibirsk angesagt ...

Nach der letzten Rundmail kamen viele Fragen zur aktuellen finanziellen Situation der Russen. Die wilden Jahre, in denen in Dollar gezahlt und gerechnet wurden, sind vorbei. Preiskennzeichnungen in Dollar sind seit langem verboten, seit diesem Jahr dürfen auch keine ominösen "Geldeinheiten" - die nach dem Verbot plötzlich überall statt Dollar dastanden und signifikant mit diesem verbunden waren - verwendet werden. Dennoch schreibe ich im folgenden von Euro, um Euch das Rechnen zu ersparen. Hier rollt natürlich eigentlich der Rubel!

Schaut man sich die Absatzzahlen von Mercedes oder Hummer-Geländewagen in Russland an, kann man auf hohe Löhne schließen. Dank der herzzerreißenden Bednarz-Reportagen in der ARD und den schockierenden Spiegel-Berichten über Russland, wissen wir ja alle, dass das alles Fassade ist und in Wirklichkeit alle Bettelarm sein müssen. Keine Sorge, die Wahrheit liegt in der Mitte:

Im Moment verdient man in Novosibirsk als gewöhnlicher Ingenieur, Architekt oder Bankangestellter mit Hochschulabschluss 300 bis 1000 Euro pro Monat. Der Unterschied zwischen Tarifgruppe 2 und 3 in Deutschland ist zugegeben weniger deutlich - gut für den deutschen Architekten, der gerade weniger gefragt ist, schlecht für den Maschinenbau-Ingenieur mit glänzenden Exportzahlen. In Russland spürt der Architekt den Bauboom hingegen direkt an der dicken Geldbörse, der Lehrer merkt jedoch am dünnen Portemonnaies, staatliche Schulen gerade nicht hoch im Kurs stehen.

Neben Lehrern verdienen auch staatliche Ärzte sowie alle ungebildeten Fachkräfte - Verkäuferinnen, Kellnerinnen, Fahrscheinkontrolleure und so weiter - oft nur 150 oder 200 Euro. In Läden, Schulen und Polykliniken trifft man daher entweder Idealisten oder deprimierte, lustlose Angestellte: "Служаю?! / Ich höre?!"

Rentner bekommen eine Rente von reichlich 100 Euro, mit diversen Zuschlägen kann sie auch doppelt so "hoch" sein.

Diese mickrigen Zahlen lassen niedrige Preise vermuten - falsch! Die Waren des täglichen Bedarfs liegen mit wenigen Ausnahmen preislich auf Höhe eines deutschen Edeka:
1 Brot - 60 Cent
1 Liter Milch - 70 Cent
1 Liter Apfelsaft - 1,50 Euro
100 g Käse - 80 Cent
1 Dose Käse Almette - 1,50 Euro
100 g Salami - 1,00 Euro
100 g roher Schinken - 2,00 Euro
1 kg Äpfel oder Apfelsinen - 1,50 Euro
1 kleiner Topf Salat - 1,00 Euro
1 Packung Knuspermüsli - 2,50 Euro
1 gewöhnliche Flasche Shampoo - 2,00 Euro
Wirklich billig sind im Moment nur noch Busfahrscheine (30 Cent) sowie Handygespräche (ab 5 Cent im Netz, ab 10 Cent in andere Netze, 3 Cent pro SMS). Aber schon die Mieten für Mietwohnungen sind jenseits von Gut und Böse: eine unsanierte 1-Raum-Plattenbauwohnung (25 Quadratmeter) kostet 300 Euro warm - möbliert mit Spanblattenmöbeln und hellblauen Fliesen aus den 80ern sowie einem übel riechenden Treppenhaus. Eine sanierte 2-Raum-Wohnung mit einem dreckigen aber immerhin nicht stinkenden Treppenhaus kostet um die 1000 Euro pro Monat. Am Stadtrand wird es billiger - aber wer Wert auf ungefährliche Nachbarn und wohlerzogene Spielkameraden für seine Kinder legt, ist dort falsch.

Die Rentner mit ihren 100 Euro Rente müssen meist keine Wohnung mieten, da sie noch aus Sowjetzeiten eine geschenkte Wohnung besitzen. Hier fallen also nur die Nebenkosten an - inzwischen aber auch 20-30 Euro pro Nase.

Warum langt das Geld dennoch? Zum einen weil die Ansprüche niedriger sind! Die Mode wird nicht alle Halbjahr gewechselt (und sieht dennoch schick aus), man geht seltener weg, in der Disco reicht ein Bier für den ganzen Abend, ... wenn alle kein Geld haben, entsteht auch kein Druck, viel auszugeben.

Und insofern bildet sich nach und nach eine kleine Mittelschicht heraus. Wenn in einer Familie beide 500 bis 1000 Euro verdienen, kann man zusammen mit den ähnlich verdienenden Eltern durchaus eine Wohnung für 40.000 Euro erwerben. Damit fällt der größte Kostenpunkt - Miete - weg und zudem ist man weniger anfällig für die nächste Wirtschaftskrise.

Demokratie (28. September 2007)

Als ständiger und vor allem freiwilliger Bewohner des Landes werde ich in Deutschland immer wieder gefragt, wie ich denn als tendenziell Linker in solch einem totalitären System leben kann. Dafür muss man ganz weit ausholen:

Der einfache Russe hat von Demokratie schlicht und ergreifend keine Ahnung. Es fehlt an historischen Erfahrungen. Früher legte der Zar alles fest. Dann folgte die sowjetische "Diktatur des Proletariats" - wobei man die Definition von Proletariat wohl stark hinterfragen müsste. Ging es dem Land schlecht, war der Zar oder das Zentrolkommitee (ZK) der Kommunistischen Partei schuld. Kamen der Zar oder das ZK nicht als Schuldige in Frage, dann schob man es auf den Lieben Gott.

1990 setzte das letzte ZK auf "Demokratie". 140 Millionen sowjetisch geprägte Russen durften auf einmal wählen. Während der Wahlen wurde ihnen Freiheit und eine goldene Zeit versprochen - sie bekamen aber einen häufig betrunkenen Präsidenten und tatsächlich Freiheit.

Einige kluge Köpfe nutzen diese Freiheiten und kauften sich Ölfelder. So wurden aus den Reichtümern des großen sowjetischen Volkes die Reichtümern dieser wenigen klugen Köpfe. Bis 1990 wurde mit dem sowjetischen Öl die prunkvolle Moskauer Metro gebaut, Sibirien erschlossen oder die Freundschaft zu Kuba finanziell gepolstert. Ab 1990 flossen die Millionen hingegen nach Stuttgart-Sindelfingen (Mercedes), in die Erschließung Moskauer Luxusvillen und in Partys für gekaufte Freunde - meist jung und weiblich - der Oligarchen.

Olga und Oleg von nebenan hatten hingegen wenig von den neuen Freiheiten. Zu Sowjetzeiten konnte man sich ab und an über einen Urlaub im Ferienheim der Gewerkschaft am Schwarzen Meer freuen. Nach der Perestroika wurden Fahrkarten dorthin unerschwinglich - an Spanien, Thailand oder Deutschland war nicht einmal zu denken. Das Geld reichte gerade so zum Leben.

1998 kam Wladimir Wladimirowitsch Putin an die Macht - und legte sich mit den Nutznießern der Perestroika an. Insbesondere Michail Borissowitsch Chodorkowski, der Direktor des Ölimperiums Jukos, bekam dies zu spüren. Kurz nachdem er begann, mit seinen Milliarden der Opposition seine Vorstellung von "Demokratie" schmackhaft zu machen, wanderte er unter fadenscheinigen Vorwürfen ins sibirische Arbeitslager. Mitleid hatte aber nur die westliche Presse - während sich Olga und Oleg von nebenan freuten. Jukos wurde mit Hilfe der Gerichte zerschlagen. Die Milliarden fließen nicht mehr nach Sindelfingen oder in die Politik, sondern wieder in die Moskauer Metro oder nach Sibirien.

Mag sein, dass Chodorkowski wirklich eine gerechte Demokratie wollte. Aber seine Vorgeschichte - die Art und Weise, wie er reich wurde - sieht nicht danach aus. Insofern muss man verstehen, dass sich Olga und Oleg von nebenan freuen, dass Putin die politischen Ideen Chodorkowskis durchkreuzt hat. Und deswegen wählen sie auch gern wieder Putin, beziehungsweise dessen Favoriten für seine Nachfolge. Olga und Oleg haben quasi verstanden, wie man richtig wählt. Nur der Westen versteht Olga und Oleg nicht.

Putins Mannschaft beeinflusst die Medien natürlich. Aber während man dies als Westeuropäer als "Beeinflussung der Leute" einstuft, sehen dies viele Russen als Bewahrung vor schlechten Einflüssen, von denen man in den frühen Neunzigern genug bekommen hat. Russland hat also wieder einen Zaren, der das Land weise regiert.

Man muss noch einen weiteren Aspekt in Russland beachten - das Land ist riesig. Wenn man in Deutschland die Grünen wählt, dann stimmt man gegen das Atomkraftwerk, welches maximal 200 Kilometer entfernt explodieren könnte. Oleg und Olga in Novosibirsk machen sich über die Kernenergie weniger Sorgen - die nächsten Kernkraftwerke sind im Ural oder kurz vor Alaska, also tausende Kilometer entfernt. Viele Fragen haben kaum Relevanz für die kleinen Leute in solch einem riesigen Land.

Und bei Sachen, die den kleinen Menschen vor Ort wichtig sind, gibt es sogar eine Form von direkter Demokratie.

Als vergangenes Jahr eine Öl-Pipeline aus Kostengründen direkt entlang des Baikals gebaut werden sollte, gingen die Leute auf die Straße. Zuviele, um das Thema auszuschweigen. Also durfte das Fernsehen das Thema in einer Pressekonferenz mit Putin ansprechen. Putin nahm einen Filzstift und malte auf einer zufällig bereitgestellten Landkarte die Pipeline 40 km nördlicher ein. Wo sie nun gebaut wird.

Vor zwei Jahren wurde ein Autofahrer verurteilt, weil er einem viel zu schnell fahrender Politiker im Weg war - beim Unfall kam der Politiker zu Tode. In Moskau gingen tausende Autofahrer auf die Straße, um den an sich unschuldigen Autofahrer zu unterstützen und gegen den Fahrstil von Politikern und Oligarchen zu protestieren. Putin ließ sich wiederum im Fernsehen fragen, um eine Revision des Verfahrens zu versprechen, und den Fahrer somit frei zu sprechen.

Putin ist fein raus - Oleg und Olga von nebenan freuen sich, dass ihr Präsident so bürgernah entscheidet. Und dennoch muss er erst aktiv werden, wenn wirklich etwas schief läuft. So lange alle nur ein wenig über die Schuldigen - Putin oder im Zweifelsfall den Lieben Gott - schimpfen, ist alles prima. Gehen aber tausende auf die Straße, dann spielt Putin kurz den demokratischen und klugen Präsidenten und verschafft sich so gleich noch ein gutes Image für die nächsten Wahlen. Bei denen er dann ganz demokratisch wiedergewählt wird.

Das klappt so prima, dass die Russen gern die Verfassung ändern würden, um Putin ein drittes mal zum Präsidenten küren zu dürfen - was bislang ausgeschlossen ist. Scheinbar ist ihm das aber zu plump und nun dürfen alle über mögliche Tricks rätseln: Installiert er eine Marionette? Wird er Ministerpräsident und lässt diesem zum Mächtigsten im Lande erklären? Lässt er einfach für ein paar Monate einen Dilettanten ans Werk, um dann gleich Neuwahlen zu provozieren - bei denen Putin wieder legal antreten dürfte?! Oder wird er einfach Vorstandsvorsitzender bei Gazprom und verdient endlich ordentlich Geld?

Ausgeschlossen ist nichts! Warten wir es ab!

IKEA (20. November 2007)

Seit heute haben wir in Novosibirsk einen IKEA. Anbei ein kleiner Artikel, den ich vor zwei Wochen anlässlich der geplatzten Eröffnungsfeier geschrieben hatte.

IKEA in Russland. Auf den ersten Blick eine Erfolgsgeschichte, auf den zweiten Blick ein gutes Beispiel für die Schwierigkeiten westlicher Unternehmenskultur in Russland.

Im Jahr 2000 eröffnete in Moskau die erste Filiale des schwedischen Möbelhauses. 50.000 Besucher am ersten Tag waren ein solcher Erfolg, dass es eine Reportage über die Eröffnung bis in die deutschen Kinos schaffte. Inzwischen gibt es in Moskau drei IKEA-Häuser, in St. Petersburg zwei und jeweils eines in Kasan, Jekaterinburg und Nischni Nowgorod. Zu jedem IKEA gehört eine riesige MEGA-Mall. Diese Einkaufszentren machen das Unternehmen zu einem der größten Immobilienvermieter in Russland.

Trotz des rasanten Wachstums – mindestens ein neues Einkaufszentrum inklusive Möbelmarkt pro Jahr – lassen sich am Beispiel IKEAs viele Probleme des russischen Marktes demonstrieren. Bereits 2000 richteten sich die Schweden darauf ein, erst nach einem knappen Jahrzehnt in Russland Gewinne machen zu können. Schuld sind die hohen Einfuhrzölle in Russland, die sich auch auf die Preise in den Filialen durchschlagen. Deswegen will IKEA vermehrt in Russland produzieren, um die Zölle zu umgehen – eine Strategie die Russland in seiner Zollpolitik bestärkt.

Ein anderes Problem ist das Aufeinanderstoßen von russischer und europäischer Geschäftskultur. Auf den Tag genau durchkalkulierte Businesspläne sind in Russland eher ungewöhnlich – was IKEA inzwischen mehrfach erfahren durfte. Angesetzte Eröffnungstermine wurden mehrmals durch die lokalen Behörden, Gerichte oder Baufirmen durchkreuzt.

Neuestes Beispiel ist Nowosibirsk: Am späten Vorabend der Eröffnung der neuen MEGA-Mall meldete das Rathaus offiziell, dass die Eröffnung untersagt worden sei, weil eine vertraglich zugesicherte Zufahrtsstraße nicht im vereinbarten Umfang fertiggestellt worden wäre. Kurz vor Mitternacht gaben die Schweden klein bei und akzeptierten die Verordnung. Die aufziehende Polizei, die am nächsten Tag das gesamte Einkaufszentrum demonstrativ abriegelte, dürfte bei der Entscheidung geholfen haben.

In Interviews mit lokalen Zeitungen klingt Peer Kaufmann, Generaldirektor von IKEA Russland, auffällig zahm. Die strittige Zufährt wäre natürlich schon fertig, man hätte jedoch selbst eingesehen, dass man sie noch besser machen könnte. „Aber ich weiß, dass der Bürgermeister hofft, dass wir in nächster Zeit alle notwendigen Genehmigungen bekommen“, so Kaufmann gegenüber dem Onlineportal ngs.ru.

Die Nowosibirsker reagieren gemischt. Die einen jubeln, dass es der Bürgermeister den ausländischen Kapitalisten mal richtig gezeigt hat, die anderen finden das Verhalten beschämend und vermuten, dass nicht genug Schmiergeld geflossen ist. Hier zeigt sich ein anderes Problem für Investoren: Wer, wie IKEA, nicht bereit ist, Geld in schwarze Kassen fließen zu lassen, muss sich auf derartige Widrigkeiten einstellen.

Auch in Moskau 2004 sollte die Erweiterung des Möbelhauses um ein Einkaufszentrum an der Zufahrtstraße scheitern, die zu nahe an einer Gasleitung lag. Eine alternative Brücke wurde jedoch jahrelang durch die Behörden blockiert. Letztendlich wurde das Problem durch eine offizielle Spende von einer Million Dollar für den Aufbau von Sporteinrichtungen gelöst.

Ähnliche bürokratische Probleme gab es mit der Umweltverträglichkeit der Filiale in St. Petersburg 2002 sowie mit dem Brandschutz in Nischni Nowgorod 2006. Hier waren ernsthafte Mängel jedoch nicht von der Hand zu weisen – nach einem tödlichen Unfall mit Einkaufswagen auf einer Rolltreppe wurde der Markt für mehrere Wochen geschlossen.

IKEA lässt sich durch all die Widrigkeiten nicht vom russischen Markt abbringen und investiert weiterhin Milliarden in den Bau neuer Möbelmärkte und MEGA-Malls. In Omsk, 700 Kilometer westlich von Nowosibirsk, wurde kürzlich der Grundstein gelegt – zusammen mit einem lächelnden Bürgermeister.

Nun ist der IKEA also offen, Herr Kaufmann erklärt freudig, dass dies der "fertigste IKEA ist, welcher je in der Firmengeschichte eröffnet wurde". Und auch der stellvertretende Bürgermeister war vor Ort und erzählt, wie toll er doch alles findet. Ich muss los, Regale einkaufen!

Schwimmbad (27. Dezember 2007)

Ich komme soeben aus dem Schwimmbad - angesichts eines etwas bewegungsarmen Arbeitsalltags habe ich mich entschlossen, wöchentlich Schwimmen zu gehen. Russische Schwimmbäder sind ein Erlebnis für sich.

Bevor man Schwimmen gehen will, benötigt man ein Gesundheitszertifikat. Diese Bescheinigung soll theoretisch bezeugen, dass man keine übertragbaren Krankheiten hat. Praktisch wird dies vom Arzt nur selten geprüft, da jeder vernünftige Mediziner froh ist, wenn seine Patienten überhaupt Sport treiben. Zudem kann sich ein halbwegs begabter Computernutzer den Wisch selbst im Photoshop bauen. Unbegabte kaufen sich die Zettelchen wiederum bei Begabten.

In Akademgorodok, dem Wissenschaftlerstädtchen bei Novosibirsk, wo ich arbeite, gibt es theoretisch drei Schwimmhallen. Die Anlage der Universität soll seit zehn Jahren demnächst eröffnet werden. Die Halle der Akademie der Wissenschaften wird auch vorübergehend renoviert. Immerhin hat die Schwimmhalle am Haus der Jugend offen - dort sind dementsprechend abends alle Termine ausgebucht. Richtig gelesen, es gibt Termine!

Geschwommen wird im Dreiviertelstundentakt. Ich darf beispielsweise Donnerstags von 11:30 bis 12:15 ins Wasser. Am Monatsanfang muss ich meinen Wunschzeitraum festlegen, welcher in einem Schwimmausweis vermerkt wird. Verschieben geht später nur in Einzelfällen. Will man keinen festen Wochentag, sondern ein flexibles Abo, kostet es mehr. Einzelne Besuche sind noch teurer.

Pünktlich um 11:15 ist Einlass. Mantel und Schuhe sind vorher in der Garderobe abzugeben, laut Hausordnung ist für die Schuhe eine Tüte mitzubringen, damit sie die Gardarobenfrau aufhängen kann. Zum Glück ist Selbige nett und hat meist ein paar Tüten für Vergessliche vorrätig. Am Einlass bekommt man nach Abgabe des Schwimmausweises ein kleines Gummiarmband mit einer Nummer. Im großen Umkleideraum sucht man sich den Kleiderbügel mit dieser Nummer heraus und hängt alle seine Sachen daran auf. Bis auf die Unterhosen, denn im Umkleideraum befindet sich eine weitere Gardarobenfrau, welcher man den Kleiderbügel übergibt. Diese Frau hat auch eine große Auswahl an Badekappen, Badehosen und Schwimmbrillen zur Ausleihe parat - sehr praktisch, wenn man die Badekappenpflicht (Hausordnung!) vergessen hat.

Mit Schlappen, Handtuch, Waschlappen (Hausordnung!), Shampoo und Badezeug geht es nun in den Vorraum der Dusche, wo man die Unterhosen in einem Regal zurücklässt. Nach dem Duschen wartet man am Beckenrand, bis die große Schulklingel klingelt. Warum diese schon um 11:29 Uhr klingelt, weiß ich nicht, aber es ist so. Bis pünktlich 12:14 Uhr darf ich nun meine Runden drehen. Hin- und her, denn mehr kann man in der Schwimmhalle nicht machen.

Nach der Dusche bekleidet man sich wieder mit seiner Unterwäsche. Das Gummibändchen mit der Nummer tauscht die Frau im Umkleideraum anschließend gegen den Bügel, welchen man am Ende noch brav an die richtige Stelle hängen muss - sonst würden die nächsten Besucher ihren Bügel zwischen den 98 anderen kaum mehr finden.

Nach Verlassen des Umkleideraums bekommt man seinen Schwimmausweis wieder, kann sich seinen Mantel und die Schuhe abholen und entspannt nach Hause spazieren. Heute war dies besonders angenehm - der Schnee knarscht herrlich, denn es sind gerade unter minus 20 Grad. Sehr schön!

Umgezogen - nun auch auf dem Papier (7. Januar 2008)

Ich bin umgezogen. Praktisch im November 2006, theoretisch aber erst im Dezember 2007.

Offiziell war unser Haus lange noch eine Baustelle. Dass dies nicht nur theoretisch sondern auch praktisch so war, demonstrierte uns im letzten Winter der Heizungsmonteur, indem er nach einer Routineuntersuchung die Heizungsrohre unter Druck setzte ohne zuvor das Ablassventil auf dem Dachboden zu schließen. Zehn Minuten nachdem die Heizung warm wurde, ergoss sich ein kleiner Wasserfall aus dem Deckenleuchter.

Bis wir zusammen mit dem Direktor der Baufirma die Ursache gefunden hatten - die Wohnung über uns sowie der Dachboden waren verschlossen, der Direktor saß elf Etagen unter uns und der Fahrstuhl war natürlich nicht in Betrieb - hatten sich 300 Liter Wasser auf dem Dachboden verteilt. Diese mussten nun schnellstmöglich aufgewischt werden - wobei die Raumtemperatur auf dem Boden (minus zwölf Grad) besonders motivierend wirkte. Nicht weil es Spaß macht, sich die Hände zu unterkühlen, vielmehr war die Vorstellung eines zweiten Wasserfalls pünktlich zur Schneeschmelze im Frühjahr wenig einladend.

Während eines Kontrollgangs in die Wohnung über unserer - der Direktor hatte uns den Schlüssel überlassen, damit er in Zukunft seltener Treppen steigen muss - stellten wir erneut Wasser im Hausflur fest. Ein Nachbar war schon dabei, das Wasser mit einem Schrubber zurück zur betroffenen Wohnung zu schieben: "Keine Sorge, ich achte darauf, dass es uns nicht überschwemmt." An einer echten Problemlösung war er am späten Samstagabend nicht interessiert.

Kurz vor Mitternacht hatte unsere Nachricht über andere Nachbarn, den Leiter der Hausgemeinschaft sowie den Direktor der Baufirma endlich die Wohnungsbesitzer erreicht. Die Wohnung glich einem römischen Dampfbad. Und Schuld waren in diesem Fall Handwerker, welche neue Scheuerleisten montiert hatten. Dass der Widerstand bei der einen Schraube das Heizungsrohr war, zeigte sich erst nach Ende der oben erwähnten Routineuntersuchung.

Ein weiteres Kapitel der einjährigen Übergangszeit sind unsere Handtuchwärmer. Wie in jedem russischen Haus sind diese am Warmwasser angeschlossen - bei uns am Rücklauf. Oft ist der Handtuchhalter jedoch kalt, weil die Baufirma am höchsten Punkt des Systems - in besagter Wohnung über uns - ein Luftablassventil vergessen hat. Staut sich dort Luft, fließt kein Warmwasser zurück und der Halter bleibt kalt. An einem anderen Strang sind die Handtuchwärmer immer kalt - dort störte das Rohr einen Bewohner. Also hat er es abgesägt und zugeschweißt. Dass nun 13 andere Wohnungen einen kalten Handtuchhalter haben, wurde ihm erst später klar.

Die Nachbarn unter uns fanden die Idee, die Wohnung mit dem Warmwasserstrang zu heizen, so gut, dass sie eine Fußbodenheizung für die ganze Wohnung an die Leitung gehängt haben. Später stellte sich heraus, dass diese Fußbodenheizung schuld daran ist, dass bei uns auch aus dem kalten Wasserhahn öfters brühend heißes Wasser kommt. Die Nachbarn hätten lieber einen Profi engagieren sollen, der das Ende des Schlauches an den richtigen Wasserstrang anschließt.

Am Ende des vergangenen Winters konnte die Baufirma das Haus mit nur sieben Monaten Verspätung übergeben. Schon nach zwei Monaten waren genügend Unterschriften zur Gründung einer Eigentümergemeinschaft gesammelt, schon nach wenigen Wochen war diese Gemeinschaft registriert. Nun dauerte es nur noch vier Monate bis dieser Hausgemeinschaft das Haus überschrieben wurde und einen weiteren, aus bis meine Schwiegereltern offiziell Wohnungsbesitzer wurden - vorher waren sie nur "Investoren". Alles ganz passabel schnell für Russland.

Nun konnte ich mich endlich auch faktisch dort melden, wo ich praktisch schon ein dreiviertel Jahr wohnte. Dazu musste ich in meiner bisherigen Meldestelle einen Antrag schreiben. Die fünf Wochen, bis die Abmeldung mit einem Stempel im Pass bestätigt wurde, verwendete ich, um meine Schwiegereltern für eine Einverständniserklärung zum Notar zu schleifen, die Eigentümergemeinschaft um eine Bestätigung zu bitten und notwendige Formulare in der neuen Meldestelle zu holen. Für die Registrierung waren noch sechs Euro zu zahlen - das Ausfüllen der vielfältigen 20-stelligen Nummern auf russischen Überweisungsträgern ersparte ich mir für eine weitere Gebühr von knapp zwei Euro.

Antrag, formloses Begleitschreiben, Nachweis für die Überweisung, Einverständniserklärung, Bestätigung der Eigentümergemeinschaft und Kopien meines Passes, des Passes meines Schwiegervaters sowie der Besitzurkunde für die Wohnung ... im Tausch für diesen Stapel gab es den neuen Meldestempel sowie ein neues Formular. Dieses war nun wiederum in die bisherige Meldestelle zu faxen, damit diese meine Akte über das Migrationsamt in die neue Meldestelle schickt.

Jetzt wohne ich also endlich legal in unserer Wohnung. Kaltwasser, Handtuchwärmer und Heizung funktionieren - praktisch bei minus 30 Grad Außentemperatur. Und selbst die Fahrstühle sind in Betrieb!

Russische Feiertage (10. Februar 2008)

Seit einigen Wochen sind auch in Russland die Feiertage vorbei. Rund um den Jahreswechsel darf man hier tagelang hemmungslos feiern, faulenzen, essen, na ja, und natürlich auch trinken.

Крещение Novosibirsk 2008Russland geht es jedoch gemächlich an. Während in Deutschland die ersten roten Schokoladenhohlkörper schon kurz nach Ostern die Supermarktregale bevölkern, bleibt man davon in Russland selbst im Dezember verschont. Prompt vermisst man als Deutscher natürlich das, was man zu Hause als Kommerz verpönt. Daher übt man sich als Kulturmittler und kocht alle Nase lang Glühwein für russische Gäste oder durchsucht die Supermärkte nach importierten Pfefferkuchen.

Auch den 24. Dezember verbringt man als Deutscher meist im Kreis anderer Europäer - denn die russische Kirche rechnet noch immer wie Kaiser Julian im alten Rom, und feiert Weihnachten dementsprechend am 7. Januar.

So lange wollen die russischen Kinder auf ihre Geschenke aber auch nicht warten, deswegen kommt der russische Дед мороз ("Väterchen Frost") schon zu Новый Год ("Neues Jahr"). Im Gegensatz zum deutschen Weihnachtsmann und amerikanischen Santa Claus hat Väterchen Frost übrigens einen frostig blauen Mantel. Und damit der alte Herr nicht alles alleine schleppen muss, hilft ihm seine Enkelin Снегурочка (ohne Übersetzung, in etwa "Schneeflöckchen"). In den letzten Jahren entwickelt die Enkelin auch eigene Geschäftsfelder: besonders bei Betriebsfeiern profiliert sie sich häufig durch besonders knappe Oberbekleidung.

Zum russischen Neujahr gehört auch eine Ёлка (Tanne) in jede Stube. Im Fernsehen läuft seit rund 30 Jahren derselbe Film, Putin hält seit Jahren leicht seine modifizierte Neujahrsansprache. Irgendwann im Laufe des Abends geht die ganze Familie zur städtischen Ёлка, wo meist auch ein tolles Ensemble aus Schnee- und Eisfiguren sowie Rutschen aufgebaut ist. Und dennoch heißt Neujahr nicht Ёлка-Fest, wie alle DDR-Russischlehrerinnen gern erzählten.

Weihnachten ("Рождество") hat eher für Kirchgänger eine Bedeutung - in allen Kirchen wird in der Nacht vom 6. auf den 7. Januar durchgebetet. Wer weniger gläubig und zugleich weiblichen ist, verbindet mit Weihnachten oft den Brauch, durch Wahrsagen (in verschiedenen Variationen) mehr über sein Schicksal im kommenden Jahr zu erfahren. Russische atheistische Männer genießen hingegen einfach einen weiteren Feiertag.

Davon gab es auch dieses Jahr wieder genügend: Die russischen Gesetze sehen vor, dass der 1. bis 5. sowie der 7. Januar Feiertage sind. Fallen Feiertage auf das Wochenende, werden sie verschoben. Insofern was vom 1. bis zum 8. Januar frei. Damit es sich lohnt, wurde der 31.12. (Montag) auch noch frei gegeben und stattdessen am 29.12. (Sonnabend) gearbeitet. Diesen Tag verbrachte der Großteil der Angestellten wohl mit dem Austausch von Lieblingszitaten aus oben erwähntem Neujahrsfilm.

Während die Supermärkte alle offen hatten, waren Banken und Behörden zehn Tage zu. So stauen sich jedes Jahr beim Zoll die Waren und die Supermärkte leeren sich entsprechend. Ausgleichend wirkt der Fakt, dass den Russen auch das Geld nach und nach ausgeht.

Am Ende der gesetzlichen Feiertage gehen alle mit Freude wieder auf Arbeit, auch wenn noch weitere Anlässe zum Feiern anstehen. Am 13. wird noch Старый Новый Год ("Altes Neues Jahr") gefeiert - Neujahr nach altem Kalender. Wer am 31. im Familienkreis verbracht hat, feiert nun mit seinen Freunden - und umgekehrt.

Die orthodoxe Kirche feiert am 19. Januar weiterhin "Крещение" - analog zu den Heiligen drei Königen der Katholiken am 6. Januar. Allerdings wird bei den Orthodoxen die Taufe Jesu gefeiert. Insofern ist Wasser an diesem Tag heilig. Vor den Kirchen bilden sich lange Schlangen von Großmüttern, die sich einen Jahresvorrat heiligen Wassers anlegen wollen. Empfohlen wird ferner ein Bad in einem Wasserlauf. Unpraktischerweise sind die meisten Flüsse und Seen Sibiriens zugefroren. Viele Kirchen sägen jedoch Badestellen in das Eis und veranstalten eine Prozession dorthin. Das Wasser wird geheiligt, dann geht der Priester baden und ihm folgt das Fußvolk.

Mit diesem Fest enden die russischen Neujahrsfeiertage. Wer noch nicht genug hat, feiert Anfang Februar das chinesische neue Jahr. Wie schon erwähnt, begeistern sich die Russen auch für die chinesischen Bräuche. Da vergangene Woche das chinesische Jahr der Ratte begann, sind unter den diesjährigen Schneefiguren in Novosibirsk auffallend viele riesige Nagetiere - die jedoch eher niedlichen Mäusen ähneln.

Ende März kann man natürlich auch noch das kasachische Neujahr feiern - ist ja gleich um die Ecke. Vorher kommt aber noch Масленица - die russische Variante der Faschingswoche. Diese orientiert sich jedoch ebenso am orthodoxen Kirchenkalender und findet daher erst Anfang März statt. Später mehr davon.

P.S.: Anbei Fotos vom Selbstversuch, die russischen Bräuche am 19. Januar nachzuvollziehen. Die Zelte auf dem letzten Foto sind übrigens die Umkleidekabinen - links von der Badestelle für die Frauen, rechts für die Männer. Es waren minus 22 Grad.

Verspäteter Ostergruß (23. Juli 2008)

Die Zeit rennt davon.

Im Winter hatte ich eine Mail zum Thema Ostern versprochen, inzwischen haben wir schon Juli. Die Russen feiern zwar ein wenig später Ostern, aber natürlich nicht gleich soviel später. Die Orthodoxen begehen den Feiertag maximal fünf Wochen nach den Katholiken und Protestanten - bedingt durch den alten Kalender, dem die russische Kirche bis heute folgt. Was zählt, sind quasi nicht der reale Mond und die Sonne, sondern der Kalender des ollen römischen Kaisern Julius. Dieser hinkt 13 Tage hinter dem Kalender des Kollegen Gregor hinterher und so kann es sein, dass der erste Vollmond im Frühling vier Wochen später ist. Und da zu Julius' Zeiten auch der Mond irgendwie anderen Gesetzen folgte, werden es auch manchmal fünf Wochen.

Ostern erkennt man in Russland also nicht am Vollmond, sondern an putzigen Kuchen im Supermarkt. Tauchen diese plötzlich auf, ist Karfreitag. Gelinde gesagt ist das Preis-Leistungsverhältnis dieser Kuchen nicht besonders ausgewogen. Wahrscheinlich fehlt die Übung, denn während das täglich gebackene Brot lecker ist, fällt der seltener angebotene Osterkuchen unter die Kategorie ausgetrocknete Krümelware. Vielleicht soll das Gebäck ja auch den Leidensweg Jesu widerspiegeln?! Dagegen spricht wiederum der Zuckerguss, den ich mir stets als Belohnung nach den Qualen mit den Krümeln aufhebe.

In der Woche nach Ostern habe ich dieses Jahr eine Häufung an Fleisch-Eier-Salaten mit bläulichem Farbton festgestellt. Scheinbar wird in vielen Familien der Bedarf an bunten Eiern überschätzt. Um die Eierberge später abzubauen, gibt es dann etwas häufiger besagten Salat, stets mit dem vorsichtigen Hinweis: "Die Eier sind nicht schlecht, sind nur am Wochenende übrige geblieben."

Gläubige Christen gehen von Samstag auf Sonntag die ganze Nacht beten, wobei man es sich bis um eins noch anders überlegen kann - dann fährt die letzte U-Bahn, extra eine Stunde später als sonst.

Wie Ostern ist natürlich auch die Sommersonnenwende in Russland knapp zwei Wochen später - am 7. Juli begeht man "Iwan Kupala". Die Katholiken und Protestanten kennen diesen Iwan als Johannes, Johannes der Täufer. Zum Taufen braucht man Wasser - deswegen rennen an diesem Tag alle Kindern mit vollen Wassereimern durch die Stadt und kippen diese vorzugsweise über kreischende junge Mädels. Und weil den etwas älteren Kindern, insbesondere den jungen Männern, der Anblick eng anliegender, nasser Kleidung besonders gefällt, helfen sie mit. Dieses Jahr half auch der Regen mit - was den Spaß wiederum etwas eintrübte.

Nun endet leider die Jahreszeit der Feiertage in Russland. Im Januar ist bis zum 10. Neujahr und Weihnachten, im Februar der Tag der Vaterlandsverteidiger (Männertag), im März Frauentag, im Mai Tag der Arbeit sowie Tag des Sieges und im Juni Tag der Unabhängigkeit. Weil die ganzen letzten Jahre niemand wusste, von wem Russland jemals unabhängig wurde, hatte man den Tag dieses Jahr kurzerhand in Tag Russlands umbenannt. Nun kommt der nächste Feiertag erst wieder im November - dann wartet der Tag des Sieges über die Polen im 18. Jahrhundert. Diesen feiert man auf Anordnung Putins seit einigen Jahren anstatt des Tages der Großen sozialistischen Oktoberrevolution. Jene war, nebenbei bemerkt, im November - auch an dieser Ungereimtheit sind die mangelnden Rechenkünste des oben erwähnten Julius Schuld.

Ich muss also weiterarbeiten und beende diesen Beitrag!

Sonnenfinsternis, Georgien in der russischen und europäischen Presse (17. August 2008)

Die Sonnenfinsternis ist zwar schon zwei Wochen her, aber dennoch einige Bilder an dieser Stelle. Der russische Wetterbericht hatte zum Glück einmal wieder nicht Recht und wir hatten eine Sonnenfinsternis vom Feinsten! Xenia hat sie mit Freunden in der Stadt von einem Dach aus beobachtet, ich war mit meinen Kollegen am Stausee des Ob. Beeindruckend war es überall.

Sonnenfinsternis 1. August 2008, NovosibirskDas Thema der letzten Tage ist natürlich der "Friedenseinsatz der russischen Armee" in Südossetien, angesichts der "humanitären Katastrophe" dort. In den ersten Tagen der Kämpfe in Georgien kam man sich als russischsprechender Europäer vollkommen veralbert vor. Auf der einen Seite die deutschen Nachrichten, auf der anderen die russischen. Die Texte waren nahezu identisch, nur Gut und Böse waren ausgetauscht.

Während die deutschen Medien mit der Zeit etwas objektiver wurden (wobei Agenturtexte immer noch deutlich von redaktionellen Artikeln mitdenkender Journalisten zu unterscheiden sind), bleibt die russische Presse bei klassischer Schwarz-Weiß-Malerei. Nur wenige Russen hinterfragen kritisch, warum eines der ansonsten stets verläumdeten Völker des Kaukasus plötzlich von russischen Truppen geschützt wird.

Wobei ebenso die Frage gestellt werden sollte, warum die europäische Presse die russische Meldung von dunkelhäutigen Kämpfern auf georgischer Seite nicht aufgreift. Also auch nicht dementiert - wie andere Meldungen, beispielsweise zu den offensichtlich überhöhten Opferzahlen aus dem Kreml.

Sonnenfinsternis 1. August 2008, NovosibirskEine endgültige Meinung zu Georgien zu finden, ist angesichts der zwei Sichtweisen, die sich mir so bieten, besonders schwierig. Die Öl-Pipeline durch Georgien wird oft ins Spiel gebracht - diese versorgt aber nur wenig einflussreiche Länder am Schwarzen Meer. Mein Standpunkt ist, dass Russland mit vielen kleinen Nadelstichen Georgien so lange provoziert hat, bis deren eigenartiger Präsident ausgeflippt ist. Damit hat er einen Krieg angefangen, der Europa ziemlich deutlich klar macht, dass man dieses Land im Moment nicht in der NATO gebrauchen kann. Somit muss Russland die nächsten zehn Jahre keine amerikanischen Raketen mehr im Kaukasus fürchten.

Traurig, dass zum Verhindern von Raketen, Kriege geführt werden müssen.

Russland im Wandel (25. Oktober 2008)

Man sollte seine Beiträge häufiger schreiben. Eigentlich hatte ich seit Monaten vor, in einer Mail vom Wandel Russlands in den letzten fünf Jahren zu berichten. Nun wandelt sich in den letzten Tagen so viel, dass ich mich mit der ursprünglich geplanten Beschreibung nun wirklich beeilen muss, damit sie nicht überfällig wird.

Wenn ich meine Mails aus dem Jahr 2002 so durchlese, dann bemerke ich, dass sich in den letzten fünf Jahren vieles gewandelt hat. Zwar ist im Kern einiges gleich geblieben - geht der Fahrstuhl am Freitag kaputt, muss man bis Montag Treppen steigen - aber an der Oberfläche sind die Veränderungen unübersehbar. Anstatt Ewigkeiten nach allerlei Kleinigkeiten zu suchen, geht man heute in den IKEA. Wo früher zwei Ladas im Hof standen, stehen heute 20 Japaner herum. Und während wir 2002 im Studentenwohnheim bei Tee und einfache Kekse gegessen haben, hat die nächste Generation russischer Studenten einen Nebenjob und trifft sich zu Latte macchiato und Cheese cake im noblen Cafe.

Grundlegend geändert haben sich die Löhne in den Städten. Auch Handwerker ohne Hochschulausbildung verdienen inzwischen umgerechnet 700 Euro netto, plus diverser Nebenjobs zu 10 Euro die Stunde. Ein guter Ingenieur findet Arbeit mit 1000 bis 2000 Euro Monatsverdienst, ein mittlerer Manager kann auch das Dreifache verdienen. Schlechter sieht es für einfach auswechselbare Leute, wie Kassierer oder Fahrkartenverkäufer im Bus, aus - hier gibt es 300 bis 500 Euro. Auch wer vom Staat abhängt - Lehrer, Rentner, Ärzte kommunaler Einrichtungen - hat in keinem Fall mehr.

Aber auch diese Löhne erlauben - dank grundsätzlich niedriger Ansprüche - einen ordentlichen Konsum. Neue Wohnungen, Autos, Inneneinrichtungen, Reisen, Ausgehen - all das steht hoch im Trend. Man kommt kaum noch nach, alle neuen Clubs und Kneipen in Novosibirsk kennen zu lernen. Die Stadt kommt kaum noch nach, die Straßen immer weiter zu verbreitern, damit sich in den Staus überhaupt noch etwas zuckt. Und die Baufirmen und Banken können Wohnungen für Kredite zu unverschämten Preisen anbieten, und dennoch wird alles verkauft. 2000 Euro pro Quadratmeter bei 20 Prozent Zinsen sind keine Seltenheit. Auch in all den anderen genannten Bereichen - Nachtleben, Bars, Autos, aber auch Lebensmittel - fragt man sich als Deutscher, warum in der Heimat vieles deutlich billiger ist.

Ich entsinne mich, dass ich vor fünf Jahren schrieb, dass es in Russland kein Duschbad für Männer gibt - der gewöhnliche Russe wusch sich mit Seife. Überhaupt waren modische Jungs eine Seltenheit - es dominierte der stramme Kerl in Adidas-Hosen. Diese Typen gibt es natürlich noch immer, aber inzwischen nimmt die Herrenkosmetik im Supermarkt mindestens ein Regal ein und die drei Streifen wurden durch deutlich edlere Mode verdrängt.

Nun aber zeigt diese Express-Entwicklung ihre Schattenseiten - die russische Wirtschaft steht auf wackligeren Füßen, als viele dachten. Amerika ist mit sich selbst beschäftigt und zieht sein Kapital aus dem lukrativen russischen Markt ab - und sofort kommt Russland ins Straucheln. Auf vielen Baustellen ist es in den letzten Tagen verdächtig ruhig, über diverse Banken kursieren Bankrottgerüchte, die Stahlwerke bleiben auf ihren Metallen sitzen und selbst bei METRO C&C sind die Schokoladenregale leer weil die Lieferanten keine Kredite für den Einkauf bekommen. Diverse befreundete Architekten wurden schon in unbezahlten Urlaub geschickt. Während in deutschen Medien Panik herrscht, skizziert das russische Fernsehen nur eine kleine Eintrübung - wobei die Lage deutlich besorgniserregender als in Europa ist.

Zwar wird IKEA ganz sicher nicht morgen geschlossen und ich muss auch bestimmt nicht wieder auf Seife zurückgreifen - aber eine deutliche Abkühlung der russischen Wirtschaft ist unaufhaltbar. Insofern ist in Russland alles beim Alten geblieben - das Land ist einfach unberechenbar! Und das macht es auch im fünften Jahr noch immer spannend.

Krise, Aufenthaltsgenehmigung, Führerschein (23. November 2008)

Das wichtigste Wort in Russland ist im Moment natürlich "Krise". War Russland bis vor kurzem ein beliebtes Ziel für amerikanische Investoren, sind diese nach der Georgienkrise und dem Debakel auf den heimischen Finanzmärkten von heute auf morgen verschwunden. Die goldenen Monate beim Öl sind auch vorbei. Und mit einem Schlag fehlt hier das Geld.

Da die Banken kein Geld für Kredite und Hypotheken haben, standen zuerst die etlichen Baustellen still - einige Betongerippe mit 1 bis 24 Etagen werden Novosibirsk nun für einige Jahre zieren. Damit hatten auch die Stahlwerke nichts mehr zu tun. Und die Immobilienmakler. Deren Anzeigen fehlen nun wieder den Zeitungen. Und so weiter. Die ersten deutschen Firmen verlassen schon das Land. Einige Russen haben seit zwei Monaten keinen Lohn gesehen.

Der populärste Witz im Moment: "Unterhalten sich zwei Geschäftsführer: 'Zahlst Du Deinen Leuten noch Lohn?' 'Nein!' 'Und?' 'Sie kommen trotzdem!' 'Hmm, meine auch! Vielleicht sollten wir Eintritt verlangen?' Nach einer Woche treffen Sie sich wieder: 'Und?' 'Diese Halunken! Kommen Montag früh und bleiben bis Freitag abend, damit sie nur einmal Eintritt bezahlen müssen!'"

Ich selber erfreue mich weiterhin an der russischen Bürokratie. Dieses Jahr war dem Erwerb einer endgültigen Aufenthaltserlaubnis gewidmet. Die vorläufige hatte ich schon über ein Jahr und nun durfte ich die endgültige beantragen. Es war eine Freude, wie man der beigefügten Grafik entnehmen kann - diese zeigt die minimalen Wege für den Antrag und den Erhalt. Wohlgemerkt die minimalen, um diese herauszubekommen, waren natürlich noch einige sinnlose zusätzliche Wege notwendig. Aber dann wäre die Grafik endgültig unverständlich.

Wege zur Aufenthaltsgenehmigung


Nachdem ich nun die Aufenthaltserlaubnis hatte, musste ich auch einen russischen Führerschein machen. Dies hatte ich schon im Vorfeld mehrfach erfolglos versucht - aber man wollte mich immer zur Fahrschule schicken, obwohl ich ja einen gültigen ausländischen Führerschein hatte. Mit der Aufenthaltsgenehmigung durfte ich jedoch ohne Fahrschule direkt zur Theorieprüfung kommen.

Also nicht ganz direkt, vorher musste ich einen Drogentest machen, einen Augenarzt, einen Physiotherapeuten, einen Allgemeinarzt und einen Psychiater aufsuchen. Die psychiatrische Klinik erinnerte mich stark an das Irrenhaus bei "Asterix erobert Rom" - etliche Zimmer und etliche Leute, die von Zimmer zu Zimmer rennen, um Geld gegen Zettel und Stempel einzutauschen. Die psychologische Überprüfung bestand meiner Meinung nicht darin, die Fragen der Ärztin im fünften Zimmer zu beantworten, sondern überhaupt ohne bleibende Schäden das Haus zu verlassen.

Die Theorieprüfung selbst erfolgt - sehr erstaunlich - an hochmodernen PCs mit Touchscreen! Die Fragen sind genauso dämlich wie in Deutschland. Die Praxis musste ich zum Glück nicht machen, also durfte ich mich direkt beim Sachbearbeiter anstellen, dann zum Fotografieren anstellen - halt, Mittagspause, bitte das Haus verlassen und in einer Stunde neu anstellen - , dann an der Kasse anstellen, dann noch einmal kurz zum Sachbearbeiter. Nach nur sechs Stunden hatte ich dann auch die russische Plastikkarte. Wobei mein Name Russisch eingegeben wird und dann wieder zurückübersetzt wird. Deswegen lautet mein Familienname SHOTT - das C ist verloren gegangen.

Leider wurde ich kurz später beim Überholen im Überholverbot erwischt. Der Führerschein wird sofort eingezogen - für den Nachhauseweg erhält man ein vorläufiges Papier. Auffällig war, dass die Polizisten für mein Protokoll sehr lange brauchten. Alle anderen Sünder fuhren viel schneller weiter - meist jedoch auch ohne Protokoll ;-) .

Überholen im Überholverbot gilt als Straftat und landet im Gericht. Zum Glück - in meinem Fall wäre das Gericht 400 Kilometer entfernt - muss man nicht erscheinen, auch wenn einem das keiner sagen will. Nach über einem Monat habe ich nun den Gerichtsentscheid bekommen. "Bei der Festsetzung der administrativen Bestrafung berücksichtigt das Gericht den Charakter des ausgeführten administrativen Rechtsverstoßes, die Persönlichkeit des Schuldigen, seine Vermögenslage. Als Milderungsumstand bezüglich des administrativen Rechtsverstoßes werdet das Gericht das Schuldbekenntnis, die Schilderung." Wie schon bemerkt, war ich nie im Gericht! Und im Protokoll hatte ich im Pflichtfeld für Kommentare nur ein Wort ergänzt: "Einverstanden." Kurz und gut, ich bin mit der Mindeststrafe von vier Monaten Fahrverbot davon gekommen, eine Geldstrafe ist nicht vorgesehen.

Zum Glück habe ich ja noch den deutschen Führerschein.

Weihnachtsgrüße und russische Sprache (26. Dezember 2008)

Mein fünftes Jahr in Novosibirsk neigt sich dem Ende zu. Insgesamt bin ich nun schon sechs Jahre in Russland - eine Zahl die mich immer mehr wundert. Wenn ich mir meine eigenen Mails und Eure Antworten so anschaue, dann frage ich mich oft, wozu wir noch immer freiwillig in diesem Land leben. Aber die Gegend und die Leute wachsen einem einfach ans Herz, auch wenn ich das vor lauter Bürokratie zu selten erwähne.

WeihnachtsgrußVor der Tür liegt kniehoch Schnee - in einer Millionenstadt. Weiße Weihnachten sind quasi immer garantiert. Alle zwei Wochen fällt neuer Schnee und dazwischen sorgen angenehme minus 15 Grad dafür, dass nichts wegschmilzt. Ab und zu sind mal unangenehme minus 20 oder 30 Grad - aber dann hat man wenigstens etwas zu erzählen. Und kann sich freuen, wenn der Bus trotzdem kommt - viel spannender als in Deutschland, wo das bei plus 5 Grad und Regen so ziemlich selbstverständlich ist.

Auch im sechsten Jahr bleibt mir die russische Sprache ein Rätsel. Man mag meinen die kyrillischen Buchstaben wären schwer oder die sechs Fälle. Alles Kleinigkeiten, die russische Sprache halt viel bessere Gemeinheiten. Beispielsweise werden Worte je nach Fall unterschiedlich betont (so in etwa: "das Wásser", aber "des Wassérs") - eine Regel gibt es dafür natürlich nicht.

Ferner ist das D nicht weich und das T hart, sondern D ist stimmhaft und T stimmlos - beides gibt es jedoch hart und weich. Ferner gibt es nicht nur T und D, P und B sowie G und K, wie im Deutschen, sondern auch zwei S. Auch L, R und N haben quasi zwei Formen - je nach dem Buchstaben, der folgt. So klingen "Kohle" und "Ecke" für einen Deutschen im Russischen vollkommen identisch - für einen Russen jedoch komplett unterschiedlich. Schuld ist das Weichheitszeichen am Wortende - ein extra Buchstabe, damit es Deutschen hier nie langweilig wird.

Spannend ist auch, dass alle Verben doppelt existieren - je nachdem ob die Handlung vollendet oder unvollendet ist. Netter Weise haben natürlich Russen eine andere Ansicht, was vollendet und was unvollendet ist - was sich nicht nur im allgemeinen Leben sondern auch in der Sprache wiederspiegelt. Will man sagen: "Es ist nicht möglich in das Zimmer gehen, dort schläft unser Chef.", dann muss man für "gehen" das unvollendete Verb nutzen. Bei "Es ist nicht möglich in das Zimmer zu gehen, es ist zugeschlossen" muss man hingegen das vollendete Verb nutzen. Ich versuche hier seit langem einen Zusammenhang zwischen Sprache und russischer Realität zu konstruieren, aber habe noch keine passende These gefunden.

Schön ist, dass man im Russischen viele praktische Wörter hat. Beispielsweise ein Wort für "24 Stunden". Oder für das Gegenteil von "verlieben". Auch kann man von jeder beliebigen Tätigkeit genug haben, und durch eine kleine Vorsilbe am Verb beispielsweise sagen: "Ich habe mich satt gespielt." Und es klingt überhaupt nicht eigenartig! Ferner brauchen die Russen weder das Verb "sein" noch jegliche Artikel. "Ich bin ein Student" ist im Russischen also einfach "Ich - Student".

Winterimpressionen von NovosibirskIch habe bestimmt noch andere spannende Aspekte der russischen Sprache vergessen - übrigens gibt es das Wort "spannend" im Russischen nicht (!) -, aber ich höre an dieser Stelle auf, damit mein Weihnachtsgruß im Anhang noch pünktlich ankommt.

Fahrstühle im Frost (31. Januar 2009)

Zwar war es zwischenzeitlich in Sachsen kälter als in Sibirien, aber im Großen und Ganzen merkt man doch, dass es auch in Sibirien kalt ist. Beispielsweise durften es kurz nach Neujahr meine Zehen zu spüren bekommen - die ich vier Stunden lang in Skistiefel gequetscht hatte, um auf einem wunderschönen Bergkamm Ski zu fahren. Die Zehen fanden den Wind auf dem Bergkamm weniger schön und haben protestiert.

In der Folge ärgerte ich mich drei Wochen mit Erfrierungen zweiten Grades herum. Zum Glück gibt es auf dem Markt schöne große Filzstiefel ("Walenki"), in welche ich auch mit Frostblasen hineinpasste. Normalerweise trägt man Walenki nur auf den Dörfern - wo es richtig kalt ist und hoher Schnee liegt. In der Stadt sorgte ich nun für ihre Verbreitung. So wie mich alle anschauten - Walenki im Kino, cool - habe ich unfreiwillig einen Modetrend begründet und nächstes Jahr wird der Absatz von Walenki in die Höhe schnellen.

Dank der Walenki und vorsichtiger Massage der Füße mit Wodka - trinken wurde mir übrigens verboten - haben es auch es auch alle Zehen überstanden.

Und so kann ich auch den Winter wieder genießen. Im Moment liegt hier ein knapper Meter Schnee - nur von den Straßen wird er fleißig weggefahren. In vielen Stadtvierteln stehen Schnee- und Eisskulpturen - in diesem Jahr natürlich vorzugsweise Rindviecher, da in China das Jahr des Büffels angebrochen ist. Noch immer kann mir niemand erklären, warum in Russland der chinesische Kalender eine Rolle spielen muss, aber ich bin schon ganz gespannt auf die Schnee-Häschen in zwei und die Schlangen in vier Jahren!

Mit dem Winter hat auch die Hochtechnologie im Novosibirsker Nahverkehr Einzug gehalten - es gibt nun zwei Haltestellen mit dynamischen Anzeigen, wann der nächste Bus kommt. Das allein wundert mich noch nicht, aber sie funktionierten sogar ganze drei Tage! Es kam tatsächlich ein Bus zur angezeigten Uhrzeit. Am vierten Tag war die Anzeige dann kaputt.

Auch in unserem Haus gibt es eine Neuerung - unsere Fahrstühle wurden gekoppelt! Unsere lieben Mitbewohner hatten zwei Jahre lang stets beide Fahrstühle gerufen, obwohl zumindest in den Lastenlift definitiv jeder Hausbewohner reinpasst. Nun wurden der Hausverwaltung die Stromkosten zu hoch. Die Aufgabe, die Fahrstühle zu koppeln, überforderte den Programmierer zunächst. Knöpfe, Lämpchen und Lifte führten ein Eigenleben - drücke Knopf 1, wenn nichts passiert, drücke Knopf 2, vielleicht leuchtet dann Lämpchen 1 oder 2 und der andere Lift kommt. Inzwischen klappt aber alles prima, egal welchen Knopf man drückt, es leuchten beide Lämpchen und der nähere Lift kommt. Nur die Mitbewohner schimpfen, weil sie nicht mehr beide Lifte rufen können und sich einbilden, dass sie deswegen nun länger warten müssen.

Im Anhang noch ein paar Bilder, nicht vom Lift, sondern vom Schnee in Novosibirsk.

Winterende und Masleniza (9. März 2009)

In Sibirien ist der Frühling eingezogen. Natürlich kein Frühling im deutschen Sinne.

Vor der Tür liegen noch immer ein halber bis zwei Meter Schnee, der nicht von Plusgraden sondern von der starken Sonne weggebraten wird. Seit rund einer Woche verwandelt sich das prächtige Weiß in eine grau-schwarze Masse. Die schmelzenden Schneeberge mit ihren dunklen Kratern bilden richtig interessante Strukturen, die man angesichts ihrer Bestandteile aber auch apokalyptisch bezeichnen könnte. Das Schwarz bilden abgelagerte Autoabgase der letzten drei Monate, garniert mit Streusand, Hundekot oder Kippenschachteln.

Heute stieg das Thermometer in Novosibirsk erstmals seit November auf über Null Grad. Wie jeden Winter hatten wir etwa zehn Tage mit 30 Grad, weitere drei Wochen mit unter 20 Grad. Die restlichen zwei Monate waren es zwischen 5 und 15 Grad, "mit dem Zeichen Minus" - wie es im Radio so schön heißt. Der kälteste Tag lag bei minus 36 Grad.

Außergewöhnlich war der Schnee in diesem Jahr - fast zwei Meter. Um ein Einbrechen der Dächer im Frühjahr zu vermeiden, ist es angesichts solcher Massen üblich, die Dächer Ende Februar / Anfang März von ihrer Last zu befreien. Absperrbänder in Höfen sollte man daher immer beachten - im besten Fall sind Schneelawinen von oben zu erwarten, im schlimmsten Fall aber auch abstürzende Eiszapfen. Eiszapfenopfer sind leider keine Seltenheit in Sibirien! (Im Anhang einige Bilder vom Schneeräumen auf dem Gartengrundstück meiner Schwiegereltern.)

Eingeleitet wird der sibirische Frühling durch das Masleniza-Fest. Aus religiöser Sicht entspricht dieser Brauch dem Karneval - in der letzten Woche vor der Fastenzeit muss es krachen! Während die Rheinländer Lastwagen mit Pappmascheefiguren durch die Innenstädte schicken, Fußgänger mit Bonbons bewerfen und eigenartige Reden halten, verbrennen die Russen Vogelscheuchen, backen Blini und singen eigenartige Lieder.

Die Vogelscheuchen symbolisieren den Winter, der also unter Missachtung demokratischer Grundwerte verabschiedet wird.

Russiche Bliny entsprechen sächsischen Eierkuchen, rheinischen Pfannkuchen oder französischen Crepes - nur sind sie deutlich dünner. Sie sollen den Übergang von fettigen Winteressen zur Fastenkost versüßen, ihre Form symbolisiert wohl ferner die nun länger scheinende Sonne. Oft werden sie mit Quark oder Hackfleisch gefüllt, aber auch mit saurer Sahne oder hausgemachter Marmelade gegessen. Traditionell sollen Schwiegermütter ihren Schwiegersöhnen in der Festwoche am Mittwoch Bliny backen, die Schwiegersöhne sollten sich dann am Freitag revanchieren. Sehr praktisch, dass die Schwiegermutter vorlegen muss, dies reduziert die Gefahr eines Familienstreits.

Schnee auf der DatschaDie Festwoche wird begleitet durch diverse andere Bräuche - in Dörfern beispielsweise "Wand gegen Wand". Die jungen Männer des Dorfes machen den Oberkörper frei, stellen sich in zwei Linien auf und ... ja ... prügeln auf einander ein, bis eine Seite gewonnen hat. Zugegeben verliert dieser Brauch in letzter Zeit an Bedeutung.

Die Frauen messen sich sowieso friedlicher, beispielsweise mit rhythmischen Vierzeilern zu einer festen Melodie. Die Sprüche sind stets lustig, oft mit sexueller Ausrichtung und einer entsprechenden Lexik. Ein Beispiel, frei übersetzt:
"Will mich nicht mehr versöhnen,
mit dem Wallach, dem schönen,
'nen neuen Helden hab ich längst,
ist ein Scheusal, aber Hengst!"

Den Abschluss findet das die Masleniza-Woche mit dem (Sonn)tag der Vergebung, an dem man allen Bekannten sagen soll: "Verzeih mir für alles!". Die Antwort sollte: "Gott verzeiht!" sein, was bedeutet, dass dies nun Gott zu entscheiden hat - persönlich hat man quasi schon verziehen. Äußerst lustig ist dies, wenn man jemanden sagt: "Verzeih mir für alles!" ... und dieser begreift überhaupt nichts, weil er das ganze Masleniza-Fest verpennt hat!

Ich habe natürlich daran gedacht und selbst mit meiner Schwiegermutter Blini ausgetauscht!

Paraden und Datschen (1. Juni 2009)

Das Frühjahr in Russland steht traditionell für zwei Dinge: die Mai-Feiertage und der Beginn der Datschensaison.

Den Mai-Feiertagen verdankt man als Bewohner Russlands einen angenehmen Nebeneffekt. Am Samstag nach Lenins Geburtstag (23. April) wird aufgeräumt - das hatte er sich wohl zu seinen Lebzeiten so gewünscht, damit am Tag der Arbeit (1. Mai) alles sauber ist. Parkbänke werden gestrichen - meist direkt über die abbröckelnde Farbe vom Vorjahr drüber. In den Parks wird das Laub zusammengekehrt - akkurat zwei Meter links und rechts der Wege. Und auf die Straßen werden Linien gemalt - kurzzeitig erkennt man, wie viele Spuren so mancher Prospekt in Novosibirsk eigentlich hat.

Tomaten auf der FensterbankAm 1. Mai gehen die Kommunisten auf die Straße. In Novosibirsk demonstrieren sie traditionell auf dem Leninplatz, wo dieses Jahr aber zufällig ein Staffellauf stattfand. So mussten die Rentner mit ihren roten Plakaten in den benachbarten Oktober-Stadtbezirk umziehen.

Aber am 9. Mai ging es dann wieder nach alten Sitten zu - seit vergangenem Jahr zeigt Russland seine Stärke und lässt die Panzerparaden neu auferstehen. Typisch russisch war die Organisation der Proben in Novosibirsk: Mittwoch von 17 bis 21 Uhr, also genau in der Hauptverkehrszeit, wurde das gesamte Zentrum abgesperrt, damit im Zentrum die Kadetten das Aufstellen in Reih und Glied üben konnten. In der Stadt lief nichts mehr - einige Bekannte ließen sogar ihr Auto stehen und gingen zu Fuß nach Hause. Und was schlussfolgerten die Verantwortlichen aus diesem Chaos? Die Generalprobe fand am Donnerstag statt - wiederum mitten in der Hauptverkehrszeit.

Darf man eigentlich die Frage stellen, wie Russlands Armee jemals einen Krieg gewinnen will, wenn sie nicht einmal Paraden auf dem Kasernenhof üben kann?

Mit den Maifeiertagen beginnt auch die Datschensaison, neuerdings auch gern als Agrofitness bezeichnet. Nahezu jeder Stadtbewohner besitzt in Russland ein Gartengrundstück, mindestens die Eltern oder Großeltern haben eine Datscha, wo man mit anpacken muss. Die Tomatenpflänzchen, die schon Wochen zuvor auf dem Fensterbrett in abgeschnittenen Milchpackungen gezogen wurden, müssen auf das Gartengrundstück gefahren und eingepflanzt werden. Möhren, Kartoffeln, Zwiebeln, Gurken - alles muss schnell in die Erde, damit es trotz der kurzen Vegetationsperiode einen ordentlichen Wintervorrat gibt.

Bereits Ende Mai gibt es dann auf den Märkten die ersten Radieschen zu kaufen. Und jeder Sibirier schwärmt von den leckeren Tomaten, die man teilweise jedoch schon grün erntet, weil sie sonst von Dieben gestohlen werden könnten.

Im Anhang ein paar Fotos von sibirischen Fensterbrettern - mit besagten Tomatenpflänzchen. Und wer Lenin persönlich beim Aufräumen sehen will, schaut einfach mal hier: Lenin auf dem Subbotnik.

Russland in der Krise (1. November 2009)

Russland wird wieder normal. Das mag zynisch klingen, aber mal ehrlich - der Höhenflug 2008 war schon eigenartig. Wolkenkratzer-Träume, Eishockey-Weltmeister, Eurovisions-Gewinner, Zuschlag zur Olympiade 2014. Ich atmete erleichtert auf, als nach drei Tagen Jubelgekreische in einer lauen Sommernacht letztes Jahr in unserem Hof gegen 3 Uhr endlich Ruhe einzog - offensichtlich endete Russlands Glückssträhne im Halbfinale der Fußball-EM. Aufatmen nicht nur, weil ich nun endlich schlafen konnte, sondern auch, weil mich mein Bauchgefühl doch nicht getäuscht hatte.

Normal war es jedenfalls nicht, wie in Russland die Einkaufszentren wie Pilze aus dem Taiga-Boden schossen. Wovon lebten all die Nobelboutiquen, die mindestens 30 Euro Miete pro Quadratmeter zahlten, aber keine Kunden hatten? Wer waren all die Menschen, die in den dutzenden neuen Cafés von Novosibirsk plötzlich winzige Stückchen Quarkkuchen für fünf Euro kauften? Woher kamen die unzähligen Rubel, mit denen die vielen Hummer-Geländewagen mitten in Sibirien finanziert wurden? Wie konnte es sein, dass mitten in der Steppe Häuser mit 40 Etagen rentabel erscheinen, wo doch rund herum genug Platz wäre?

Doch meine Skepsis war nicht unbegründet. Während man in Deutschland meinem Eindruck nach von einer Krise redet, ist sie in Russland da. Die Baustellen stehen still, die Einkaufszentren machen dicht, die Preise für Dienstleistungen aller Art sinken wieder auf ein Niveau, welches auch der Qualität entspricht. Sicher tragisch für jene, die sich an das angenehme Leben mit Quarktorte im Einkaufszentrum gewöhnt hatten. Und noch tragischer für jene, die zu Zeiten des Booms Kredite mit 20 Prozent Zinsen für eine Wohnung aufgenommen hatten - im Glauben, dass die Preise selbst westeuropäische Maßstäbe überschreiten werden.

Angesichts der persönlichen Schicksale, die Krisen für die betroffenen Menschen bedeuten, muss man Worte mit Bedacht wählen. Aber insgeheim bin ich dennoch froh, dass der russische Größenwahn, welchen ich 2008 zunehmend unangenehm empfand, einen starken Dämpfer bekommen hat. Und ebenso beruhigt es mich, dass das wilde Wachstum, welches der SPIEGEL vergangenes Jahr noch mit neoliberalen Worten vergötterte, doch nicht so grenzenlos war, wie es schien.

Nachwuchs in Russland (21. März 2010)

Der erste Schritt zum Nachwuchs unterscheidet sich in Russland und Deutschland natürlich kaum ‐ Kinder bringt auch hier der Klapperstorch. Alternativ findet man Kinder „im Kohl“, wobei mir niemand erklären konnte, wie dies genau zu verstehen ist. Bildliche Darstellungen zeigen einen Weißkohl ‐ ein Kind, umhüllt von ein paar Blättern, zufällig gefunden auf dem Beet auf der Datscha.

Während der Schwangerschaft werden auch in Russland die werdenden Mütter umfassend betreut, Untersuchungen, Ultraschall und allerlei Analysen. Leider haben die Ärzte ein unheimliches Talent, ihre Patientinnen verrückt zu machen ‐ jede kleine Abweichung zieht irgendwelche Medikamente oder gar Krankenhausaufenthalte nach sich. Sicher ist sicher! Und selbst wenn man nichts findet ‐ Vitamine, Blutverdünner und ähnliche Präparate werden auch den gesunden Schwangeren verschrieben. Sicher ist sicher!

Wenn sich die werdende Mutter in den ersten 13 Wochen der Schwangerschaft in den Klinik anmeldet, muss der Arbeitgeber einen Bonus auszahlen ‐ 359 Rubel und 70 Kopeken, umgerechnet 9 Euro.

Beim Mutterschutz ist man in Russland großzügiger als in Deutschland ‐ zehn Wochen vor und zehn Wochen nach der Geburt darf die Mutter zu Hause bleiben. Der Staat zahlt in dieser Zeit 100 Prozent des Gehaltes des letzten Jahres ‐ bis zu einer Höchstsumme von 680 Euro im Monat. Diesem Fakt ist es zu verdanken, dass bei vielen Schwangeren in den letzten Arbeitsmonaten plötzlich der offizielle Lohn schlagartig anspringt. Auch das anschließende Elterngeld, welches bis zum 18 Monat gezahlt wird, orientiert sich am letzten Gehalt, beträgt jedoch maximal 180 Euro. Ferner gibt es vom Staat einmalig 240 Euro Geburtsbeihilfe. Weitere 150 Euro legt der Gouverneur vom Nowosibirsker Gebiet oben drauf ‐ falls man die Geduld hat, dafür extra ein Konto zu eröffnen und diverse Stempel einzusammeln. (Ab dem zweiten Kind erhöhen sich die Summen ‐ zweckbezogen kann man eine Beihilfe in Höhe von 10.000 Euro beantragen, beispielsweise für Wohnraum.)

Der Arbeitsplatz ist übrigens wie in Deutschland bis zu drei Jahre Elternzeit garantiert ‐ theoretisch dürften neben der Mutter oder dem Vater auch die Großeltern diese Regelung in Anspruch nehmen. Doch läuft es in Russland oft klassisch ab ‐ in aller Regel bleibt die Mutter zu Hause, in seltenen Fällen die Oma.

Noch klassischer wird das Thema Geburt behandelt. In den Krankenhäusern ist ein Stück Sowjetunion übrig geblieben. Geburten sind meist nur im Liegen zulässig, ab einer Woche Verspätung wird nachgeholfen und die Ärzte wissen sowieso alles besser. Dummerweise basiert ihr Wissen offensichtlich auf Büchern aus den 60er Jahren. Immerhin wird das Kind nach der Geburt kurz der Mutter gegeben, aber sechs Stunden (!) für Untersuchungen weggeschleppt. Und wenn es aufgrund veralteter Theorien notwendig erscheint, wird das Stillen für drei Tage verboten. Geburten im Wasser werden als unnatürlich dargestellt ‐ im Wasser gebären nur niedere Kreaturen!

Die Geburt ist kostenlos, möchte jedoch der Vater der Geburt beiwohnen, ist meist ein extra Obolus von etwa 200 Euro für eine „Service‐Geburt“ zu entrichten. Bei diesem Service sind dann auch Besuche am Wochenbett erlaubt ‐ täglich von 17 bis 19 Uhr. Ansonsten darf der Vater seine Familie frühestens nach drei Tagen abholen, vorher nur aus dem Hof winken oder Plastiktüten abgeben, welche strengen Regeln unterliegen: keine Blumen, keine Luftballons, keine Süßigkeiten, keine Milchprodukte, nur ausgewählte Säfte, keine Konserven, keine Wurst und keinen Kohl. Wieso trotz dieses Verbotes bis heute die Mär vom Kind „im Kohl“ erzählt wird, ist mir unklar.

In Nowosibirsk gibt es als Alternative eine Privatklinik, wo westliche Maßstäbe vorherrschen und die Ärzte immerhin mit der Literatur der 90er Jahre vertraut sind. Eine Geburt mit Anwesenheit des Vaters kostet hier allerdings auch 2.200 Euro.

Schon im Krankenhaus lernt man in Russland eine Grundlage der russischen Kleinkindpflege: das Wickeln! In Russland werden alle Kinder die ersten zwei Monate in Tücher gewickelt. Windeln, Strampler und ähnliches braucht man erst danach. So ein eingewickeltes Kind sieht ungewöhnlich aus ‐ aber dem Nachwuchs gefällt es, denn in Mamas Bauch war auch nicht mehr Platz!

Viele andere russische Traditionen sind durch die Geburtskliniken leider verloren gegangen. Dazu zähle ich jetzt nicht, dass der Vater die Nabelschnur einer Tochter mit einer Schere, die Nabelschnur eines Sohnes mit einem Messer oder besser einer Axt (!) durchtrennen sollte. Eine interessante Tradition ist, dass das Kind direkt nach der Geburt in das Hemd eingewickelt wurde, welches der Vater während der Geburt trug. Die mystische Bedeutung ist, dass Dämonen das Kind mit dem starken Vater verwechseln sollten. Der praktische Nutzen ist, dass die Kinder so sofort den Geruch des Vaters wahrnehmen und auch seine Antikörper etc. aufnehmen.

Meine Frau wollte ursprünglich in einem moderaten staatlichen Krankenhaus von Nowosibirsk entbinden, dieses schloss jedoch wegen der alljährlichen Reinigungswochen! Der Chefarzt des Ausweichobjekts war uns derart unsympathisch, dass wir zur Privatklinik tendierten. Dann ging es aber plötzlich so schnell, dass wir die zweite Alternative wählten ‐ eine Hausgeburt. Wir hatten uns in privaten Kursen sicherheitshalber darauf vorbereitet. Während der Geburt waren zwei Hebammen anwesend, auch wenn sie dies nach russischem Recht offiziell nicht vorgesehen ist.

So wurde unser Sohn doch in mein Hemd eingewickelt. Nur eine sterile Axt hatten wir kurzfristig nicht im Haus!

Nachtrag: Eine Herausforderung war in unserem Fall noch die Impfung gegen einen möglichen Rhesuskonflikt. Dafür muss innerhalb von 72 Stunden nach der Geburt der Mutter ein Präparat gespritzt werden. Dieses müssen die Eltern privat kaufen ‐ allerdings war es in ganz Sibirien vergriffen. Der russische Hersteller produzierte gerade Mittel gegen die Schweinegrippe und der Importeur der ausländischen Präparate war bankrott. Im Umkreis von 1000 Kilometern war das Zeug nicht aufzutreiben ‐ obwohl es bei zwölf Prozent aller Geburten benötigt wird und in besagter Gegend über fünf Millionen Menschen leben. Am Ende konnten wir es in zwei Apotheken im 3.500 Kilometer entfernten Moskau finden, wo es Freunde erwarben. Andere Freunde kannten einen Pilot, der die Spritze im Kühlschrank eines Linienflugs nach Nowosibirsk beförderte.

Mail für alle ohne Kinder: Politik, Korruption und Wodka (17. Oktober 2010)

Bei unserem letzten Deutschlandbesuch hörte ich drei Fragen besonders häufig. Erstens: "Ist das mit dem Alkohol denn wirklich so schlimm?"

Glaubt man der Statistik, dann ja. Die Lebenserwartung für Männer wird oft mit unter 60 Jahren angegeben, für Frauen mit über 70. Einen so deutlichen Unterschied kann man nur bedingt mit den Kriegen in Tschetschenien oder Afghanistan begründen - bleiben also der Wodka und seine Folgen.

Meinen subjektiven Beobachtungen in Novosibirsk oder Moskau zufolge, trinkt der gebildete Russe nicht mehr, aber deutlich intensiver. Statt des täglichen Glas Wein in Deutschland, gibt es halt die wöchentlichen 250 Gramm Wodka. Nun sieht man einem Menschen ein Glas Wein weniger an, als einen viertel Liter Wodka - was den Klischees natürlich reichlich förderlich ist! Und mit etwas Wein im Blut kann man problemlos im Fluss baden gehen oder ein Auto lenken, mit reichlich Wodka eher nicht - was sich in der Statistik widerspiegelt.

Dazu kommt, dass die Unterschicht in Deutschland eher Sterni-Pils im Netto kauft, während der prekär lebende Russe zum Selbstgebrannten greift. Was man auch immer von Sterni halten mag - blind wird man davon nicht!

Bleibt die Frage, wie man als deutscher Gast mit dem Wodka umgeht. Die einfachste Variante ist, mindestens drei Runden mitzutrinken. Danach sind alle ausreichend entspannt, um den Verzicht des Gastes hinzunehmen. Es wird zwar eingegossen, aber keiner bemerkt, wenn man nicht mehr mittrinkt. Beim Nachschänken heißt es zwar dann: "Da ist ja noch was drin!", aber das ist auch wieder schnell vergessen.

Will man des klare Wässerchen gänzlich verschmähen, braucht man gute Ausreden. "Als besoffener Ausländer versuchen einen die Polizisten häufiger auszunehmen!" klappt ganz gut.

Womit wir bei Frage zwei wären: "Ist das mit der Korruption denn wirklich so schlimm?"

Auch hier kann man der Statistik glauben – in der Liste von Transparency International steht Russland auf Platz 147 von 180 untersuchten Staaten. Und sicher ist, um in Russland etwas zu erreichen, muss man entweder schön geduldig sein oder schön schmieren – die Behörden, die Feuerwehr, die Polizei, die Auftraggeber, die Politik.

Im Dezember, nach dem schweren Brand in einem Club in Perm, kam die Feuerwehr auch unser Büro überprüfen. Zunächst hatten wir keinen Fluchtplan - Strafe. Bei der zweiten Kontrolle hatten wir einen Fluchtplan, aber nicht auf lichtbeständigem Papier - Strafe. Natürlich hätte man beide Strafen direkt "vor Ort" zahlen können. Genauso war es aber möglich, das Protokoll zu unterzeichnen und sich dann vor Gericht zu offiziellen 15 Euro Strafe verurteilen zu lassen.

Vor zwei Jahren ließ ich mich beim Überholen im Überholverbot erwischen. Die Polizisten waren schwer verwundert, dass ich trotz der eindringlichen Hinweise auf ein drohendes Fahrverbot ein Protokoll ausfüllen ließ und dann im Bereich für Kommentare des Fahrers auch noch: „Einverstanden!“ vermerkte. Das Gericht verurteilte mich später zu vier Monaten Führerscheinentzug ohne Geldstrafe - ein mildes Urteil, weil ich so einsichtig war.

Sowohl Privatpersonen als auch kleine Firmen können also - wenn der Wille vorhanden ist - locker ohne Schmiergeld leben. Meist ist das etwas aufwändiger als mit, aber als idealistischer Deutscher nimmt man das halt hin.

Frage drei ist besonders komplex: "Warum ist Putin so beliebt?"

Eine umfassende Antwort würde Bände füllen. Aber ein Argument lieferten mir letzte Woche die Wahlen für den - im übertragenen Sinne - Novosibirsker Landtag. Die Wahlbeteiligung lag bei knapp 30 Prozent. In unserem Stadtteil konnte man zwischen "Die Zeit wartet nicht" und "Recht auf Zukunft" wählen - so die Slogans von zwei Kandidaten. Die Opposition warb mit "Senkung der Mietnebenkosten" - ohne irgendwie anzudeuten, wie das gehen soll.

Wenn man solche Slogans hört, wird Putin natürlich zur Lichtgestalt. Er hat die letzten Jahre einen gewissen Reichtum gebracht, jagt Terroristen, hat Russland international wieder zu Anerkennung verholfen. Man muss den Mann nicht lieben - aber unter all den schlechten Wahlmöglichkeiten, ist er leider immer noch die beste!

Noch Fragen?

Mail für alle mit Kindern: Wickeln, Spazieren und Reflexe (17. Oktober 2010)

Arthur wächst fleißig - er ist inzwischen elf Monate alt, läuft alleine durch die Wohnung und kann auf Kommando in den Topf machen. Wie kam es dazu?

Ein großer Unterschied zwischen Russland und Deutschland ist, dass man Kinder hier noch ganz klassisch wickelt. Die ersten Tage, Wochen oder Monate - je nach Weltanschauung der Eltern - werden die Kinder eng in große Tücher gewickelt. Es mag sich brutal anhören, dass das Kind seine Arme und Beine nicht frei bewegen kann - aber so dumm ist die Idee gar nicht. Denn im Bauch der Mutter war es ja auch nicht sonderlich geräumig, und die engen Tücher geben ein Gefühl, was jenem im Bauch relativ nahe kommt.

Ein weiterer Unterschied ist, dass man hier auch bei Frost mit einem Baby spazieren geht - was bleibt einem auch anderes übrig. Arthur - ganz nach meinem Vorbild 1978/79 - hatte sich 2009/10 einen besonders kalten Winter herausgesucht. Volle drei Monate waren es unter minus 20 Grad. Ein Vierteljahr nur in der Wohnung geht natürlich nicht. Also Windel, Strampler, Wickeltuch, Decke und darüber eine dicke Winterkombination - und raus in den Park. Ab 30 Grad sind wir dann aber doch nur noch um das Haus gelaufen und haben alle fünf Minuten die Wangen des Kleinen überprüft.

Unterschied drei ist eine Besonderheit, die hier in den letzten Jahren in einigen (!) Familien modern geworden ist: Man versucht, die Kinder per Reflex so früh wie möglich trocken zu bekommen. Bereits mit wenigen Wochen beginnt man, in dem Moment, wenn der Nachwuchs in das Wickeltuch macht, ihm die Worte "Pies, pies, pies" in die Ohren zu säuseln - die Übersetzung kann ich mir ja wohl sparen. Die Idee ist, dass es später auch anders herum funktioniert - man hält den Wicht über eine Schüssel, sagt "pies, pies, pies" und los geht es. Klingt albern? Die letzte Windel liegt bei uns drei Monate zurück, große Geschäfte gehen prinzipiell in die Schüssel und kleine vielleicht noch drei mal am Tag daneben - meist, wenn wir nicht darauf achten und vergessen, ihm die Schüssel anzubieten. Auch nachts wacht Arthur brav auf, lässt sich über die Schüssel halten, und schläft brav weiter. Oder will spielen.

Ansonsten sehe ich in wenig Unterschiede zu Deutschland. Hier und dort gibt es Befürworter und Gegner von Impfungen, Mütter, die so schnell wie möglich abstillen, und Mütter, die drei Jahre lang stillen, sowie Eltern, die ihre Kinder vom Fernseher erziehen lassen, und Eltern, die selber Quatsch mit den Kindern machen.

Wir impfen, werden noch ein paar Monate stillen und machen selber Quatsch.

Russische Schimpfwörter (6. April 2010)

Mein achter Frühling in Russland - während wir letztes Jahr die schlimmsten Tage kurzerhand in Europa verbrachten, erleben wir die Schlammschlacht dieses Jahr wieder in voller Pracht. Kaum hat man Hoffnung, dass die Sonne nun endlich stark genug wird, um die grauen Schneeberge wegzufressen, kommen wieder drei, vier Tage Frost. So geht es nun seit zwei Wochen und ein Ende ist noch nicht abzusehen, im Hof liegt noch ein Schneeberg von fast zwei Meter Höhe.

Der achte Winter war dafür ein sehr angenehmer - die kältesten sibirischen Tage (etwa minus 40) hatten wir im Vogtland verbracht. Damit es nicht langweilig wird, im kältesten Ort Deutschlands, in Morgenröthe-Rautenkranz bei milden minus 24 Grad. Wenn Sibirier Urlaub machen!

Acht Jahre in Russland - zunehmend fällt es mir schwer, Themen zu finden, die ich Euch noch nicht geschildert habe. Offen ist in jedem Fall noch der russische Straßenslang, auch "russki Mat" genannt. Aus vier Wörtern - Geschlechtsverkehr haben, Prostituierte, das männliche sowie das weibliche Geschlechtsorgan - kann die russische Unterschicht eine schier unglaubliche sprachliche Vielfalt bilden. Für Deutsche ist es unvorstellbar, dass allein aus "Schwanz" drei Dutzend verschiedene grammatikalische Formen abgewandelt werden können. Und je nach Betonung, kann das Wort "Hure" alle möglichen Bedeutungen, von "verdammt noch mal" bis zu "Du kriegst die Tür nicht zu" haben! Ein gutes Beispiel dafür sind die Protokolle der Fluglotsen aus Smolensk beim Absturz der polnischen Präsidentenmaschine. Diese wurden vor einiger Zeit unzensiert veröffentlicht, wobei sich der SPIEGEL recht diplomatisch ausdrückte: "Dann brach der Kontakt ab, und die russischen Fluglotsen ergingen sich in wüsten Beschimpfungen." Im Original liest sich das so:

* Person 1: Höhenkontrolle, Horizont? Wie lange sollen wir warten? Abkehren für eine zweite Runde! Abkehren für eine zweite Runde! Wo ist er? Abkehren für eine zweite Runde! … [Prostituierte - wütend ausgesprochen], wo ist er?
* Person 2: Weiß der … [männliches Geschlechtsorgan], wo ist er?
* Person 1: 101? … [Aufforderung, sexuelle Handlungen an einer Mutter vorzunehmen]!
* Person 3: … [Partizip II von Geschlechtsverkehr haben] in den Mund, ... [Prostituierte - sehr lang, mit Entsetzen]
* Person 1: Abkehren für eine zweite Runde, 101!
* Person 3: Für meine Begriffe, … [Prostituierte - kurz, mit Entsetzen]
* Person 1: … [Prostituierte - wütend]! 101?
* Person 3: … [Prostituierte]!
* Person 1: 101?
* Person 3: … [Prostituierte], los, eine Feuerwehr dahin, los, … [Prostituierte]! … [Aufforderung, sexuelle Handlungen an einer Mutter vorzunehmen]! Naaaa, ... [Prostituierte]!
* Person 1: 101? PLF!
* Person 2: ... [Prostituierte]!
* Person 4: Find wenigstens heraus, ist er bis zum Empfänger geflogen oder nicht, wo ist er? Er hat den Empfänger überflogen, ja? Alle, er hat den nächstgelegenen Empfänger überflogen, links, an der Straße irgendwo.
* Person 1: PLF, 101!
* Person 5: Am nächstgelegenen abgestürzt, links der Straße!
* Person 4: Wollte auf eine zweite Runde abdrehen, dann abgestürzt!
* Person 1: ... [Prostituierte - sehr lang, ernüchtert]!

Es sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass dieses Beispiel noch als sehr milde und durchaus begründet zu bewerten ist - Fluglotsen haben bekanntlich einen gewissen Bildungsgrad und die konkrete Situation war wirklich unangenehm. In ärmeren Stadtvierteln von Russland trifft man Leute, die keinen Satz ohne Schimpfwort formulieren können. Die Schimpfwörter übernehmen bei ihnen vollständig die emotionale Betonung, alle Gedankenpausen zwischen Wörtern, alle gedachten Satzzeichen. Dementsprechend schließt auch jeder (!) Satz mit einem der genannten vier Wörter ab!

Politisch korrekt ist das Schimpfwort "blin" (Eier- beziehungsweise Pfannkuchen), welches zufällig dieselben Anfangsbuchstaben wie die oben genannte "Prostituierte" hat. Dieses ist sogar für Ausländer nutzbar, die ansonsten wegen der sprachlichen Vielfalt des Slangs jegliche Anwendung vermeiden sollten!

Eierkuchen, ich muss los! Tschüß!

Das moderne Matriarchat (10. Juni 2011)

Für Deutsche einfach ein undenkbares Bild: ein Mann kommt in eine gemischte Runde, gibt allen anwesenden Männern die Hand, nickt den Frauen aber nur zu. In Russland ganz normal, im Gegenteil, alles andere wäre unüblich. Gäbe er den Frauen die Hand, würde es wohl als Scherz aufgenommen. Ich kann mir darauf nur einen Reim machen - mit seinen groben Männerpranken fasst man eine fremde, zarte Frau einfach nicht an.

Es ist also eine Form der Verehrung - denn ansonsten sind die russischen Männer in Fragen der Etikette gut erzogen. Man gibt Frauen die Hand, wenn sie die letzte Stufe vom Bus auf die Straße überwinden müssen. Man trägt Ihr jegliche Tasche, die offensichtlich mehr als Kosmetik und Mobiltelefon enthält. Man hilft unbedingt in den Mantel.

Um Ausreisegedanken der weiblichen Leserschaft vorzubeugen, sei darauf hingewiesen, dass dies alles nur Ersatzhandlungen sind, welche den fehlenden Willen zum Abwaschen, Kochen, Bügeln und ähnlichen häuslichen Tätigkeiten kompensieren. In den meisten russischen Haushalten übernehmen all diese Aufgaben die Frauen, die zudem auch stets arbeiten gehen, also keine Hausfrauen sind. Und Zeit zum Hübschmachen finden sie auch noch - denn auch dies ist in Russland eher eine weibliche als eine männliche Tugend. Ich erinnere daran, dass ich 2003 in Moskau noch kein Duschbad für Männer finden konnte.

Deutsche Mädchen wollen hingegen nicht hübsch sein - ein gern ausgesprochenes Klischee in Russland. Allenfalls durch die Konkurrenz der russlanddeutschen Einwanderinnen würden die deutschen Frauen in letzter Zeit wieder zu Kosmetik greifen - auch das habe ich schon gehört. Es ist nicht so, dass russische Mädchen keinen Wert darauf legen, für ihr Fachwissen oder für intelligente Gespräche gemocht zu werden, aber dabei kann man gern noch zusätzlich extrem gut aussehen!

Klingt natürlich alles nach altem Rollenverständnis. Ist es auch. Eine Kollegin hat unsere Programmierer befragt, ob sie für ein Babyjahr zu Hause bleiben würden: "Unvorstellbar, dass meine Frau das Geld verdient, von dem ich ihr Blumen kaufen will!" Diese Problematik wäre mir nur bedingt in den Sinn gekommen.

Ein Journalist meinte vor einigen Jahren dennoch zu mir, Russland wäre das moderne Matriarchat. Denn die wahre Macht haben in Russland die Frauen, wenn auch subtiler. Die Jungs sind ihren Partnerinnen einfach hilflos ausgeliefert - den Reizen können sie nicht widerstehen, alleine kochen haben sie ver- oder nie gelernt und nach zu viel Wodka finden sie ohne ihre kluge, nüchterne Frau einfach nicht mehr nach Hause!

Viele Russinnen schütteln daher den Kopf über die Emanzipationsbewegung. Wozu vordergründige Gleichberechtigung, wenn man doch schon im Hintergrund viel mehr Macht hat?!

Und das lasse ich jetzt mal so stehen.

Einsame Diplomaten, Ingenieur-Jäger und Hannes (15. Oktober 2011)

Diesen Sommer war wieder einmal Zeit für einen großen Schichtwechsel - nahezu die gesamte deutsche Gemeinschaft in Novosibirsk ist abgereist. Und zwar nicht nur in den wohlverdienten Heimaturlaub, sondern für immer. Interessanterweise geschieht dies in Wellenbewegungen, etwa alle vier Jahre haben plötzlich alle die Nase voll vom Gastland. Von den 50 Deutschen vor Ort haben weit über 20 Dauergäste die Segel gestrichen, weitere 10 waren grundsätzlich nur für ein Jahr hier.

50 Deutsche in Novosibirsk? An sich sind es weitaus mehr, denn zu Stalins Zeiten wurden nahezu alle Wolgadeutschen nach Sibirien oder Kasachstan umgesiedelt. Zu Helmut Kohls Zeiten ging es dann für sehr viele wieder westwärts, über das Auffanglager Friedland nach Deutschland. Dennoch erzählt noch heute jeder zweite Taxifahrer, er habe deutsche Wurzeln oder aber zumindest seine Frau, sein bester Freund oder der Hund habe einen deutschen Großvater. Mit 50 Deutschen meine ich aber deutsche Deutsche - also in Deutschland geborene Gäste. Für eine Stadt mit 1,5 Millionen Einwohnern sind das wirklich nicht viele.

Den größten Teil der Deutschen stellt das Generalkonsulat - 12 Diplomaten, zum Teil mit Familienangehörigen arbeiten zusammen mit etlichen russischen Ortskräften hier. Man betreut den wohl größten Konsularbezirk der Welt – vom Ural bis zum Pazifik. Hauptaufgabe sind natürlich Visa, um den Großvater der Frau, des besten Freundes oder des Hundes zu besuchen. Die große Politik wird natürlich in Moskau gemacht. Früher mussten wenigstens ab und zu noch Horst oder Gerd bei Flügen nach China zum Auftanken in Sibirien zwischenlanden - das neue Flugzeug von Angela und Christian fliegt nun aber direkt. Deswegen sind die deutschen Diplomaten hier eher "einsam" - ohne dutzende Kollegen aus anderen Ländern, die mangels Russlandbriten oder Russlandkongolesen kein Konsulat in Sibirien unterhalten. Und da man als deutscher Diplomat alle vier Jahre den Posten wechselt, lohnt es auch nicht, jedes Mal die Landessprache zu lernen. Und weil das alles so kompliziert ist, dürfen die deutschen Beamten ausnahmweise schon nach drei Jahren aus Sibirien weg. "Schwerer Einsatzort" nennt sich das wohl.

Neben dem Generalkonsulat präsentieren diverse Organisationen die deutsche Kultur in der Stadt: Das Goethe-Institut ist seit 2009 mit zwei Mitarbeitern vor Ort und organisiert vor allem Ausstellungen, Konzerte und Filmwochen. Zwei Goethe-Sprachlernzentren mit je einem Sprachlektor geben Deutschunterricht. Die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen hilft russischen Schulen mit Materialien und zwei Fachlehrern. Die Friedrich-Ebert-Stiftung, derzeit ohne deutschen Deutschen, fördert die Zivilgesellschaft. Die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, ein Deutscher, koordiniert die Kulturarbeit der Russlanddeutschen. Die zwei Deutschen des DAAD locken hochqualifizierte Studenten nach Deutschland, damit sie später die fehlenden deutschen Ingenieure ersetzen oder später als russische Ingenieure deutsche Maschinen kaufen oder später als russische Politiker unser Land ganz toll finden. Die Caritas hilft mit drei Ordernschwestern und regelmäßigen Freiwilligen jungen Müttern, Obdachlosen, Rentnern und Kindern aus prekären Verhältnissen. Und bis Sommer hatte auch die evangelische Kirche zwei Pastoren vor Ort, zur Betreuung der verbliebenen Lutheraner vor Ort.

Studenten und Praktikanten gibt es in Nowosibirsk relativ wenige - die drei Sprachlektoren von Goethe und DAAD sind die einzigen stabilen Faktoren. „Echte Studenten“ verirren sich eher selten hier her, da die Studien- und Wohnheimsgebühren doch recht stattlich sind. Zudem passt der Frontalunterricht der russischen Dozenten selten zum Sprachniveau und zu den gewohnten Lernmethoden der deutschen Studenten - so dass ein Austausch meist eher auf menschlicher Ebene stattfindet, zumindest bei den männlichen Gästen.

Dann haben wir noch Hannes - der sich als radfahrender Frührentner vor einigen Jahren in Irina aus Novosibirsk verliebt hat. Nun radeln sie zu zweit durch Sibirien und Deutschland.

Bleiben noch die Deutschen in der Wirtschaft - derzeit fünf an der Zahl. Zwei Handelsvertreter, ein Berater, ein Ingenieur in der Ölindustrie sowie ein Verkehrsingenieur, der irgendwas mit IT macht.

Einschätzung nach der Wahl in Russland I (9. Dezember 2011)

Die deutschen Journalisten freuen sich wieder einmal über das russische Volk, was gegen den Häuptling aufbegehrt - aber was ist dran?

Erstaunlich viel!

Fakt ist, da hat die deutsche Zeitungslandschaft sicher Recht, dass das Wahlergebnis eine ungeheure Schlappe für die gelenkte Demokratie von Wladimir Putin ist. Nur 49 Prozent für seine Partei "Einiges Russland" - ach Moment, nach aktueller Leseart soll man ihn und die Partei ja nicht gleichsetzen, er wäre ja kein Mitglied, sondern nur der Vorsitzende. Angesichts der Tatsache, dass diese 49 Prozent auch noch erschwindelt wurden, muss man klar und deutlich anerkennen, dass die russische Gesellschaft ihre politische Passivität offensichtlich beenden möchte.

Wurde geschwindelt? Sicher ja, man die Wahlergebnisse vergleicht!

Xenias Tante ist Gewerkschaftsführerin in einer Nowosibirsker Schule, und wurde angehalten zu überprüfen, dass alle Lehrer wählen gehen. Moment, "wählen" gehen oder "richtig wählen" gehen? Ihre Antwort auf meine Frage war eindeutig: "wählen" gehen. Meine Kollegen haben ausprobiert, ob kurz vor Schließung der Wahllokale ihre persönlichen alle Stimmzettel noch vorhanden waren oder schon von fremden Händen ausgefüllt wurden - aber auch hier keine Hinweise auf Manipulationen. Von gefälschten Protokollen liest man in Nowosibirsk sehr wenig.

Und das sieht man - meiner Meinung nach - an den Resultaten: In Nowosibirsk liegen die Kommunisten vor dem "Einigen Russland" und sogar die oft als echte Opposition bezeichnete Partei "Jabloko" (Apfel) hat fast die 7-Prozent-Hürde übersprungen.

Andere Ergebnisse hört man beispielsweise aus Moskau, Nowokusnjezk und natürlich aus Tschetschenien. Dort sind ja angeblich 90 Prozent der Wähler zur Wahl gegangen, um mit 99,7 Prozent für "Einiges Russland"zu stimmen - für eine Region mit Unabhängigkeitsbestrebungen eine recht mysteriöse Entscheidung. Auch diverse Video-Aufnahmen aus den Wahlbüros vieler Regionen sprechen eine eindeutige Sprache - es gab vielerorts Manipulationen.

Nun weiß Russlands Gesellschaft selber nicht, was man aus dieser Situation machen will. Die Ohrfeige sitzt und meiner Beobachtung nach freut sich das ganze Land über das Ergebnis. Das Postengeschiebe der letzten Wochen hat viele verbittert - man fühlte sich als Stimmvieh, "Barany" (Schafe), verschaukelt. So intensiv wie vor und nach dieser Wahl wurde auch unter meinen Kollegen noch nie diskutiert! Und insofern hat Dmitry Medwedew durchaus Recht, wenn er nun von "Demokratie in Aktion" spricht - auch wenn die deutsche Presse dies als höhnische Aussage wertet.

Bei einem weiteren Detail liegen die deutschen Berichterstatter meiner Meinung nach nicht richtig - 5000 Demonstranten in Moskau sind für eine Stadt mit 20 Millionen Einwohnern eine Nichtigkeit! Viele bleiben nicht aus Passivität sondern bewusst zu Hause - sicher auch morgen, wenn eine landesweite Protestaktion angekündigt ist. Zum einen ist im Moment niemandem an einer Destabilisierung gelegen. Zum anderen gibt es auch keine wirklich fähige Opposition. Käme es nun zu einer Revolution, würden wie in den 1990er Jahren irgendwelche zwielichtigen Geschäftsmänner mit Beziehungen nach Amerika das Ruder übernehmen - so die Sorge. Dann doch lieber die KGB-Garde, die jetzt das Land lenkt.

Und so wird wohl auch im April wieder Putin Präsident - weil es keine Alternative gibt. Das russische Volk witzelt schon, wie die Übergabe des roten Koffers ablaufen wird.
Putin: "Den Koffer kannst Du behalten!"
Medwedew: "Wieso, willst Du ihn nicht haben?!"
Putin: "Glaubst Du, ich habe Dir vor vier Jahren das Original gegeben?"

Einschätzung nach der Wahl in Russland II (5. März 2012)

Putin wurde gewählt und die deutsche Presse wird nicht müde, ihm diesen Sieg irgendwie abzuerkennen. Mal haben ihn die falschen gewählt (spiegel.de: "Junge, gut-ausgebildete Großstädter aber, die er zur Modernisierung der Wirtschaft braucht, hat er verprellt."), mal wirft man ihm Manipulationen vor (tagesschau.de: "Die Wahl wurde erneut überschattet von Manipulationsvorwürfen. Die unabhängige russische Wahlbeobachterorganisation Golos verzeichnete weit mehr als 3000 Verstöße landesweit.") und so weiter und so fort.

Zwei Dinge sind meiner Ansicht nach Fakt: Diese Wahl ist mit Abstand die ehrlichste, die Russland in den letzten Jahren erlebt hat. Und dieser Sieg wurde von Putin wirklich in einem Wahlkampf erkämpft.

Noch im November sah es düster aus - nach der Rochade von Putin und Medwedew waren die Bürger erbost, zu dummen Stimmvieh degradiert zu werden. Das Resultat waren klägliche 45 Prozent für Putins Partei bei der Parlamentswahl - und selbst diese Zahl muss man angesichts einiger gut dokumentierter Fälschungsvorwürfe mit Vorsicht genießen.

Putin ging in die Offensive.

Zum einen sorgte er für Transparenz. Es gab mit dem Ölmilliardär Prochorow ein neues, unverbrauchtes Gesicht im Wahlkampf - mit einem ernsthaften Programm und wenig Polemik. Ferner wurden in allen Wahlbüros Webcams aufgehängt, die dazugehörigen Rechner in einem verplombten Stahlkasten gesichert. Auf einer Webseite konnte man auf einer Karte jedes einzelne Büro ansteuern und persönlich den ganzen Tag beobachten.

Zum anderen setzte Putin inhaltlich auf Stabilität und rührte am Nationalstolz. Mit Verweis auf die Ukraine, Georgien, Ägypten, Libyen und Syrien wurde vor einer von außen (Amerika) aufgesetzten Revolution gewarnt, die im Chaos enden könnte. Angesichts des sich langsam regenden Wohlstands war diese Vorstellung selbst den "gut-ausgebildeten Großstädtern, die er zur Modernisierung der Wirtschaft braucht" (um spiegel.de zu zitieren) keine attraktive Vorstellung. Selbst der eloquente Prochorow war unter diesem Gesichtspunkt keine Variante - denn die Herkunft seiner Milliarden ist Vielen suspekt und weckt Zweifel an seinen Zielen.

Putin hingegen konnte sich auf die erfolgreichen letzten zwölf Jahre berufen. Die Einkommen sind deutlich gestiegen - mit Hochschulbildung sind 1000 Euro brutto inzwischen normal. Es entwickelte sich eine Mittelschicht mit neuer Eigentumswohnung und zwei Autos in der Familie. In die Infrastruktur wird (entgegen vielen deutschen Berichten) stark investiert - zwischen St. Petersburg und Moskau fahren nun deutsche Hochgeschwindigkeitszüge, es werden Schulen, Umgehungsstraßen und Autobahnen errichtet. Dass dies in einem riesigen Land etwas länger dauert als in den fünf neuen Bundesländern, sollte nachvollziehbar sein. Und Russland ist komplett schuldenfrei!

Dass Putin natürlich vom hohen Ölpreis ab 2000 profitiert hat, ist klar - aber so lange bei der Bevölkerung dennoch etwas vom Wohlstand ankommt und nicht nur wenige Oligarchen wie unter Jelzin profitieren, wählt man gern und dankbar Putin!

Was ist nun dran an den Vorwürfen der deutschen Presse?

* "Wenn der Wohlstand eines Tages ausbleibt, dann wird Putins Stern sinken": Stimmt!
* "Putins Parteikollegen sind korrupt": Stimmt!
* "Die gebildeten Großstädter hat Putin verloren": Quatsch! Viele meiner gut verdienenden Kollegen haben ihn gewählt, der proletarische Schrauber in der Autowerkstatt, wo ich heute morgen war, nicht!
* "Allein Beamte und Rentner haben den Sieg ermöglicht": Falsch, gerade diese sind ja die Verlierer gegenüber sowjetischen Zeiten und wählen daher tendenziell die Kommunisten!
* "Beobachter haben 3000 Wahlbeschwerden registriert": 3000 stimmt, man sollte aber auch mal lesen, was da so steht. In Novosibirsk waren gestern Abend fast durchweg banale Fragen als "Beschwerde" registriert: "Darf Putins Partei zwei Wahlbeobachter in ein Büro schicken?" "Eine gebrechliche Oma hatte eine mobile Wahlurne nach Hause bestellt, aber die Adresse falsch angegeben. Darf diese korrigiert werden?" "Der Beobachter sieht nur den Rücken des Wahlleiters." Eher selten wirkliche relevante Dinge: "Die Webcam stand für fünf Minuten still!", "Ein Wahlbeobachter wurde aus dem Büro verwiesen!", "Vor dem Wahlbüro wurde zur Wahl von Putin aufgerufen!" oder "Hier gibt es auffällig viele Wähler aus anderen Wahlbezirken!" Wohlgemerkt sind aber auch diese drei Punkte kaum verwertbare Verstöße oder gar Nachweise konkreter Fälschungen!
* "Putin-Anhänger werden mit Bussen von Wahlbüro zu Wahlbüro gefahren": In meinen Augen Quatsch. Wer in einem fremden Wahlbüro wählen will, muss einen Nachweis von seinem Heimatort dabei haben, dass man dort nicht wählt. Dieser Nachweis wird unter Vorlage des Passes gegen den Wahlzettel getauscht. Für einen Missbrauch müssten also professionell manipuliert werden - mehrere Nachweise oder falsche Pässe. Und alles wäre nachweisbar: Auf den Webcams müssten die Leute mehrfach zu sehen sein sowie in den Wählerlisten doppelt auftauchen. Solche Nachweise kann niemand bieten!
* "Kollektive werden zur Stimmabgabe unter Aufsicht des Chefs gezwungen": Legende! Dies wäre ja auf den Webcams zu sehen, ich kenne aber keinerlei solche Aufnahmen!
* "Universitäten rufen in Aushängen die Studenten zur Wahl von Putin auf": Die mir bekannten Beispiele waren Fälschungen. Ebenso angebliche Stimmenkäufe.
* "Verstorbene stimmen für Putin": Dies wäre im Wählerverzeichnis erkennbar und anfechtbar.
* "Putin ist viel mehr im Fernsehen zu sehen": Er war amtierender Ministerpräsident - da wird man natürlich häufig gezeigt. In reinen Wahlsendungen soll hingegen der Kommunist Sjuganow am häufigsten gesendet worden sein.
* "Putin hat die echte Opposition nicht zugelassen": Eine Partei wurde grundsätzlich nicht genehmigt, der Kandidat der anderen nicht zur Wahl zugelassen. Der Grund - ungültige Unterstützerunterschriften - mag fingiert sein. Es ist aber nicht so, dass dies den Erfolg von Putin ernsthaft schmälert - mit Prochorow gab es ja durchaus einen wählbaren Oppositionellen.

Mein Fazit ist also: Auch wenn es Europa nicht wahr haben will - Putin hat schlicht und ergreifend den Nerv der Russen getroffen und gewonnen. Und wer nun behauptet, dies wäre nur durch die Propaganda Putins oder Fälschungen gelungen, der erklärt an sich die Russen für dumm! Und wenn das der Westen weiter so macht, dann stärkt er damit nur nationalistische Tendenzen in Russland!

P.S.: An sich ist die Opposition Russlands gut mit der Occupy-Bewegung in Deutschland vergleichbar. Im Fernsehen kommt sie sehr wenig vor. Die Veranstaltungen werden früher oder später von der Polizei (nicht immer gewaltlos) geräumt. Viele Deutsche sympathisieren mit den Ideen der Bewegung, wählen dann aber am Ende doch CDU oder SPD. Weil Merkel keine Alternativen zulässt? Weil Merkel häufiger als die Occupy-Leute im Fernsehen ist? Weil die Presse in Deutschland kontrolliert ist?

Einschätzung nach der Wahl in Russland II - Nachtrag (9. März 2012)

Manch einer mag den Eindruck bekommen haben, dass ich mit meiner Mail am Montag zum Putin-Anhänger geworden bin. Dem ist ganz sicher nicht so.

Ich finde persönlich bin von der Wahl meiner Gastgeber nicht begeistert, ich selber hätte wohl eher für das neue Gesicht Prochorow gestimmt - auch wenn seine Partys 2007 in den Alpen ("Courchevel Prochorow" bei Google) einen sehr eigenartigen Beigeschmack haben. Ich wollte mit meiner Schilderung vor allem aufzeigen, dass ich die Wahl von Putin als die weitestgehend (!) ungefälschte Meinung der Russen empfinde.

An sich halte ich diese aber für fatal. Putin verkörpert eine Art von Stärke, die mir unsympathisch ist. Statt echter Innovation setzt er auf Aktionismus. Stärke zeigt er vor allem durch populistische Wortmeldungen oder wiederum wenig hilfreichen Aktionismus.

Wenn die Wälder brennen, steigt er selbst in den Hubschrauber und tut so, als würde er die Dörfer retten - anstatt endlich die wilde Folgen der Privatisierung der Waldwirtschaft zu klären. Wenn es um Innovation geht, trifft er sich mit Wissenschaftlern, hört vor laufenden Kameras wie ein braver Schuljunge zu und verkündet nachher einen schlauen Beschluss. Zur Förderung der heimischen Autowirtschaft fuhr er angeblich mit einem Lada quer durch das Land - in Wirklichkeit wurde er immer nur wenige Meter vor den Journalisten in die russischen Schachtel auf Rädern umgesetzt und die Staatslimousine wurde schnell aus dem Bild gebracht.

Wenn der Staatschef so offensichtlich auf Bilder anstatt echte Ergebnisse setzt, passt sich der restliche Apparat schnell an. Wichtig ist, dass es toll klingt und fein aussieht - nicht, dass es wirklich etwas bringt.

Ein gutes Beispiel ist der öffentliche Nahverkehr in Novosibirsk. Neben der U-Bahn hatte Novosibirsk ursprünglich gut funktionierende Straßenbahn-, O-Bus- und Buslinien.

Die Straßenbahn wird aus Geldmangel auf Verschleiß gefahren - inzwischen sind so viele Fahrzeuge defekt, dass einige Linien nur noch einen einzelnen Zug haben und so nur noch auf dem Papier existieren. Aber man will nicht untätig erscheinen, pünktlich zu jeder Wahl gibt es 1 bis 3 neue Wagen - bei einst über 400 Wagen natürlich reiner Aktionismus.

Bei den O-Bussen ein ähnliches Bild. Etliche Linien wurden erst immer seltener bedient, bis die Fahrgäste ausblieben und man sie mit diesem Grund einstellen konnte. Pünktlich zur Wahl wurde nun aber eine neue O-Bus-Linie eröffnet - sogar bis zur neuen Messe und zum Flughafen, wo es gar keine Oberleitung gibt. Ein Hybrid-Bus macht es möglich. Ein (!) Hybridbus. Die neue Linie fährt also ganze drei Mal am Tag - und die Fahrgäste kann man an einer Hand abzählen.

Für die städtischen Buslinien wurden vor einigen Jahren neue Busse angeschafft, dafür wurde extra ein Hotel im städtischen Besitz verkauft. Ein Jahr später wurden die Buslinien plötzlich in private Trägerschaft übergeben, weil dies rentabler wäre. Private Unternehmen mieten seitdem unter undurchsichtigen Bedingungen die Fahrzeuge und bedienen die Linien. Die vergünstigten staatlichen Monatskarten für Rentner galten damit nicht mehr und die anderen Fahrgäste mussten auch 16 statt 14 Rubel zahlen.

Natürlich fand sich irgendein Beamter, der daraufhin einheitliche Tarife festlegte - 14 Rubel für alle Busse. Die privaten Betreiber sagen seitdem, dass der Betrieb in den Abendstunden unrentabel sei und fahren nur noch bis 19 Uhr. Ich komme damit beispielsweise nicht mehr mit dem Bus nach Hause und muss die weiter entfernte U-Bahn nutzen.

Theoretisch gibt es natürlich Lizenzbedingungen, wo definiert ist, bis wann der Bus zu fahren hat - aber trotz Beschwerden passiert nichts. Ich habe im Oktober vier Beschwerden geschrieben - keine Reaktion. Im November gibt es dann aber plötzlich eine Pressemitteilung: "Zahl der Beschwerden im November gesunken!" - klar, wenn eh keiner reagiert. Warum nicht? Angeblich sind die Busbetreiber mit einflussreichen Beamten verbandelt.

Und damit wären wir bei der Korruption, welche Putin unter anderem bei den Parlamentswahlen im November auf die Füße gefallen war! Während diese im kleinen Maßstab zunehmend unter Kontrolle gebracht wird - Kameras in allen Polizeiautos sollen beispielsweise Bestechungen verhindern -, so wird im großen Maßstab noch immer gemogelt, was das Zeug hält. Jede zweite Katastrophe, ob nun Brände, explodierende Kraftwerke oder untergehende Dampfer, fördern solche Machenschaften zu Tage.

Aber wie dem auch sei, Putin sitzt fest im Sattel. Warum? Das habe ich am Montag versucht zu erläutern - es geht den Leuten dennoch zu gut und Russland steht weltweit zu gut da. Ein Machtwechsel würde dies vielleicht in Gefahr bringen - allein dieses "vielleicht" reicht, um für das Bewährte zu stimmen.

P.S.: Die zweite Frage zu meiner Mail am Montag wäre, warum die deutsche Presse so stark über an sich kleine "Massen"kundgebungen und kaum bewiesene Wahlfälschungen berichtet. Solche Schlagzeilen verkaufen sich wahrscheinlich besser an die Redaktionen in Berlin als eine sachliche Meldung: "Putin 6 Prozent schlechter als Medewedew 2008". Und spätestens wenn eine Redaktion die Revolution in Moskau meldet, müssen die anderen nachziehen.

Was ändert sich nie, was hat sich geändert und was ändert sich bei uns? (24. Mai 2012)

Es gibt viele Dinge, die sich in den letzten Jahren in Russland verändert haben. Es gibt aber auch Dinge, die sich wohl nie ändern werden.

Ich wollte jenes Auto, welches wir im Moment ab und zu nutzen, legal durch die technische Überprüfung bringen - aber wen ich auch fragte - niemand konnte mir sagen, wie das geht. "Ohne Bezahlen? Keine Ahnung, noch nie gemacht!"

Die Techosmotr - der russische TÜV - ist seit Ewigkeiten durch und durch korrupt. Daran haben auch x Reformen nichts geändert. Allenfalls wurde es etwas komplizierter, die Techosmotr zu kaufen. Als ein Nachweisfoto im Regelwerk vorgesehen wurde, war es plötzlich nicht mehr möglich, die Stempel ohne Vorzeigen des Autos zu bekommen. Dies bedeutete freilich nicht, dass die Fahrzeuge fortan geprüft wurden.

2011 gab es dann eine sehr verwunderliche Neuerung - Putin setzte die Techosmotr komplett für ein Jahr aus, um neue, korruptionsfreie Ideen zu entwickeln. Ergebnis war, dass man nun gegenüber dem Haftpflichtversicherer die Tauglichkeit des Autos nachweisen muss - keine Versicherung sollte daran interessiert sein, defekte Fahrzeuge zu versichern. Sollte.

Die Techosmotr findet wieder an den alten Stellen statt, man kann die Stempel noch immer kaufen. Die Versicherung haben natürlich auch keine Chance, die Wahrheit zu prüfen. Aber sie können nun mitverdienen, denn vor allem kleinere Gesellschaften bieten nun unter der Hand direkt die Vermittlung korrupter Autoprüfer an. Es ist damit zu einem stillen Werbefaktor geworden - wo bekommt man die Haftpflicht auch ohne Techosmotr.

Angeblich ist die nächste Reform schon in den Schubladen.

Ich habe aber - schon aus purem Interesse - brav das Auto ganz machen lassen, sogar die durch die sibirischen Winter unausweichlich gerisse Frontscheibe ausgetauscht. Bin brav zur Techosmotr und habe ganz legal die Bestätigung erhalten. Das Aufmöbeln des Autos war etwa 50 Mal so teuer wie der einfache Weg - aber immerhin kann ich nun allen russischen Freunden berichten, wie man in Russland legal die technische Überprüfung des Autos durchläuft.

Ansonsten bin ich schon erstaunt, wie sich Russland die letzten zehn Jahre verändert hat - ja, im Sommer sind es für mich nun schon zehn Jahre.

Das Land ist auf die Beine gekommen, zwar in der Krise kurz gestolpert, aber nun weiter auf dem Weg nach oben. Die Preise haben sich verdreifacht. Die sowjetischen Autos wichen zunächst japanischen Gebrauchtwagen, nun aber mehr und mehr noblen Pseudogeländewagen. Kannte ich anfangs noch alle netten Caf és und Restaurants von Novosibirsk von innen, bin ich inzwischen froh, wenigstens die Namen der Lokale einer Straßenecke zuordnen zu können. Auch die alternative Subkultur beschränkt sich nicht mehr auf zwei Clubs. Westliche kulturelle und gesellschaftliche Tendenzen haben Sibirien erreicht - vom lokalen Occupy-Camp bis hin zur Museumsnacht. Und selbst der Klimawandel erobert uns - dieses Jahr gab es so gut wie keinen Schnee.

Zeit auch für uns, einen kleinen Wandel einzuläuten. Nein, jetzt kündige ich keinen Umzug nach Deutschland an. Ab Juni begeben wir uns für ein Jahr in die Taiga - Elternzeit im sibirischen Dorf. Mit Jan und Arthur zusammen werden wir mal schauen, wie es sich mitten im Wald mit Bach vor der Tür, dafür ohne fließend Wasser und Zentralheizung so lebt. Als kleinen Ausblick stelle ich bei Facebook eine Fotosammlung aus diesem Dorf ein - für alle, die mal schauen wollen, wie es dort so ausschaut. (Wer kein Facebook mag, bekommt von mir gern einen Link zum Anschauen ohne eigenen Zugang zugeschickt.)

Und ab Juni wird es dann Berichte aus Tutujas geben, statt aus Novosibirsk.

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